Handelsüberschuss

Der deutsche Außenbeitrag – mehr als ein ökonomisches Problem

15.08.2017 - Martin Renghart

Nicolas Wolf hat zuletzt in zwei Artikeln („Lupus Oeconomicus“, 15.5 und 15.7.) im MILIEU die hohen deutschen Außenhandelsüberschüsse aus ökonomischer Perspektive kritisiert. Ich betrachte hier die kulturelle Seite – und meine: Mit ökonomischen Mitteln allein lässt sich das Problem kaum bekämpfen.

Wenn Trump die USA wegen ihrer negativen Außenhandelsbilanz als Verlierer des weltweiten Handels betrachtet, dann hat er aus meiner Sicht recht – zumindest aus psychologischer Sicht. Und umgekehrt, gibt es wohl einige Deutsche, die diesen Überschuss positiv sehen. Jedes Land braucht etwas, auf das es stolz sein kann. Bereits zu Schulzeiten war ich erstaunt, dass Deutschland gegenüber den USA einen riesigen Handelsüberschuss besitzt. Dies wird allerdings dadurch relativiert, dass die großen deutschen Unternehmen, die diesen Überschuss erzielen, überwiegend nicht mehr in deutscher Hand sind. Ihre Dividenden gehen zum großen Teil ins Ausland. Dies wird durch die Handelsbilanz aber nicht berücksichtigt: Wen interessiert schon, wenn ich als Deutscher ein paar amerikanische Aktien kaufe?

Aber man kann sich auch fragen, wie so ein Überschuss zustanden kommen kann, wo doch (fast) alle wichtigen Innovationen, vor allem im IT-Bereich, aus den USA kommen. Auch viele Massenkonsumartikel, die wir jeden Tag benutzen, verdanken wir den Staaten, die darauf eigentlich auch stolz sein könnten. Noch stolzer könnten sie aber sein, wenn sie mehr davon selbst produzieren könnten. Ich kann mich nicht entsinnen, wann ich zum letzten Mal ein Produkt mit der Aufschrift „Made in the USA“ (oder so ähnlich) in Händen hielt. Ein wichtiger Teil des Problems ist, dass die USA nicht in der Lage sind, industrielle Massengüter zu produzieren, die auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig sind.

Der zweite Teil betrifft den Konsum und hier geht es nun über die reine Ökonomie hinaus – die aber ohnehin nie von der menschlichen Psychologie zu trennen ist. Nach wie vor konsumieren US-Bürger im weltweiten und auch im westlichen Vergleich sehr viel: 2015 waren es um die 35 000 Dollar pro Kopf, verglichen mit umgerechnet etwa 20 000 Dollar in Deutschland. Anstatt also Deutschland oder China aufzufordern mehr zu konsumieren, könnten die Amerikaner ja auch weniger konsumieren, um ihr Defizit auszugleichen. Das dürfte aber nicht in kurzer Zeit zu schaffen sein, zudem hätte dies schwerwiegende Folgen für die Weltwirtschaft und würde vor allem Exportländer wie Deutschland, China und Japan massiv treffen. Zweitens sind die derzeitigen Konsumgewohnheiten der Amerikaner und ihrer Handelspartner sehr langlebig: Während die Deutschen aufgrund historischer Krisenerfahrungen traditionell viel sparen und nicht einmal durch die derzeit unverschämt niedrigen Zinsen zu größeren Ausgaben zu bewegen sind, könnten die Amerikaner ihren derzeitigen Lebensstil, der auf einem Höchstmaß an persönlicher Freiheit und Mobilität beruht, ohne die hohen Konsumausgaben nicht aufrechterhalten. Der amerikanische „way of life“ wäre in Gefahr. Die Angleichung der Lebensstile erscheint ebenso unwahrscheinlich, wie die unterschiedlichen Lebensphilosophien Nord- und Südeuropas unter einen Hut zu bringen. Dass China, Deutschland und Japan mittlerweile seit Jahrzehnten an der Spitze der Exportnationen stehen (wobei ein starkes deutsches Außenhandelsdefizit den anderen beiden gegenübersteht) deutet darauf hin, dass diese Länder neben unbestreitbaren kulturellen und politischen Unterschieden auch erhebliche gesellschaftliche und mentale Gemeinsamkeiten aufweisen.

Auch bei der Staatsverschuldung, die für den deutschen Außenhandelsüberschuss jedoch eine weniger große Rolle spielt, sieht es ähnlich aus: Zwar könnten die USA demnächst weniger in die Rüstung investieren, anstatt hunderte Milliarden von Euro in Afghanistan oder im Irak zu versenken – auch das ist natürlich viel mehr als ein wirtschaftliches Problem – aber sie werden es nicht zuletzt aus nationalen Prestigegründen nicht tun. Und der deutsche Staat kann wegen der bestehenden Gesetzeslage, insbesondere der langwierigen Genehmigungsverfahren, des Föderalismus sowie fehlenden Personals nicht von heute auf morgen Mittel verteilen, um Investitionen anzukurbeln, für die obendrein vielleicht gar kein wirklicher Bedarf besteht.

Tatsächlich ist der deutsche Exportüberschuss nicht nur eine wesentliche Quelle des Reichtums, sondern, wie Trump aus seiner Perspektive suggeriert, auch eine gewisse Genugtuung für die nationale Psyche. Denn so viele Dichter und Denker das Land auch gehabt haben mag, ein großer Exportschlager ist die deutsche Kultur – vor allem im Vergleich zur amerikanischen – bisher nicht geworden. Auch bezüglich der Industrie waren es meist nicht die Ideen, die oft genug aus dem angelsächsischen Raum gekommen sind, sondern die Qualität und Präzision, die das „Made in Germany“ zur Erfolgsmarke gemacht haben– die durch jüngste Skandale wie Dieselgate nun ebenfalls erheblichen Schaden erlitten hat. So gesehen ist der deutsche Exportüberschuss nicht nur ein materielles, sondern auch ein ideelles Kapital. „Made in Germany“ wurde nicht zu Unrecht von Étienne François und Hagen Schulze in die Reihe der „deutschen Erinnerungsorte“ aufgenommen.  Es geht um das schlichte Bewusstsein, dass man der Welt etwas geben kann, und das gilt schließlich in ähnlicher Weise auch für andere Länder.

Ergo: Man kann sich des deutschen Außenbeitrags rühmen, wenn man sich gleichzeitig bewusst ist, dass das Know-how dafür vielfach aus den USA kommt, für die Produktion arabisches Öl verwendet wird und die meisten Exporte in Länder mit einem niedrigeren Lebensstandard gehen. Man braucht die Frage der Gerechtigkeit und Fairness, wie sie auch Trump immer wieder ins Spiel bringt, dabei ja nicht ausblenden. Ansonsten stimmt die von Hans Werner Sinn einmal aufgestellte These der „Basar-Ökonomie“ durchaus noch, und das nicht nur für Deutschland: Jedes Land kauft sich mittlerweile die benötigten Güter und Dienstleistungen aus der ganzen Welt zusammen und versucht, das Beste daraus zu machen. Deshalb sollte man auch wissen, dass der Welthandel ein viel zu komplexes Ding ist, als dass man ihn durch das Drehen an ein paar geld- oder handelspolitischen Stellschrauben innerhalb kurzer Zeit ändern könnte. Am besten wäre es zweifellos, wenn die USA mit technologisch innovativen Produkten wie Elektroautos hervortreten würden und ihre Produktion auch im eigenen Land halten könnten. Das wäre sowohl für die Amerikaner wie auch für die Weltwirtschaft und vor allem für das weltweite Klima eine echte „win-win-Situation“.

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