Buchauszug

Der Abiturbetrug: Von Respekt und Handwerkerstolz

01.08.2020 - Mathias Brodkorb und Katja Koch

Das deutsche Abitur war jahrzehntelang ein Qualitätssiegel. Bildung »made in Germany« genoss hohes Ansehen in der Welt und versprach mit dem Abitur als ihrem schulischen Höhepunkt freien Hochschulzugang und gesellschaftlichen Aufstieg. Wird das Versprechen heute noch eingehalten? Das Bild, das die Schulen und die von ihnen vergebenen Abschlüsse bieten, gibt eine eindeutige Antwort: Kaum jemand kann noch darüber hinwegsehen, dass das Leistungsniveau in deutschen Schulen nicht nur in alarmierendem Maße sinkt, sondern im Vergleich der Bundesländer auch noch eklatante Unterschiede aufweist. Obwohl das bildungspolitische Chaos und die skandalöse Ungerechtigkeit im deutschen Bildungssystem offensichtlich sind, herrscht über die entscheidende Ursache für den Niedergang weitgehend Unklarheit. Katja Koch und Mathias Brodkorb zeigen, dass der mit guten Gründen vor siebzig Jahren eingeführte Bildungsföderalismus inzwischen absurde Blüten treibt: Während einige Bundesländer hohe Anforderungen stellen, machen es andere ihren Abiturienten leicht. So hängt das Abiturergebnis heute eher von der Gnade der Geburt als von der schulischen Leistung ab. Leidtragende sind nicht nur Schüler und ihre Eltern.

Buchauszug aus "Der Abiturbetrug. Vom Scheitern des deutschen Bildungsföderalismus. Eine Streitschrift"


Wer, wie die Autoren des vorliegenden Buches, klar und deutlich das fachliche Niveau des deutschen Abiturs in Frage stellt und damit zwangsläufig auch die hohe Zahl an Abiturienten, sieht sich schnell dem Vorwurf ausgesetzt, ein elitäres Weltbild zu pflegen. Für ein solches Weltbild wären, so wird unterstellt, Abitur und akademische Weihen nur etwas für die geistig Hochwohlgeborenen unter uns, während sich alle anderen gefälligst in der beruflichen Welt zu tummeln, kleinere und vor allem anständige Brötchen zu backen hätten.

Wer die Diskussion mit diesem rhetorischen Trick von den Fakten weg in die Welt des Moralismus verschiebt, kann sich großen Beifalls sicher sein. In einer Demokratie ist kaum jemand bereit, sich von einer selbst ernannten »Elite« den bloß »gewöhnlichen Menschen« zurechnen zu lassen.

In Wahrheit jedoch ist es umgekehrt: Die seit Jahrzehnten anhaltende Debatte um die sogenannte »Wissensgesellschaft« hat in Deutschland gigantische Illusionen erzeugt. Seit langer Zeit schon wird ausgerechnet von den kulturellen und politischen Eliten für einen immer breiteren Zugang zu Abitur und Hochschulstudium getrommelt. Julian Nida-Rümelin nennt das den »Akademisierungswahn«. Die öffentliche Debatte legt dabei den Eindruck nahe, die echte Menschwerdung beginne erst mit dem Abitur oder gar einem Studium. Als seien Handwerker oder Facharbeiter etwas minderbemittelte Vorstufen der wahren menschlichen Existenz.

Durch größeren beruflichen Erfolg aufgrund eines Hochschulstudiums lässt sich diese Werteverschiebung nicht erklären. Nichtakademische Fachkräfte verdienen in aller Regel mehr als Geisteswissenschaftler. Aber ausgerechnet Studienfächer aus diesem Bereich sind außerordentlich beliebt. Es muss also andere Gründe als den bloßen beruflichen Erfolg für den Ansturm auf Gymnasien und Hochschulen geben. Und die sind kulturell. Der Akademisierungswahn lässt sich ohne den ihm innewohnenden Hang zur kulturellen Verachtung handwerklicher und praktischer Tätigkeiten nicht erklären. Die Idee des gesellschaftlichen Aufstiegs wird immer stärker mit der Frage verbunden, ob man sein Abitur und vielleicht sogar ein Studium geschafft hat oder nicht – egal um welchen Preis. Und den Eltern und ihren Kindern wird zunehmend eingeredet, daran müsse ihr Selbstwertgefühl hängen. Ein verhängnisvoller Irrtum.

Es fehlt uns heute nicht nur die Einsicht, dass viele, ganz unterschiedliche Berufe für das Funktionieren unserer Gesellschaft gleichermaßen von Bedeutung sind, sondern vor allem Respekt: »Die Krise beruflicher Bildung ist vor allem eine Krise der Anerkennungskultur, der Anerkennung von nichtakademischen Fähigkeiten, Begabungen und Interessen.« Es darf also nicht denjenigen, die das niedrige Niveau unseres heutigen Abiturs und die zu hohe Anzahl von Abiturienten und Studenten kritisieren, eine elitäre und arrogante Grundhaltung unterstellt werden, sondern eher ihren Gegnern.

 

Mathias Brodkorb, geboren 1977, war Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur und von 2016 bis 2019 Finanzminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Katja Koch, geboren 1970, ist seit 2008 Professorin für Sonderpädagogische Entwicklungsförderung an der Universität Rostock.

 

Mathias Brodkorb, Katja Koch: "Der Abiturbetrug. Vom Scheitern des deutschen Bildungsföderalismus. Eine Streitschrift" 152 Seiten, 14,00 Euro, zu Klampen Verlag, Erscheinungsdatum 09.03.2020

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen