Sprachkolumne

Der Einfluss von sprachlichen Kategorien und Akzenten auf unser Menschenbild

01.05.2021 - Daniela Ribitsch

Menschenkategorien

Um in dieser hochkomplexen Welt den Überblick zu behalten, teilen wir mithilfe der Sprache alles in Kategorien ein – sogar uns selbst. Für uns Menschen benutzen wir Kategorien wie

·         Rasse: Weiße, Schwarzafrikaner, Asiaten, indigene Amerikaner etc.,

·         Religion: Christen, Muslime, Juden etc.,

·         legale oder illegale Immigranten,

·         Flüchtlinge.

Während Wörterbücher um neutrale Begriffsdefinitionen bemüht sind, neigen wir als Individuen dazu, diesen Kategorien moralische Werte anzuhaften und andere Menschen dementsprechend entweder als Bereicherung oder als Bedrohung wahrzunehmen. Beispielsweise definiert der Duden einen „Flüchtling“ als eine „Person, die aus politischen, religiösen, wirtschaftlichen oder ethnischen Gründen aus ihrer Heimat geflohen ist“. Viele EuropäerInnen allerdings begreifen Flüchtlinge heutzutage als Bedrohung. Anstatt sie als hilfsbedürftige Menschen zu sehen, die – laut Duden - „aus ihrer Heimat geflohen“ sind, haben Flüchtlinge sich in den Augen vieler in Eindringlinge verwandelt.

Hautfarbe, Akzent, Vokabular und Grammatik anderer Menschen verleiten uns nur allzu oft dazu, diese in bestimmte Kategorien zu stecken – die sich jedoch oftmals als völlig falsch herausstellen. Manche Menschen beispielsweise begegnen AsiatInnen auf der Straße und beschuldigen diese, Corona eingeschleppt zu haben. Andere wiederum hören einen slawischen Akzent oder sehen Menschen mit schwarzer Haut und denken sogleich an Kriminelle. Oder sie hören Arabischspreche und stufen diese als Terroristen ein.

Wie der Historiker Christian Geulen erklärt, wurde der Rassenbegriff erst um das 15. Jahrhundert herum in Europa, speziell in Spanien, eingeführt, mit der Begründung, Herkunft und Blut definierten den moralischen Charakter einer Person. Seit damals bedeutet das für bestimmte Menschengruppen, aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Akzents, ihres Vokabulars oder ihrer Grammatik weniger wert zu sein. Viele von uns scheinen vergessen zu haben, dass die Menschheitsgeschichte eine Geschichte der Migration ist, die in Afrika - mit dunkler Hautfarbe - begann. Und die ganze Menschheitsgeschichte hindurch waren es ImmigrantInnen und Flüchtlinge aller Rassen und Religionen, die Kulturen auf der ganzen Welt bereicherten – auch die deutsche.

 

Deutsch mit Akzent

Auch wenn Menschen die gleiche Hautfarbe wie wir haben und fließend Deutsch sprechen, kategorisieren wir sie als AusländerInnen, sobald wir in ihrem Deutsch einen Akzent erkennen. Dabei sprechen wir selbst Deutsch mit einem Akzent. Ja, liebe LeserInnen, auch Sie haben einen Akzent in ihrer eignen Muttersprache. Wenn Sie beispielsweise aus Hamburg kommen, klingen Sie anders als jemand aus Berlin oder München.

Viele Menschen verwechseln Akzent mit Dialekt. Während ein Dialekt die Bereiche Aussprache, Wortschatz und Grammatik umfasst, zeichnet sich ein Akzent durch Aussprache und Betonung der Laute sowie Sprechrhythmus und Sprechgeschwindigkeit aus. Geformt wird unser Akzent durch Geografie, Eltern, Freunde, Gesellschaftsschicht und Bildungsweg.

