Erzählung

Der Brief (Teil II)

01.09.2020 - Dr. Burkhard Luber

Eine Erzählung aus den Bergen

 

Teil II

 

(Teil I ist in der letzten Ausgabe erschienen)

         Erst als sie Stimmen näher kommen hört, schreckte sie auf. Aber da war es schon zu spät.

 

         “Aufstehn, aufstehn”, befahl eine gebieterische Stimme, und als Agatha aufsah, blickte sie auf eine Gruppe bewaffneter Männer ohne Uniformen aber mit Gewehren.

 

         “Aufstehn hab ich gesagt”. Agatha erhob sich ängstlich. “Dobre vece”, stammelt sie. “

 

         “Na ja, mal sehn, ob das noch ein guter Abend für dich wird. Woher und wohin?”

 

         “Ich will zur Bushaltestelle und dann nach Belgrad”. “

 

“Ah, nach Belgrad. Ausgerechnet nach Belgrad.”

 

         “Was wollen Sie”.  fragte Agatha ängstlich. “Geld? Ich kann Ihnen Euro geben”.

 

“Lass stecken Mädchen, dein Geld brauchen wir nicht. Wie heißt du?”

 

         ”So, so, Agatha. Hast du keinen Freund?” Agatha verstummte.

 

“Schon gut, das brauchst du uns nicht erzählen”

 

         Einer der Männer kam böse lächelnd näher.

 

“Musst keine Angst haben” und macht sich an ihrer Bluse zu schaffen.

 

         “Hände weg” schrie ein anderer und versetzte ihm einen Schlag ins Gesicht. “Wer bei uns Frauen anfasst, baumelt am nächsten Baum, verstanden?”

 

Unsicher trat der erste einen Schritt zurück. Der Anführer stellte sich vor Agatha.

 

         “Entschuldigen Sie, mein Kamerad ist, na ja Sie wissen, Schnaps und so. Aber mitkommen müssen Sie, tut mir leid, wir brauchen jemand zum dolmetschen, dieses verfluchte Englisch kann doch niemand richtig verstehen. Können Sie Englisch?”

 

Agatha nickte beklommen.

 

         “Also kommen Sie mit, ich hafte für Ihre Sicherheit, es wird Ihnen nichts passieren und in drei Tagen sind Sie wieder frei, dann können Sie wieder tun und lassen was Sie wollen, auch nach Belgrad fahren, wenn das Ihr Plan ist.”

 

Agatha wusste, Widerstand war zwecklos. Sie raffte sich auf und schloss sich der Gruppe an, die zügig bergauf marschierte auf Pfaden, die Agatha nicht kannte, sogar nicht einmal wusste, dass es solche gab. Drei Tage waren sie unterwegs, genau wie es der Chef der Partisanen ihr gesagt hatte. Immer wieder hörte sie Grillen und Zikaden. Sie wurde anständig behandelt, keiner schimpfte mit ihr, wenn sie um eine kurze Pause beim Marschieren bat. Sogar der, der sie am Anfang grob angefasst hatte, entschuldigte sich eines Abends bei ihr. Er habe sie für eine der verdammten Kroatinnen gehalten, es täte ihm leid. Agatha glaubte ihm kein Wort, aber sie ließ seine Entschuldigung gelten. Tagsüber war es glühend heiß, aber die Gruppe, wohl um nicht entdeckt zu werden, marschierte meist mitten im Wald. Abends war es dann oft empfindlich kalt. Aber der Anführer brachte Agatha eine Decke zum einwickeln. Zelte gab es keine und die Gruppe biwakierte auf dem Boden. Zu essen bekam sie genug, einfache Nahrung, Weißbrot, Paprika, Knoblauch, Salami, Oliven. Getrunken wurde nur Wasser.

