Der Sturz Lumumbas

Der Westen als Helfer, Gönner und Unterdrücker

15.05.2019 - Michael Griesemer

Von der Ermordung Lumumbas in Afrika 1961 bis zur West-"Globalisierung" Asiens: Wenn wir im christlichen Westen nicht gerade überlegen in Afrika bei Hungerskatastrophen Helfer und Gönner oder den Friedensengel hoch vom Himmel mit UNO-Truppen bei schwarzafrikanischen Bürgerkriegen* spielen dürfen, ist uns der „Neger“ auch in der hohen Politik - bis heute - ziemlich egal. Dies zeigt eine Bilanz der UNO, Amerikaner und EU bei ihren Engagements der letzten 50 Jahre – wo sie sich entschlossen engagiert haben, und wo nicht.

Anfang 1961 wurde in der soeben von Belgien unabhängig gewordenen, gerade erst ausgerufenen demokratischen Republik Kongo der erste gewählte einheimische Premierminister der schwarzen Bevölkerung - Patrice Lumumba - mit grausamstem Vorspiel ermordet: Auf Betreiben zunächst der Belgier, für den er den Verlust ihrer martialisch ausgebeuteten Kolonie bedeutet hätte. 

In höchster Not suchte er zunächst Hilfe bei den demokratischen USA - der Schwarzafrikaner Lumumba wurde im Weißen Haus aber nicht einmal empfangen. Als er sich daher nur noch verzweifelt an die Sowjetunion wenden konnte mit einer bloßen Anfrage um mögliche Hilfstruppen, die abgefangen worden war - wurde er von Belgien und USA als Kommunist diffamiert, und Präsident Eisenhower selbst hat grünes Licht zu seiner Ermordung gegeben. Zuletzt wandte sich Lumumba an die UNO um Hilfstruppen in diesem von den Belgiern gegen ihn entfesselten Bürgerkrieg. Die schickte zwar nun Truppen, und offiziell stellte sie ihn – bald schon war er von seinen späteren Schlächtern nämlich gefangen genommen worden – sogar ausdrücklich „unter Schutz seines Lebens“. Bemerkenswerter Weise griffen die Blauhelme aber gar nicht militärisch ein (analog zu Srebrenica in den 1990ern, als Muslime christlichen serbischen Nationalisten preisgegeben wurden). Das schwedische Blauhelm-Korps unmittelbar vor Ort seines Martyriums sah untätig den Tagen seiner Folterungen zu - und stand am Ende bei seiner Ermordung in Katanga quasi untätig Gewehr bei Fuß.

Dieser Mord an einem von Schwarzen demokratisch gewählten Befreier Schwarzafrikas (sein politisches Programm) war also ein Gemeinschaftsprojekt Belgiens, der USA und der europäisch-amerikanisch dominierten UNO, wie sich nach heutigen Aufschlüssen sagen lässt. Weil der von Belgien eingesetzte Marionettenpräsident „gegen den Kommunismus“ zu Lumumbas Sturz pro-westlichen Wirtschaftsinteressen dienlicher war, als der auf Unabhängigkeit und staatliche Selbstbestimmung der Schwarzen bedachte Patrice Lumumba. Während der christliche weiße Präsident Kennedy weitaus gnadenvoller umgebracht wurde, und im ewigen Gedächtnis der Europäer durch seine Ermordung ist – kennt bis heute kaum jemand in Europa auch nur den Namen dieses schwarzen Präsidenten, der sein Martyrium auf westlichen Befehl erlitt.

Das Fallbeispiel des Schwarzen Patrice Lumumba, der einem schwarzafrikanischen Marionetten-Präsidenten von westlichen Gnaden zum Opfer fiel, wobei die Drecksarbeit seiner Schindung und Tötung seine eigenen schwarzen Landsleute übernommen hatten, dokumentiert andererseits auch eine uns allen liebgewordene "linke" Geschichtslüge aus spätestens dem Kalten Krieg: Einseitig hätten böse reiche Kolonialmächte minderbemittelte arme Länder "überfallen" und sie damit zu Kolonien gemacht. Selbst hinter dieser Bemitleidung als minderbemittelte "Opfer" ohne eigene Kompetenz steckt ein latenter Rassismus - hier der "linken" Weltsicht im christlich geprägten weißen Westen.

Denn nach heutigem Wissen hätte kein Kolonialismus der Europäer funktioniert ohne Einheimische, die auf Kosten ihrer eigenen Bevölkerungen für den persönlichen Reibach mit den europäischen Kolonisatoren kollaboriert hätten, um das Land und ihre eigene Bevölkerung mit den Europäern gemeinsam zu unterjochen oder auszubeuten; Nicht der englische Kolonialismus in Indien, Mesopotamien und Ägypten, nicht der französische in Syrien, im Libanon, in Afrika und Indochina. Nicht der amerikanische in der gegenseitigen Ausspielbarkeit der Rivalitäten zwischen den Indianerstämmen, und auch nicht der russische in der Auslöschung von rund hundert sibirischen Völkern, deren Führer nicht kollaborierten. Bei letzterem handelte es sich übrigens um einen Massengenozid nach Westen (nordamerikanische Ureinwohner bis zum Pazifik an Japan) und nach Osten (sibirische Völker ausgelöscht bis zum Pazifik an China). Amerikaner wie Russen sind christliche - und weiße - Europäer. USA feiern es als "Eroberung des Westens", Russland als heroische "Eroberung Sibiriens". Und Mitteleuropa ist grandios beeindruckt von dieser "zivilisatorischen" Leistung seiner beiden christlichen Großnachbarn.

