Die Würde des Menschen

Deutschland hat sich verändert?!

15.08.2018 - Mohammed Saboor Nadeem

Unmenschlichkeit nagt am deutschen Sprachgerüst, nicht zuletzt durch die Herabwürdigung vieler mutiger Menschen durch Spitzenpolitiker des rechten Flügels. Droht uns eine Verrohung der Gesellschaft?

Als ich letzte Woche eine Radtour durchs Alte Land, südlich von Hamburg, entlang der Deiche machte, habe ich einen kurzen Halt an einer sehr schönen alten Brücke mit idyllischem Blick auf die kleine Ortschaft mit ihren bunten Fachwerk- und Bauernhäusern gemacht. Dafür stieg ich vom Fahrrad und schob es auf die kleine Brücke, als da eine alte Dame, die gerade die andere Seite der Brücke mit ihrem Hund betrat, mir hysterisch zurief: „Bitte tun Sie mir nichts, wir drehen schon um“. Sie rannte förmlich davon. Ich blieb für eine Weile versteinert und sprachlos stehen, wollte ich doch nur den schönen Ausblick genießen.

Ähnlich versteinert und sprachlos war ich wenige Tage zuvor, als ich einen Brief aus Berlin mit einer persönlichen Einladung des Bundespräsidenten ins Schloß Bellevue, als Anerkennung meines über zehnjährigen gesellschaftlichen Engagements, im Briefkasten vorfand.

Dieses Gefühl bzw. diese Erfahrung, in der Öffentlichkeit zwischen den zwei Extremen von Anerkennung und Ablehnung zu leben, bringen viele junge Menschen mit Migrationshintergrund zur Zeit in den sozialen Medien vehement zum Ausdruck. 

Nicht nur in den öffentlichen Verkehrsmitteln, oder an Nachbartischen in Cafés, sogar im engen Freundeskreis höre ich immer öfter banale Anekdoten, wo ich mich neuerdings sehr wundere und frage, woher kommt diese Unachtsamkeit. Oder bin ich gar hyper-sensibel geworden? Die Grundfrage aber, die dieser Beobachtung zugrunde liegt, ist auch im gesellschaftspolitischen Kontext eine andere: Sind die autochthonen Deutschen anscheinend mehrheitlich durch die, auf den Titelblättern seit fast zwei Jahren thematisierte (vermeintliche) Überfremdung durch Einwanderer bzw. Flüchtlinge etwa so sehr verunsichert, dass Rassismus, Kulturzentrismus und Fremdenfeindlichkeit reflexartig an die gesellschaftliche Oberfläche brechen können? Was trägt eigentlich dazu bei, dass sich die Gemüter über Jahre hinweg bei diesem Thema überhitzen?

Während meines Auslandssemesters in Jordanien, war ich auf einer der vielen Feierlichkeiten der deutschen Botschaft eingeladen, wo ich fast schon das Gefühl hatte, ich wäre in ebendieser spießbürgerlichen Gesellschaft angekommen, die ich eigentlich im Grunde doch verabscheute. Einige Leute brachten jedesmal ihre Empörung über das Gastland und die Leute arrogant und herabwürdigend zum Ausdruck, wo sie doch selber Gäste und in der Minderheit waren. Wie dem auch sei, auch ich brachte einmal in Anwesenheit des deutschen Botschafters, der sich zwangsläufig das Gerede einiger Gäste anhören musste, meine Empörung über die unanständige Sprache der dortigen Taxifahrer zum Ausdruck. Später begegnete mir der Botschafter erneut auf dem Flur der Botschaft wieder und nahm mich zur Seite. Er gab mir einen sehr wertvollen Hinweis: „Sie sind noch jung, empören Sie sich weniger über die wertvollen Erfahrungen im Leben. Schauen Sie lieber genauer hin, mit wem Sie sprechen und welche Bildung diese Person hat.“ Sein Hinweis war ganz im Sinne des bedeutenden arabischen Moralphilosophen Miskawaih (gest. 1030 n. Chr.). Dieser argumentiert, dass Bildung nicht nur zu mehr Achtsamkeit der Sprache, die das Werkzeug von Gelehrten und Diplomaten sei, sondern auch den einfachen Bürgern zu mehr Empathie verhelfe. Bildung, so Miskawaih, sei das einzige, an dem der moralische und kulturelle Wert einer Gesellschaft gemessen und gesteigert werden kann.

Der Vorwurf der betroffen Jugendlichen, die ihre Alltagserfahrungen gerade twittern, wiegt schwerer und geht über die Sprache hinaus. Das Gefühl, dass die Empörung der Mehrheit der Deutschen über Mesut Özil größer ist, als über die vielen Kriege mit den hohen Opferzahlen, oder über die vielfachen brutalen Morde des NSU oder über den angeblichen Hinweis des Präsidenten des Verfassungsschutzes an Frauke Petry, wie sie und Konsorten sich einer Beschattung entziehen können. Alles drei Nachrichten, die eine ernsthafte Gefahr für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung darstellen. Scheint deshalb vielen jungen Menschen mit Migrationshintergrund, die in zweiter oder dritter Generation hier Steuern zahlen, sich regelmäßig sozial engagieren, exzellente Bildungsabschlüsse machen und hart arbeiten, dass der Rassismus Alltag geworden sei?

