Medien

Der Wulff und seine Jäger

15.03.2014 - Iftikhar Bajwa

"Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen?", fragte sich wohl BILD-Chef Diekmann. Gemeinsam mit einem Rudel von Journalisten machte er gnadenlos Jagd auf einen Bundespräsidenten. Jetzt steht dieser entmachtet, erniedrigt und gedemütigt alleine in seiner Ecke da. Denn sie nahmen ihm alles: Den guten Ruf, das hohe Amt, die geliebte Ehefrau und sein Haus, einen Ort, der dem Rückzug und der Ruhe dient. Mag sein, dass er nicht moralisch-einwandfrei handelte. Die Frage, ob er rechtlich-einwandfrei handelte, hätte man unserer Rechtsprechung überlassen sollen.

Schauen wir noch mal zurück:
27. Februar 2014 - das offizielle Ende der Wulff-Affäre. Einer Affäre, die nie eine war. Die Anklage wird abgelehnt, er wird freigesprochen. Was bleibt, ist das politische und öffentliche Leben eines Mannes, das durch die Vorwürfe und diesen Prozess, zerstört wurde. Rechtlich ist Wulff rehabilitiert, doch die Augen des Volkes sehen ihn immer erschöpft ein riesiges Kreuz hinter sich herziehen, auf dem „Vorteilsnahme“ und „Bestechlichkeit“ eingemeißelt ist. Es sind zwei Dinge, die dieser Prozess offenlegt. Zum einen das Christian Wulff, zumindest in den Augen der Rechtsprechung unschuldig ist und ihn zu viele Menschen voreilig und ohne jegliche Gnade verurteilten. Und die andere Lehre, die wir aus dem Prozess ziehen, ist eine weitaus interessantere: Der tiefe Fall des Christian Wulff hat eindrucksvoll bewiesen, dass es eine Instanz in Deutschland gibt, die weitaus mächtiger ist, als jede politische Kraft. Eine Instanz, die einen Bundespräsidenten innerhalb von zwei Monaten zum Rücktritt zwingen kann, ohne dass sich der Großteil des Volkes darüber bewusst wird. Dieser Prozess, die Affäre Wulff, zeigt uns die Macht der Medien!

In Deutschland gibt es eine Menge Untaten unserer Politiker, die endlich durch die Medien aufzuklären sind. Doch was machen wir? Wir picken einen heraus, um UNS abzureagieren. Da kann es dann auch schon mal reichen, dass sich ein Mann von einem Freund zum Oktoberfest einladen lässt. Letztlich wird aus seiner Amtszeit doch noch ein wichtiger Satz in Erinnerung bleiben: „Der Islam gehört zu Deutschland“. Es war eine unbequeme Wahrheit, ähnlich wie die Aussage über unsere Wirtschaftskriege von Bundespräsident a.D. Horst Köhler, der auch aus dem Amt gejagt wurde. Tatsächlich war es bei Wulff eine Wahrheit, vor der sich immer noch so viele Deutsche fürchten. Doch was immer wieder bei solchen öffentlichen Personen vergessen wird:  Man zerstört nicht nur einen Politiker, sondern auch einen Menschen, eine Identität, ein ganzes Leben. Doch dieses Opfer nehmen WIR gerne in Kauf, solange ungeliebte Politiker verschwinden und WIR mit der Vernichtung von Siegern unterhalten werden.

Wir hatten einen guten Bundespräsidenten, der sich, in meinen Augen, nichts zu Schulde kommen ließ. Klar, Wulff hat sich nicht geschickt verhalten und auch ein paar Mal nur die halbe Wahrheit gesagt. Was bleibt aber einem Menschen sonst, wenn er sich in die Ecke gedrängt sieht? Natürlich herrscht in Deutschland Pressfreiheit und daher hat ein Bundespräsident in den Entscheidungsetagen großer Zeitungs- und Fernsehredaktionen nichts zu suchen. Und das war der gravierende Fehler, der ihn die Laufbahn kostete. Dieser Fehler war sein Anruf bei BILD-Chef Diekmann. Er rief ihn an, um die Publikation eines Artikels, der über ihn veröffentlicht werden sollte, zu verhindern. Nach diesem Anruf begann die BILD mit einer regelrechten Hetzjagd gegen Wulff. Mit fast täglich neuen Artikeln über ihn, die fröhlich verkündeten:„Neue Vorwürfe gegen Wulff“, neuen Anschuldigungen, neuen Kleinigkeiten. Der Skandal wurde systematisch geboren.