 

         Als die Sonne am dritten Tag aufging, spürte Agatha eine für sie unerklärliche Unruhe in der Gruppe, eine Spannung, die auch sie ansteckte und ängstigte. Der Anführer trat auf sie zu:

 

         “Wir sind bald da und dann kommt es auf Sie an. Machen Sie keine Zicken, dann passiert Ihnen nichts. Ansonsten: Ab morgen kann ich nicht mehr für Ihre Sicherheit garantieren. Nein, keine Fragen. Von mir erfahren Sie nichts, absolut nichts. Wenn Sie tun, was Ihnen gesagt wird, ist alles gut. Wenn nicht - dann hilft Ihnen auch kein Gott mehr.”

 

         Agatha seufzte. Die Gruppe trat aus dem Wald heraus. Weit öffnete sich das Land unterhalb des kleinen Berges, dessen Gipfel sie erreicht hatten.

 

         “Da,” zeigte der Anführer mit seiner Hand nach unten. “Da müssen wir hin. Da werden die letzten Verhandlungen stattfinden. Ich vertrete die Freie Bosnische Armee. Wir haben kein politisches Mandat, aber wir haben die Macht. Verstehen Sie? Die Macht der Menschen, die Macht der Landschaft, die Macht der Heimat. Heute müssen die Bürokraten aus Sarajevo mit uns verhandeln. Und Sie müssen uns dabei helfen. Mit Übersetzen. Wollen Sie uns helfen?”

 

         Agatha seufzte. “Natürlich, wenn Sie nichts Unmögliches verlangen”.

 

“Nur zu, nur Mut. Wir sind gleich da”.

 

         Die Gruppe schritt nun rascher aus, die Gewehre schlugen öfters an die khakifarbenen Uniformen. Hier und dort hörte Agatha Rufe. Kamen sie schon von der Ebene, wo Agatha jetzt immer mehr Menschen sah, aber auch Lastwagen, Panzer, Radarschirme? Unversehens war die Gruppe mit Agatha in diesem Militärlager - das war es wohl wie es ihr schien - angekommen.

 

         “Dobar dan, Petar”

 

“Dobar dan, Stepan”, umarmte der Anführer einen anderen, der dort in dunkelblauer Uniform stand.

 

         “Alles klar”?

 

         “Ja alles klar, soweit in diesem verfluchten Land etwa klar sein kann. Hast du einen Dolmetscher gefunden?”

 

         “Aber ja doch, sogar eine Dolmetscherin!”

 

         Der blau Uniformierte lachte bedeutungsvoll.

 

         “Gratuliere dir, dann kann es ja losgehen. Ich hab die Dokumente und Landkarten im Auto. Am besten setzen wir uns hier aufs Feldbett und dann soll deine Dame…”

 

         “Sie heißt Agatha”.

 

         “Ok, dann soll diese Agatha übersetzen. Aber perfekt, sonst ist sie ihres Lebens nicht mehr sicher.”

 

         “Kommen Sie her”, winkte Petar Agatha heran und machte sie mit dem anderen bekannt.

 

         “Njemac?”

 

         “Ja, ich komme aus Dortmund”.

 

         “Ah, Borussia Dortmund, gutt Fußball, sehr gutt. Hier, diesen Stapel Papier müssen Sie ins Englische übersetzen. Mein Kollege schreibt Ihre Übersetzung in den PC. Das ist alles. Aber machen Sie Ihre Arbeit gut. Kein Abweichen vom Original, sonst werden Sie es bereuen”.

 

         Agatha machte sich an die Arbeit. In Ihrem Kopf rauschten unablässig die Gedanken. Was ging hier vor? Sollte ein Putsch vorbereitet werden? Wollte sich Bosnien abspalten? Sie befahl sich, nicht weiter darüber nachzudenken und beugte sich über die Dokumente. Sätze ohne für sie erkennbaren Sinn sprangen ihr entgegen: “Linie von der Neretva-Mündung bis nach Punkt 367 wird umgangen.” Oder: “Elektrizitätswerk Zenica - Sprenggefahr”. Auch: “Banja Luka = Minenfelder im Osten.”

