Erzählung

Der Brief (Teil I)

01.08.2020 - Dr. Burkhard Luber

Eine Erzählung aus den Bergen

Teil I

Mit einer Heftigkeit, die man ihr nicht zugetraut hätte, umklammerte sich Agatha plötzlich an ihren Gegenüber. Sie riss ihn förmlich zu sich, als wolle sie ihn nicht mehr loslassen. 

           “Blei bei mir, Bernhard, bitte bleib hier. Geh' nicht nach Sarajevo”. 

Der Mann, den sie gefangen hielt, wehrte sich in seiner Verblüffung nicht. 

           “Aber Agatha, was ist los mit dir? Wir haben es doch alles längst so abgesprochen. So viele Male. Es gibt keine Alternative. Ich muss nach Sarajevo. Jetzt, bevor der Morgen kommt und alles zu spät ist.”

“Bernhard, tu es nicht, es ist Wahnsinn, was du vorhast” 

           “Nein, Agatha, es ist kein Wahnsinn, das weißt du genau so gut wie ich. Es ist unsere letzte Chance”. 

Sie kam wieder zu sich, lockerte ihre Umarmung und sah ihn jetzt traurig und verzweifelt an. 

           “Wir hatten diese Hoffnung”, fuhr der Mann fort, “dass es ein friedliches geeintes Bosnien geben können, aber jetzt ist alles verspielt. Wie haben wieder Krieg im Land und sie schießen wieder auf Sarajevo. Nur eine Hoffnung ist uns noch geblieben. Wie dürfen sie nicht auch noch verspielen” 

Agatha ließ ihren Freund los, so wie man sich von einer letzten Hoffnung trennt. Und dann kamen ihr die Tränen. Aber auch unter Tränen rief sie ein paar Mal “Nein, ich will nicht weinen”.

Bernhard strich ihr übers Gesicht. 

           “Das ist die Stunde von John Dowland. “Flow my tears”, erinnerst du dich, wie ich dir das öfters vorgespielt habe?” 

Agatha nickte heftig, immer noch von ihrem Schluchzen geschüttelt. Bernhard berührte sie sanft und behutsam. Er sah die vielen schwarzen Haare, links, rechts und ganz oben diese eine große schwarze Locke, die immer in ihre Stirn fiel, wenn sie lachte, sich aufregte  oder wie jetzt einfach drauflos weinte. 

           “Komm, Liebste, laß uns auf die Bank da drüben sitzen. In der untergehenden Sonne werden wir nachher die Dächer von Sarajevo sehen können, komm” 

Langsam schlenderten sie den kleinen Weg hinauf, wo schon nach kurzer Zeit eine Bank stand. Lange sagte keiner von ihnen ein Wort. Versunken in ihren Gedanken blickten sie beide in die Richtung, wo jetzt Sarajevo liegen musste. 

           “Bernhard,” unterbrach Agatha das Schweigen, “magst du mir zwanzig Euro leihen, sonst kann ich das Ticket nach Beograd nicht bezahlen” 

“Ja, “leihen”, lachte der Mann, “leihen”, das ist das richtige Wort in unserer Situation. Gerne “leihe” ich dir etwas, wie du es so nett formulierst. Aber ich hab dir doch vor paar Tagen schon 300 Euro gegeben?” 

           Agatha hielt Bernhards forschendem Blick nur mit Mühe stand. Prüfend glitten seine Augen über die Frau, die er über alles in der Welt liebte und von der er doch so wenig wusste. 

           “Ach Bernhard, als ich vorgestern die Flüchtlingsfamilie sah, das kleine Kind darunter, seine traurigen Augen, da bin ich schnell in einen Laden gegangen, hab einen Teddybär gekauft und Schokolade und hab das dem Kind geschenkt. Es konnte vor Staunen gar nicht sprechen, sondern lief zu seinen Eltern und zeigte ihnen den Bären und die Schokolade, ganz ohne Worte. Da konnte ich nicht anders und hab´ der Familie den Rest der 300 Euro auch noch geschenkt. Sie waren so dankbar, dass sie auch nicht sprechen konnten. Das Kind hat zum Schluss gewunken, als ich um die Straßenecke bog. Bist du mir jetzt arg böse?” 

           Bernhard blickte in Agathas Gesicht. “Über so viel Großherzigkeit böse sein? Was fällt dir ein. Warte, hier ist Geld für deine Fahrkarte und noch etwas mehr.” 

Und mit diesen Worte steckte er ihr kleines Bündel Geldscheine zu. Agatha sah ungläubig darauf.

“Laß gut sein, du brauchst sie nicht nachzählen. Es sind genau zwanzig 50 Euro Scheine”

            “Du hast unser Sparbuch aufgelöst, ohne mich zu fragen?” 

“Das weißt du doch, das würde ich nie tun. Nein ich hab etwas gejobbt um Geld zu verdienen” 

           “Gejobbt? In Bosnien kann kein Ausländer jobben”. 

“Es war nicht in Bosnien. Es war in Deutschland” 

           “Wie kamst du nach Deutschland?” 

“Erinnerst du dich, als ich dir letzten Herbst von dem GIZ-Projekt erzählt habe, für das ich neu eingestellt worden war?” 