Es war diese schlechte Presse, die dafür sorgte, dass der Druck auf ihn immer größer wurde. Das Volk hatte nun einen Grund vorgezeigt bekommen, Wulff zu hassen. Die Menschen hatten so oft von den Anschuldigungen gegen ihren Bundespräsidenten gelesen, dass sie diese Anschuldigungen mittlerweile als Tatsachen wahrnahmen. Und so erhöhte die Parteispitze, die nicht die Gunst des Volkes verlieren wollte, den Druck auf den medial zerrissenen Wulff und zwang ihn aus politischem Eigeninteresse zum Rücktritt. Wahrheitsfindung? Interessiert hier erstmal absolut gar keinen! Eine ganz systematische Kettenreaktion, die nur durch die Presse, nur durch die Medien in Gang gesetzt wurde.

Was uns letzendlich bleibt ist eine Grundsatzfrage: Was ist wichtiger, die Pressefreiheit oder die Würde des Menschen? Wir Deutschen sind immer mächtig stolz, dass bei uns die Würde des Menschen an erster Stelle steht. Ein Stück Papier, auf dem das steht – absolut machtlos gegen die großen Papiere, die täglich am Kiosk verkauft werden. Was kümmern uns die anderen? Wir sind schließlich nicht betroffen. Unser Tag beginnt morgen früh mit dem Weckerklingeln doch genauso wie jeder andere. Unser ja – seiner nie mehr! Einen Politiker zu kritisieren ist gut und auch wichtig. Diese Kritik ist Teil des demokratischen Prozesses. Doch zuzuschauen und den Medien für ihren scheinbar guten Journalismus applaudieren? Wenn sie das Leben eines Menschen Stück für Stück auseinander nehmen, seine Würde in unzähligen Weisen verletzten und ihn mental um Gnade flehen lassen, ja dann ist deren Arbeit in meinen Augen höchstgradig verwerflich.

Wir sollten anfangen, nicht immer alles zu glauben, was die Zeitungen schreiben. Endlich mal selber nachdenken und nicht jedes Feindbild akzeptieren, das uns von den Medien präsentiert wird. Wir sollten in Erwägung ziehen, dass Christian Wulff unschuldig hingerichtet wurde, und dass sein größter Fehler darin lag, dem BILD-Chef rechtliche Konsequenzen anzudrohen, falls dieser die geplanten Anschuldigungen gegen ihn veröffentlicht. Aber das Allerwichtigste ist, dass wir anfangen in Politikern auch den Menschen zu sehen und nicht nur ein Parteiprogramm, denn auch sie gehen abends nach Hause zur Familie und suchen Zuflucht von der Hölle namens Alltag. Das gilt vor allem für Journalisten. An diese muss man den Appell richten. Für sie müssen die menschlichen Werte endlich wichtiger sein als das bloße Erzeugen von Leserzahlen. Es müssen Grenzen vorhanden sein. Inwieweit darf man das Leben einer Person offenlegen, ohne dass sie es will. Und wie heißt es immer so schön: Behandle die Menschen, wie du selbst behandelt werden möchtest. Nicht ein einziger der Journalisten würde gerne so behandelt werden, wie Wulff in den letzten Jahren behandelt wurde. Wie wäre es also mit etwas Einsicht einem neuen Stil des Journalismus – und als allererstes: Wie wäre es mit einer Entschuldigung?

 

 

 

 

 

 

Foto: © Bernd Schwabe

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