 

         Agatha arbeitete schnell und konzentriert. Sie verbot sich alles Nachdenken. Nur weitermachen. Übersetzen. Nicht Nachdenken. Das befahl sie sich um die Angst zu überwinden. Aber auch um Bernhard zu vergessen, der - so hoffte sie inständig - jetzt sicher in Sarajevo lebte.

 

         Am dritten Tag war sie erschöpft. Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen. Die Sätze, die sie übersetzen musste, machten keinen Sinn mehr.

 

         “Ich brauch eine Pause” sagte sie zu dem Anführer. “Mir ist übel, so kann ich nicht weiter übersetzen”.

 

         Der Chef, den sie Petar nannten, blickte sie misstrauisch an. “O.k., ich gebe Ihnen eine Stunde Zeit. Weglaufen ist zwecklos, das wissen Sie”. Agatha nickte.

 

         “Da drüben ist ein kleiner Wald. Da können Sie sie spazieren gehen und sich ausruhen. Und - er lachte - auch Pippi machen. Aber pünktlich um vier Uhr sind Sie wieder hier, ohne Vertun. Sonst werden wir Sie suchen. Und, glauben Sie mir - wir werden Sie wiederfinden und dann geht´s Ihnen nicht mehr so gut”.

 

         Agatha verstand den drohenden Unterton, aber sie war froh über dieses Angebot. Einfach mal nicht übersetzen zu müssen. Sich ausruhen zu können.

 

         Agatha schlenderte hinüber zu den Bäumen. Angenehmer kühler Schatten umfing sie. Ihre Kopfschmerzen wurden weniger. Sie aß Weißbrot und einige Pflaumen, die von der letzten Mahlzeit noch übrig geblieben waren. Dann setzte sie sich auf einen Baumstamm und schaute sich um. In der Nähe das Militärlager sah sie Soldaten, und andere Bewaffnete, Sie hörte, Stimmen und Befehle. Dahinter erkannte sie die hohen Berge, die Sarajevo umgaben. Wieder wurde Agatha ganz müde. Sie schloss die Augen und dachte an die Bank, wo sie sich von Bernhard getrennt hatte. War es erst vorgestern gewesen? Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor.

 

         Als sie nach paar Minuten die Augen wieder öffnete, war das Leben im Lager so wie immer. Aber plötzlich sah sie einen Menschen von dort kommen, auch in Richtung des Waldes, wo sie selber saß. Jemand ohne Uniform, ohne Waffen. Fast unwirklich in dieser Situation. Noch war die Person zu weit als dass Agatha erkennen konnte, wer es war. Ein regulärer Soldat? Ein Partisan. Alles war in diesem Land möglich.

 

         Als der Mensch nur noch ein paar Bäume von ihr entfernt war, unterdrückte Agatha einen Schrei, aber schon kam die Gestalt noch etwas näher und legte den Finger auf den Mund. Trotzdem schrie Agatha leise, worauf ihr Gegenüber ihr sofort die Hand auf den Mund legte: Bernhard stand vor ihr. Vorsichtig kam er näher und flüsterte:

 

         “Sei ganz still, sonst ist alles aus”. Sie nickte.

 

“Wir müssen tun als ob wir uns nicht kennen, sonst sind wir sofort verloren”.

 

         Sie nickte nochmal, voller Angst und Erschöpfung.

 

         “Präg dir alles genau ein, Agatha. In wenigen Augenblicken werden wir uns im Lager treffen, du und ich. Die Freie Bosnische Armee und die Regierung in Sarajevo handeln ein Abkommen aus für einen Waffenstillstand. Eine letzte Chance, verstehst du. Ich verhandele für die Regierung und du bist Übersetzerin für die Partisanen. Alles kann gut ausgehen, aber du und ich, wir dürfen überhaupt nicht zeigen, dass wir uns kennen, sonst sind sie voller Misstrauen, dass wir sie betrügen könnten und alles wird scheitern. Es kommt so viel auf die Geographie an. Wer welchen Distrikt erhalten soll beim Friedensschluss. Kannst du das aushalten, ein paar Stunden, ohne dass wir uns zu erkennen geben, vielleicht sogar besser dass wir uns gar nicht anschauen?”