Was ist eigentlich Rassismus? Es ist die härteste und radikalste Form der Abwertung anderer Menschengruppen. Es ist ein Kernkonzept von Aussagen und Vorstellungen, die Ungleichheit und Ungleichwertigkeit von Menschengruppen aus deren vorgeblich biologisch-genetischer  Ausstattung zu begründen suchen. Dann gibt es welche die die kulturelle Höherwertigkeit und Überlegenheit zur Grundlage ihrer Aussagen und Vorstellungen nehmen und damit Fremdes und Fremde ablehnen. Diese Einstellungen werden ohne sie zu hinterfragen übernommen und nähren Vorurteile, also Vorstellungen über zugeschriebene Eigenschaften, die mit bestimmten Gefühlen und Handlungstendenzen gegenüber dem Objekt besetzt sind. Vorurteile werden somit von Menschen übernommen und sind nicht das Resultat der Verarbeitung von Erfahrungen mit einer Gruppe, die das Objekt von Vorurteilen ist.

Oft sind es keine Gewalttaten, die Menschen mit Migrationshintergrund verwundbar machen, meistens sind es die kleinen Widrigkeiten des Alltags: ein abwertender Blick, ein Nasenrümpfen, eine abfällige Bemerkung oder eine infantilisierende Ansprache. Solche Attitüden wurden schon in der wissenschaftlichen Literatur der 50er Jahre beschrieben und damit begründet, dass Bedrohungsgefühle und diffuse Angst eine Bereitschaft zur Übernahme von Vorurteilen erzeugen und so auch zur Diskriminierung von Minoritäten führen.

Vorurteile und Diskriminierung seitens der Aufnahmegesellschaft erschweren oder verhindern Integration, indem sie Gruppen von Menschen herabwürdigen, Beziehungen verweigern und den Zugang zu Institutionen versperren. Deshalb stellt Offenheit der Aufnahmegesellschaft gegenüber den Migranten und ihren Bedürfnissen eine zentrale Bedingung für Integration dar. Migranten können nicht zu Mitgliedern der neuen Gesellschaft werden, wenn ihnen die Türen der Institutionen verschlossen sind oder Barrieren ihnen den Zugang erschweren. Wenn Integration wechselseitig ist und Migranten gefordert sind, sich Sprache, gesellschaftliche Regeln und Kulturverständnis des Einwanderungslandes in einem aufwendigen Lernprozess anzueignen, ist Offenheit die wichtigste Bedingung, die die Aufnahmegesellschaft im Integrationsprozess sicherstellen muss. Offenheit schließt im Zentrum das Bemühen ein, Vorurteile gegenüber Zuwanderern abzubauen und bessere Kenntnisse über Tatsachen zu erwerben.

Dabei ist eine gewisse Achtsamkeit in der Sprache, wie sie Bundespräsident Steinmeier anmahnt, ebenso notwendig wie das von der Bundesregierung geplante Einwanderungsgesetz, das gut ausgebildeten Fachkräften die Einreise erleichtern soll. Denn gebildete Fachkräfte sorgen sicherlich für eine eine positive Grundstimmung in der Gesellschaft und heben die Moral.

Was also den Fortschritt der Integration in einer Gesellschaft angeht, müssen wir in der Sache korrekt bleiben und gehaltvolle Indikatoren und weniger Emotionen als Norm sehen. So gilt die anerkannte Lehrmeinung des Soziologen Friedrich Heckmann, dass durch die zunehmende Einbindung und Partizipation von Migranten in Kerninstitutionen, also Behörden, Politik, Bildungswesen etc. die strukturelle Integration und Gleichbehandlung nach Artikel 3 des Grundgesetz gefördert wird. Schaut man in die aktuelle Statistik der Bundesagentur für Arbeit sind etliche Stellen im öffentlichen Dienst unbesetzt. Da sind die Kommunen wiederum sehr darum bemüht, so auch die Freie und Hansestadt Hamburg, die sich medial ganz stark zu mehr Vielfalt in ihren Reihen bekennt, Menschen mit Migrationshintergrund bei gleicher Qualifikation anderen Mitbewerbern gegenüber sogar zu bevorzugen. Diese Bemühungen und Bekenntnisse kommen nicht von ungefähr.

Trotz Anfeindung oder Abgrenzugserfahrungen, die manche Migranten erleben, und besonders für junge Menschen mag es sehr enttäuschend sein, gilt seit über 60 Jahren Artikel 1 des Grundgesetzes - „Die Würde des Menschen ist unantastbar“! Da besonders dieser Artikel den meisten zu abstrakt erscheint, findet dieser auch gefühlt am wenigsten Anwendung, doch das schillernde Menschenbild, das diesem unveränderbarem Grundgesetz zugrunde liegt, dazu bekennt sich der deutsche Staat mit all seinen unabhängigen (Kontroll-)Gremien. Das macht mir weiterhin Hoffnung und gibt mir Mut, das ist der einzig sachlich korrekte Maßstab für alle Menschen, die in diesem Land leben, ganz im Sinne des lat. Rechtssprichworts „fiat iustitia et pereat mundus“.

Darin liegt auch eine große Verantwortung und die Aufgabe, uns weder von unseren Emotionen noch von unserem Stolz verleiten zu lassen, an genau diesen freiheitlich-demokratischen Idealen zu zweifeln oder gar uns gegen sie zu verschwören.

Worauf besonders wir Migranten unsere intellektuellen Kräfte konzentrieren sollten ist, herauszufinden wie es uns gemeinsam gelingen kann, eben diesen Spirit auch bei der breiten Bevölkerung einzufordern. Wahrlich, nicht nur unsere Technologie, auch wir Menschen brauchen regelmäßig Updates.

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