Kurzgeschichte

Der Fremde von drüben

14.09.2013 - Nasreen Ahmadi

Einsam und rastlos ziehe ich durch die Straßen, durch die Geschäfte und Gassen, ohne zu wissen wohin. Jeder treibt sich rasch an mir vorüber. In Gedanken versunken und mit der Frage beschäftigt, wohin ich eigentlich hingehöre.

Zurück in das Land, woher ich komme, kann ich auch nicht mehr, denn zu lange war ich weg. Hab mich zu sehr verändert. Nicht äußerlich, denn die gleichen Gesichtszüge, die gleiche Hautfarbe und die gleichen dunklen Augen habe ich noch. Sie empfangen mich mit Herzlichkeit und Liebe, doch ich merke, dass sie mich dort anders behandeln und nicht wie jemanden, der dort groß geworden ist. 

 

Wenn ich rede, hören sie die wenigen Wörter heraus, die ich ganz leicht anders ausspreche. Wenn ich meine Gedanken mit ihnen teile, finde ich heraus, dass sie mich nicht verstehen wollen, und wenn sie mich den anderen vorstellen, erwähnen sie immer, dass ich der Fremde von drüben bin.   

 

Ob diese Gedanken und Taten bewusst oder unbewusst zustande kommen, weiß ich nicht, doch ich weiß, dass sie das Gefühl der Fremdheit bei mir auslösen. Die Heimat ist nicht mehr mit einer schönen Vase vergleichbar, sondern gleicht eher einer, die in tausend winzigen Teilen zerbrochen und wieder zusammengeklebt worden ist. Einige Teile sind verloren gegangen und lassen sich nie wieder finden. Die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man sich nicht erklären muss und so angenommen wird, wie man ist, wie man wächst.

 

Und hier, in dem Land, in dem ich groß geworden bin, glaube ich, dieses vollkommene Gefühl zu finden. Doch mit der Zeit merke ich, dass ich mich irre. Die Menschen bemerken nicht mein Lächeln, sondern sie sehen nur die etwas anderen Gesichtszüge. Ihnen fallen nicht die guten Taten auf, die ich vollbringe, sondern sie sehen nur meine Hautfarbe. Die warmen Worte, die ich ausspreche, werden nicht von ihnen gehört, denn meine Kleidung, die etwas anders ist und meine dunklen Augen lassen sie diese Worte überhören.

 

Mein Verhalten, mein Benehmen, mein Charakter, meine Hilfsbereitschaft und meine Menschlichkeit, all diese Eigenschaften werden zur Nebensache. Und das nur, weil sie nur einmal hinsehen, weil sie mich nach meinem Äußeren beurteilen und weil sie glauben, dass ich der Fremde von drüben bin. Mit diesem einen Mal hinsehen, stecken sie mich schon in eine Schublade, die vielleicht nie wieder geöffnet wird.

 

Ich hege keine Wut, keinen Hass, nur Trauer. Nun treibt mich diese Trauer auf die Straßen, durch die Geschäfte und durch die Gassen und auf die Suche nach einem Ort, der sich Heimat nennt.

 

 

 

Foto: © pennuja

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