Antisemitismus

Der Konflikt um polnische Vernichtungslager

15.05.2018 - Martin Renghart

Das Thema „Antisemitismus“ ist zurück auf der politischen Agenda. Trotz des jüngsten Überfalls auf einen Kippa tragenden Juden in Berlin oder der misslungenen Echo-Verleihung an Kollegah und Farid Bang: Es ist weder ein ausschließlich deutsches noch ein ausschließlich muslimisches Phänomen, wie auch der Konflikt um die „polnischen Vernichtungslager“ zeigt.

 

Seit Jahren erhitzt der Gebrauch von Ausdrücken wie  „polnische Vernichtungslager“ oder „polish concentration camps“ in westlichen Medien die Gemüter in Polen. Das ZDF wurde dafür in Polen in einen Rechtsstreit verwickelt und auch Präsident Obama handelte sich damit Kritik ein. Das polnische Außenministerium führt eine Liste über die Verwendung des Begriffs durch ausländische Journalisten. Anfang 2017 tourte ein Protestanhänger durch Europa mit der Aufschrift „Death Camps were Nazi German. ZDF apologize!“ Offizielle Homepages ehemaliger in Polen gelegener Vernichtungslager sind schon seit längerem nur noch mit Domains auf .org oder .eu zugelassen.

Nachdem das polnische Parlament im Januar dieses Jahres ein Gesetz verabschiedet hatte, dass den Gebrauch des Begriffs „polnische Vernichtungslager“ unter Strafe stellt und mit bis zu drei Jahren Haft belegt, protestierte Israels Ministerpräsident Netanjahu anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktags im Januar umgehend dagegen und nannte das Gesetz unangemessen. Ein israelischer Oppositionspolitiker und Holocaust-Überlebender meinte auf Twitter gar, das Gesetz wolle „die Teilnahme vieler polnischer Bürger am Holocaust leugnen“ und sprach von einer „polnischen Mittäterschaft“. Die polnische Botschaft twitterte daraufhin zurück, diese Äußerung zeige, „wie notwendig Holocaust-Erziehung ist, sogar hier in Israel.“

Zweieinhalb Monate später, anlässlich des israelischen Holocaust-Gedenktags am 12. April, marschierten auch in diesem Jahr etwa 12.000 überwiegend junge Israeli von Auschwitz nach Birkenau, um der damaligen Toten zu gedenken. Seit 30 Jahren wird der „Marsch der Lebenden“ nun begangen. Dieses Jahr nahmen auch der israelische Präsident Reuven Rivlin und der polnische Präsident Andrzej Duba daran teil. Der „Kampf um die Erinnerung“ ging dabei weiter, Rivlin beklagte die „Uneinigkeit“ zwischen den beiden Ländern über den Holocaust; Polen sei einerseits die „Wiege der jüdischen Kultur“, aber es sei auch zum  „größten jüdischen Friedhof“ geworden. Duda sprach in allgemeinen Worten davon, dass damalige Geschehen sei eine Warnung vor Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.

Unter den jüdischen Teilnehmern war die Meinung zu dem Thema gespalten: Eine Frau meinte: „Die Polen hatten keine Regierung, sie hatten nichts getan“, ein anderer meinte, polnische Straftäter könnten „sich nicht einfach per Gesetz von ihrer Schuld befreien.“ In Deutschland hält man sich hier offiziell heraus und belässt es dabei, den Streit unkommentiert zu lassen, manchmal verbunden mit einer vorsichtigen Kritik an der polnischen Verharmlosung der eigenen Komplizenschaft. Auch in den deutschsprachigen sozialen Medien wird wenig darüber diskutiert; polen- und israelfreundliche Kommentare halten sich dabei in etwa die Waage.  Wenn aber dann tatsächlich historisch argumentiert wird, dann ist man selbst als Interessierter schnell außen vor. So frage ich mich, wenn es in einem Beitrag heißt: „Selber stellt man das Gedenken an die Nakba unter Strafe und regt sich dann über die Polen auf“: Was bitte schön ist die Nakba?

Am Ende bleibt die Feststellung: Wer von „polnischen Vernichtungslagern“ spricht, ist nicht zwingend fanatischer Polengegner, wie manche in Polen vermuten. Wichtig ist nämlich auch der Zusammenhang, in dem der Ausdruck fällt, und schließlich kann man nicht alle Falschmeldungen in den Medien gerichtlich verfolgen lassen. Das wären polizeistaatliche Methoden. Aber für sich allein genommen zeigt der Begriff, wie wenig trotz der enormen Anstrengungen bisher über den Ablauf des Holocausts bekannt ist. Statt Strafe wäre deshalb Aufklärung gefragt, und daran müssten sich auch deutsche Medien und Politiker beteiligen und nicht wegschauen oder –hören, in der Befürchtung, man könnte sich vielleicht zwischen alle Stühle setzen. Mittlerweile kann man nämlich fast daran zweifeln, ob die jungen Menschen weltweit alle wissen, dass Deutsche die Urheber des Massenmords waren, wie immer wieder behauptet wird.

Zumindest könnten angesichts des nächsten Gedenktags alle einmal gemeinsam darüber nachdenken, wer in Auschwitz gestorben ist und warum. Denn die Phrasen „So etwas darf sich nie wiederholen“ oder „Rassismus und Antisemitismus dürfen bei uns keinen Platz haben“ sind zu einfach, und sollten nicht andauernd wiederholt werden.

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