SprachwissenschaftlerInnen unterscheiden zwischen dem Akzent in der Muttersprache und jenem in der Fremdsprache. Babys sind in der Lage, die Laute einer jeden Sprache zu erlernen, ganz unabhängig von ihren Genen. Stellen Sie sich beispielsweise vor, Sie wären von deutschen Eltern gezeugt, aber von koreanischen Eltern als Baby adoptiert worden und mit Koreanisch als Muttersprache aufgewachsen. Deutsch wäre für Sie folglich eine Fremdsprache. Ihre untrainierten Muskeln hätten Schwierigkeiten sowohl mit der Aussprache der deutschen Laute als auch mit dem Sprechrhythmus und der Sprechgeschwindigkeit. Sie hätten einen koreanischen Akzent und könnten vielleicht nicht einmal die feinen Nuancen zwischen den deutschen Lauten akustisch wahrnehmen. Denken Sie nur daran, wie schwierig es ist, den Unterschied zwischen English chunk (tsch) und junk (dsch) sowie leaf (f) und leave (w) zu hören und diese Laute auch korrekt auszusprechen.

Wenngleich uns unser muttersprachlicher Akzent üblicherweise ein Leben lang begleitet, wird ein starker Akzent noch immer mit geringen sprachlichen Fertigkeiten assoziiert. Doch wie unser Deutsch oder Englisch - oder welche Sprache auch immer - klingt, sagt in Wahrheit nichts über unsere sprachliche Kompetenz aus: weder in unserer Muttersprache noch in irgendeiner Fremdsprache.

„Ich liebe dich.“

Wie oft kommt Ihnen eigentlich der Satz „Ich liebe dich“ über die Lippen, liebe LeserInnen? Sagen Sie ihn zu Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner, Ihren Kindern, Eltern oder Haustieren? Oder sagen Sie eher „Ich hab’ dich lieb“? Was sagen Sie zu Ihren besten FreundInnen? „Ich mag dich total gern“? Haben Sie „Ich liebe dich“ vielleicht sogar schon einmal zu einer wildfremden Person gesagt?

Wenn Sie sich selbst und andere beobachten, werden Sie wahrscheinlich feststellen, dass „Ich liebe dich“ ein überaus mächtiger Satz ist, der - je nach Kultur - gar nicht so leicht auszusprechen ist. Während US-amerikanische Männer beispielsweise gern „I love you, man“ zu ihren Kumpeln sagen, würde es im Deutschen - oder beispielsweise auch im Japanischen oder Spanischen - wohl komisch anmuten, einem Kumpel - mag er uns auch noch so lieb sein - „Ich liebe dich“ zu sagen.

Doch obgleich in der deutschen Kultur „Ich liebe dich“ nicht ganz so locker ausgesprochen wird, erweckt dieser Satz im Allgemeinen dennoch sehr positive Gefühle in uns. Fühlen Sie doch bitte in sich hinein, wenn Sie ihn das nächste Mal äußern. Verspüren Sie dabei behagliche Gefühle wie Herzenswärme, Hingabe, Hingezogenheit, innige Verbundenheit, Leidenschaft und Zuneigung?

Traurigerweise kann sich Liebe ganz leicht in Hass wandeln, wenn etwa Neid, Missverständnisse, falsche Überzeugungen oder unterschiedliche Wertvorstellungen und Sichtweisen ins Spiel kommen. Hass löst in uns üblicherweise Gefühle der Abneigung, Abscheu, Feindschaft, Rachsucht, Unversöhnlichkeit und Verbitterung aus und ist - wie das Wort Liebe - mit starken Emotionen behaftet. Denken Sie nur an eine Person - oder vielleicht sogar an eine Menschengruppe - , gegen die Sie einen tiefen Groll hegen, weil sie eine andere Meinung, andere Wertprioritäten, andere Verhaltensmuster oder eine andere Kultur hat. Wie fühlt sich das an?

Und nun lade ich Sie ein, im Internet nach „Ich liebe dich“ in den verschiedensten Sprachen zu suchen, sich dabei diese andere Person - oder Menschengruppe - vorzustellen und alle Sätze ganz laut auszusprechen: dänisch „Jeg elsker dig“, Esperanto „Mi amas vin“, französisch „Je t’aime“, grönländisch „Asavakkit“, italienisch „Ti amo“ usw. Fühlt sich das nicht um so vieles besser an?

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