 

         Agatha nickte erneut.

 

“Und was wird danach sein, Bernhard?”

 

         “Erstmal gar nichts. Du wirst nach Belgrad fahren. Geld dafür hast du ja,” lachte er bedeutungsvoll, “ich hoffe die Partisanen waren anständig zu dir und haben dir nichts weggenommen.” Agatha nickte. “Und was wird aus dir?”

 

“Ich werde noch in Sarajevo bleiben müssen, bis alles dokumentiert ist. Später kann ich nachkommen. Aber es wird paar Wochen dauern.”

 

         “Ach Bernhard, wer weiß was in dieser Zeit passiert, komm doch mit mir nach Belgrad. Du hast einen Pass, sie werden dich ziehen lassen.”

 

“Ja das werden sie wohl, aber das will ich nicht. Jetzt wo wir so nahe dran sind am Frieden.”

 

         Agatha seufzte und nickte wieder. Dann schlenderte Bernhard zum Lager zurück und versuchte so unbefangen zu sein, wie er nur konnte. Etwas später wandte sich Agatha auch wieder den Partisanen zu.

 

         Einen Tag später saß Agatha im Bus von Sarajevo nach Belgrad. Die Zeit im Lager kam ihr wie ein böser Traum vor. Die mühselige Übersetzungsarbeit. Als Petar sie anschrie, weil er ihrer Übersetzung nicht glaubte. Als die Uniformierten Bernhard drohten, er lande im Gefängnis, wenn er nicht mehr Land für sie herausholen würde. “Für dich ist noch ein Baum zu schade”, hatte einer der bosnischen Offiziere in seiner Wut geschrien. Das Verhandeln zwischen den beiden Kriegsparteien. Das schlimme Misstrauen auf beiden Seiten. Die vielen Unterbrechungen, weil eine der beiden Seiten nicht einverstanden war mit ihrer Übersetzung. Als einer der Partisanen sie anfuhr: “Dich schicken wir nachher auf den Strich in Zagreb, da gehörst du nämlich hin, du blöde Deutsche.” Die lähmende Angst, sich nicht als Freundin von Bernhard zu verraten. Sein ermutigender Blick, wenn sie mit einem bosnischen Wort beim Übersetzen nicht weiterkam.

 

         Und sie erinnerte sich vor allem ganz deutlich, als alles vorüber war, wie sie mit sich kämpfen musste, nicht einfach Bernhard zu umarmen und mitzunehmen zum Busbahnhof, wo sie beide in ein paar Stunden hätten frei sein können, beide in Belgrad und von dort mit dem nächsten Zug nach Wien. Aber auch das blieb nur ein Traum. Sie hatte gesehen, wie Bernhard wieder in einen Militär-LKW stieg. Noch nicht mal ihm zuzuwinken traute sie sich, es wäre zu gefährlich gewesen bei all den Männern von beiden Parteien, die sie misstrauisch betrachtet hatten. Agatha seufzte. So hatte es alles sein müssen. Er war in Sarajevo geblieben und sie saß jetzt im Bus nach Belgrad. „Nun muss ich doch weinen“, dachte sie. Dann schlief sie wieder ein und wachte erst auf, als ein Arm sie freundlich schüttelte und eine Stimme sie ansprach:

 

         “Aufwachen, Gospodina, wir sind in Belgrad angekommen. Hier ist Endstation. Sie müssen aussteigen. Da drüben ist der Bahnhof. Sie wollen sicher weiterfahren.”

 

Agatha nickte, packte ihren Rucksack und stolperte noch halb schlafend ins Freie.

 

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Im folgenden Winter gab eine unbekannte tief verschleierte Frau einen Brief im bosnischen Außenministerium ab. 

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