Rezension

Der Philosoph der Freiheit

01.03.2022 - Dr. Burkhard Luber

“Der Mensch gilt, weil er Mensch, nicht weil er Jude, Katholik, Protestant, Deutscher, Italiener ist." – Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Klaus Vieweg, Professor an der Universität Jena, hat eine monumentale Biographie Georg Wilhelm Friedrich Hegel vorgelegt. Man glaubt es dem Autor unbenommen, dass er dafür einen Zeitraum von fünf Jahren investiert hat. Herausgekommen ist eine Publikation, die mit ihren mehr als 800 Seiten den üblichen Rahmen anderer Biographien auch berühmter Personen sprengt, was Umfang und Details betrifft.

Besonders fasziniert, wie breit Vieweg die Kategorie seiner „Biographie“ fasst: Neben der Selbstverständlichkeit in einer Lebensdarstellung, dass wir von Vieweg zu den diversen Stationen von Hegels Leben geführt werden, speziell Frankfurt, Jena und Berlin, bemüht sich Vieweg auch, die LeserInnen mit den wesentlichen Werken der Hegelschen Philosophie vertraut zu machen: der Phänomenologie des Geistes, der Wissenschaft der Logik, der Rechtsphilosophie und Hegels Enzyklopädie.

So wechselt Vieweg in einem spannenden Duktus immer wieder die Ebenen zwischen Ereignissen aus Hegels Leben, Details aus den Lokalitäten, in denen sich dieses Leben des Philosophen bewegt hat, Hegels verschiedene Aktivitäten als Lehrer, Journalist und Professor und Einblicke in das Denken des Philosophen. Damit ermöglicht Vieweg dem Leser unterschiedliche Leseperspektiven: neben dem Lebensweg Hegels auch Einblicke in die nach-revolutionäre Zeit und konzise Darstellungen der wichtigsten Denkleistungen Hegels.

Vieweg stellt die Kategorie der Freiheit in den Mittelpunkt seiner Hegel-Philosophie und das sicher zurecht, auch wenn Marx später meinte, den für ihn zu restaurativ einher kommenden Denker erst vom Kopf auf die Füße setzen zu müssen. Freiheit war für Hegel das Leitprinzip für seine Philosophie, für seine Bildungsarbeit und seine journalistische Tätigkeit. Die Französische Revolution von 1789 war für Hegel ein epochales Ereignis schlechthin. Er bewunderte es so stark, dass er alljährlich am 14. Juli ein Sektglas zu dessen Ehre trank. Und überhaupt sind die Weinvorräte, die diversen Marken und Lagen dieses Getränkes, die Hegel in seinem Leben umgeben, beachtlich und Vieweg stellt sie uns auch in liebevoll geschilderten Details vor, ohne dass es in das Reich von Marotten abgeleitet. Das ist vielleicht auch der Bereich, wo sich Hegel von allerlei Unbill erholt haben mag, die ihm von diversen Seiten zuteilwurden: Von den anti-revolutionären Kreisen in Europa (gegen die Hegel immer wieder opponierte), neidischen Kollegen, frontalen Attacken, die Hegel in die anti-christliche, gar atheistische Ecke stellen wollten.

Vieweg verlangt von der Leserin großes und über die vielen hundert Seiten anhaltendes Interesse, wobei ihm gebührender Respekt vor so viel geballten Information sicher ist, auch wenn man sich wegen der Fülle des präsentierten Materials mehr “Pausen” wünschte, die in Form von Zwischen-Zusammenfassung oder Rückblicken hätten erfolgen können.

Im Kapitel zu Hegels Phänomenologie des Geistes ist es Vieweg gelungen, dieses „Jahrtausendwerk der Philosophie“ (K.V.) – man darf es durchaus so formulieren – zu bändigen, in eine textlich-gedankliche Struktur zu bringen und zu präsentieren. Bei dieser scharfsinnigen Darstellung von Vieweg wird sehr deutlich, dass die Phänomenologie kein Text der Sorte l’art pour l’art aus dem philosophisch-akademischen Elfenbeinturm ist, bar jeder Wirklichkeitsnähe, sondern ein großartiges Unterfangen, die Entwicklung des menschlichen Denkens und der menschlichen Vernunft stufenförmig voranschreitend darzustellen. Schon allein wegen dieses glänzend formulierten Kapitels lohnt sich das Buch von Vieweg zur Hand zu nehmen.

Wohlgemerkt: Die Phänomenologie und andere eindrucksvolle geistige Konzeptionierungen von Hegel stammen nicht von einem weltfremden akademischen Stubenhocker, sondern – und das ist auch ein Verdienst der Vieweg‘schen Biographie – von einem Menschen der neben seinem philosophischen Engagement auch voller politischer Energie steckt und – das ist sein Zeithorizont – sich kompromisslos und mit Klarheit gegen die zu seiner Zeit einsetzende Restauration mit ihren Überwachungsmethoden und Polizeischnüffeleien (um dem “Ungeist” der Revolution entgegenzuwirken) positioniert.

Noch viel mehr als es in dieser Besprechung erfolgen kann, könnte (müsste) über die 824 Seiten gesagt werden, aber zusammenfassend lautet die Leseempfehlung: Wer immer den Menschen Hegel kennen lernen will und eine Publikation sucht, die Hegels Denken und Leben in brillant anschaulicher Weise kennen lernen will, sollte zu diesem Buch greifen, das in textlich hervorragender Weise die lokalen Lebensstationen Hegels dieses „Weltphilosophen“ präsentiert.

 Hegel: Der Philosoph der Freiheit : Vieweg, Klaus: Amazon.de: Bücher

Klaus Vieweg: Hegel. Der Philosoph der Freiheit. C.H. Beck Verlag. 2. Auflage 2020. 824 Seiten. 34,- €

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