Agatha nickte.

“Ich hab dich angelogen. Ich war nicht bei der GIZ in dieser Zeit. Ich ging zum ICE Reinigungsdienst nach Hamburg-Altona. Sie suchten Leute. Abends kommen die letzten Züge dort an und müssen über Nacht gereinigt werden bis zum frühen Morgen. Um 5 Uhr früh, wenn der erste ICE wieder zum Hauptbahnhof fährt, war ich total müde. Wir durften nur bis 8 Uhr auf Holzbänken ausruhen. Dann bin ich tagsüber spazieren gegangen bis zu nächsten Nachtschicht. Vier Wochen harte Arbeit. Aber gut bezahlt wie du siehst,” lachte er. “Nimm es, mir nützt es nichts mehr für das, was ich vorhabe. 

           “Und noch etwas. Hier, nimm diese drei Briefe. Ich hab niemand mehr auf der Welt außer dir und du weißt, dass ich auch die unangenehmen Dinge erledigt haben will. Nimm sie, die Umschläge sind offen, du kannst sie lesen. Einen der drei gib später im Außenministerium ab. Ich haben einen Freund in der dortigen Abteilung “Personal-Identifizierung” im ersten Stock. Der Text des ersten Briefes lautet “Es geht ihm gut, aber er kann nicht mehr zurück”. Der zweite heißt einfach “Whereabouts unknown”. Und der dritte: “Bernhard / 4. Juni 1998 - November 2027. Er ruht in fremder Erde”

Agatha nickte beklommen. Da fühlte sie wieder diesen Druck in ihrem Hals. Und diesmal wollte sie auf keinen Fall noch einmal zu weinen anfangen. Hilflos nahm sie die drei Umschläge und küsste sie vorsichtig. 

           “Nicht doch” lachte Bernhard, du sollst mich küssen und nicht die Briefe” 

Agatha erwachte aus ihrer Beklommenheit. Da war es wieder: Bernhards fröhliches unbeschwertes Lachen, das sie schon so oft getröstet hatte. Sie sah dieses Gesicht mit seinen wilden ungezähmten Haaren, die sie so oft gestreichelt hatte. 

In die Stille hinein, hörte er sie fragen “Wirst du mir treu bleiben, Bernhard” 

           “Aber Agatha, wer dich geliebt hat, wird keine andere Frau mehr lieben.” 

“Oh wie poetisch”, lachte sie, um ihre Befangenheit zu überwinden. “Ich werde auch ganz fest an dich denken, auch wenn ich nicht verstehe, warum du das tust, was du jetzt vorhast. 

           “Du weißt doch” entgegnete er, sie aufmerksam betrachtend, “es gibt Sachen, die man nicht erklären kann” 

Nach einiger Zeit stand Bernhard auf. Er weckte Agatha sanft, die eingeschlafen war. Vor Erschöpfung, vor Traurigkeit oder vor Angst; Bernhard wusste es nicht. 

           “Agatha, ich muss jetzt gehen. Die Scharfschützen fangen schon sehr früh an zu schießen. Und sie schießen auf alles , was sich bewegt. Ich muss vor ihnen in der Stadt sein. Denk an mich, so wie ich auch immer an dich denken werde”. 

Agatha erhob sich mühsam und unsicher. Lange blickte sich das Paar aufmerksam und innig an. Dann schlossen sie beide ihre Augen und gaben sich einen Kuss, der in seiner sanften Innigkeit brennender war als viele, die sie in ihren gemeinsamen Nächten getauscht hatten. 

           Langsam löste sich Bernhard aus der Umarmung und begann den steinigen steilen Weg hinan zu steigen, der ihn nach Sarajevo bringen sollten. “Dreh dich nicht um” befahl er sich. “Wenn du dich umdrehst, wird sie wieder weinen und das soll sie nicht” 

Agatha war an der Bank stehen geblieben. Sie sah, wie Bernhard höher stieg und schon nach kurzer Zeit in der Entfernung nur noch eine kleine Gestalt war. “Er soll sich nicht umdrehen” bat sie inständig, “sonst weine ich wieder und weinen, das will ich nicht.” 

           In sich versunken stand sie immer noch da, als von Bernhard längst nichts mehr zu sehen war. Dann stieg sie den Bergpfad hinab. In ihrer Jacke knisterten die Euro-Scheine. Die drei Briefe hielt sie in ihrer Hand. Sie seufzte. Er hat wie immer an alles gedacht. Sie sah auf ihre Uhr: Den Bus nach Belgrad würde sie bestimmt noch bekommen. Aber sie war müde, schrecklich müde. So setzte sie sich erneut auf eine andere Bank. Die Augen fielen ihr zu. Sie sah die untergehende Sonne nicht. Sie hörte die Vögel nicht. Einer von ihnen kam ganz nahe zu ihr, hüpfte neugierig um ihre Schuhe herum und setzte sich auf ihren Rucksack. 

           Erst als sie Stimmen näher kommen hörte, schreckte sie auf. Aber da war es schon zu spät. 


(Teil II folgt in der nächsten Ausgabe)

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