Doch zurück zum angeschnittenen Thema: Das riesige Indien mit seiner zig Millionen Bevölkerung beispielsweise wurde von gerade einmal circa 1000 englischen Beamten regiert - über die an ihren Geschäften mitbeteiligten indischen Lokalkönige nämlich an der Ausbeutung ihrer Arbeiter und Bauern (den Maharadschas). Und so funktioniert es im Prinzip noch heute in der "Globalisierung" - überall auf der Welt, wo Amerikaner und Westeuropäer mit ihrem einseitigen Wirtschaftsprofit-Denksystem einen Fuß in Kulturen mit ausgewogeneren oder anderen Werten hineinbekommen. 

Stets hat man allerdings die naive Gastfreundschaft der später betroffenen Völker bei der ersten Anlandung ausgenutzt. Ausnahmen sind China und Japan, welche die Europäer wegen ihrer Umtriebe und Missionierungsversuche aus dem Land geworfen hatten - dann aber von Amerika bzw. England gewaltsam per Drohung mit Kanonenboot-Invasionen zur Öffnung ihres Markts gezwungen wurden nach der westlichen Freihandelsdoktrin (Sowohl in Japan als auch in China hat es die Regime hinweg gespült: In Japan hat es der faschistischen Meji-Regierung den Weg geöffnet, in China Nationalisten und dann Maos kommunistischer Diktatur). Selbst Thailand, das es in der Kolonialzeit des 18.und 19. Jahrhunderts als einziges asiatisches Land geschafft hatte, sich nicht wie beispielsweise Marokko, Algerien oder das Osmanische Reich in Kreditabhängigkeit vom "reichen" Europa zu begeben, bis diese Länder unter europäischer Vormundschaft "übernommen" werden konnten - scheitert heute mehr und mehr in seiner kulturellen und staatlichen Selbstbestimmung an seiner Kollaboration mit einer westlichen Kulturexpansion namens "Globalisierung", und erliegt ihren Reichtumsheilsversprechen durch westgläubige Eliten im Land. Den Buddhismus dabei mehr und mehr opfernd, der wie keine andere Religion diese liebenswürdige Ethnie von Kindheit an zu Bescheidenheit, und gerade gegen jede Begehrlichkeit erzieht. Der latent rassistische Westler begreift es nur als leistungsuntaugliche und faule "Unbedarftheit".

Ein weiterer Aspekt:

Überall auf der Welt - ob wir uns latent-rassistisch über "ständige Regierungskorruption" und Clan-Kleinkriege in Südamerika, Afrika,oder Arabien als "Bananenrepubliken" lustig machen wie über minderbemittelte Barbaren ohne "Zivilisation" - sehen wir (aus "unrassistischer", neutraler Sicht) nichts anderes als folgende beiden Sachverhalte:

1.) Dass der natürliche Zustand von Volksgemeinschaften nicht die westlich-calvinistische "kapitalistische" Wirtschaftsordnung seit der westeuropäischen Reformationszeit ist, sondern die sog. Subsistenzwirtschaft: Subsistenzwirtschaft (auch heute noch Prägung in den katholischen und orthodoxen süd-, und südost-europäischen Staaten wie etwa Italien, Griechenland oder den ex-jugoslawischen Balkanstaaten ) arbeitet nicht für staatlichen oder unternehmerischen Profitüberschuss, sondern allein dafür; dass das staatliche Wirtschaften für die Versorgung der Bevölkerung ausreicht, und zuvörderst der nächsten Angehörigen der Erwirtschaftenden und ihrer Familien ("Clans", - so unsere mafiöse Namensgebung dafür).

Vor allem aber ist es wieder europäisches Verschulden:

2.) Die Spanier, Portugiesen, Engländer, Belgier, Niederländer und Franzosen hatten es 1946 - 1965 derart eilig, ihre Kolonien aufzugeben, weil sie zur Finanzlast der durch den 2. Weltkrieg kassenleeren europäischen Staaten geworden waren (Großbritannien), bzw. sie sie wegen Unabhängigkeitsrevolten aufgeben mussten. Sie "entließen" sie zwar in die Unabhängigkeit (das heißt, flugs zogen sie ihre europäischen Leader und Truppen ab) - das korrupt-ausplünderische System aber, das sie dort selber installiert und über Generationen in diesen Ländern zum gewohnten Alltag gemacht hatten, überließen sie zur Weiterbetreibung jetzt unverändert den einheimischen Eliten gegen ihre Bevölkerung.

Als stellvertretende Marionetten, konnte man trotz "Unabhängigkeit" ja ungebrochen weiter über sie verdienen. Notfalls wurden sie durch ihre westseits bestochenen Militärs oder "covert operations" gegen westhörigere Usurpatoren gestürzt. Womit wir wieder bei Lumumba wären...

 

* Erbe widersinniger kolonialherrlicher Zersplitterung vormalig einheitlicher ethnischer Räume des Schwarzen Kontinents - durch willkürliche Grenzziehungen der christlichen Kolonialherren im 19. Jahrhundert. Ebenso hatte man es - mit vergleichbaren Folgen bis heute - 1918-1924 mit den ethnischen Räumen Arabiens gemacht.

 

Für weitergehend Interessierte s. die wissenschaftliche Analyse  empfiehlt der Autor das 1750-seitige Kompendiums zur europäischen Kolonialgeschichte 1415 - 2010: Prof. Wolfgang Reinhards "Globalgeschichte der europäischen Expansion" (2016), München: C.H. Beck)

 

 

Foto: © GaHetNa (Nationaal Archief NL) 910-9738 / Harry Pot

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