Gesellschaft

Deutschland sucht den Superasi

15.01.2014 - Jannik Niestroy

Alle Jahre wieder kommt der Dieter Bohlen und entblößt fremde Menschen, die dumm genug waren sich zu bewerben, im Fernsehen. Das Showformat „Deutschland sucht den Superstar“ bietet auch in diesem Jahr wieder alle Zutaten, die eine quotenstarke Castingshow braucht.

Das Konzept hinter der Show ist recht simpel und basiert auf dem britischen Original „Pop Idol“ von 2001.  Auch in Deutschland finden sich verschiedene Formate, die sich in weiten Teilen gleichen. Neben der Bohlen-Show fanden und finden sich so klangvolle Namen wie Popstars, Star Search oder The Voice of Germany. Doch bis heute hält sich kein Format so hartnäckig in der TV-Landschaft wie DSDS, wie es liebevoll von PR-Beratern getauft wurde. Immerhin ist eine knackige Abkürzung das A und O für ein Markenbranding.


Die Geschichte der Castingshows reicht noch weiter zurück, bis ins Jahr 1999. Da erfand der Neuseeländer Jonathan Dowling das Format „Popstars“ und setzte damit einen absoluten Trend für das Fernsehen des 21. Jahrhunderts, ohne den das heutige Fernsehen kaum mehr vorstellbar wäre. Auch in Deutschland verbuchte das Format schnell große Erfolge und brachte die bis heute wohl erfolgreichste deutschsprachige Castingband hervor, die No Angels. Die ökonomischen Eckpunkte des Konzepts lauteten Zuschauer-Anrufe und Fanbase-Schaffung. Durch Hintergrundgeschichten zu den Kandidaten sollten emotionale Bindungen zu den Zuschauer geschaffen werden, die dann in Abstimmungen übersetzt wurden, bei denen die Zuschauern für ihren Favoriten anrufen und dem Sender damit Geld in die Tasche spülen sollten. Wichtiger noch war jedoch, dass durch die Publicity der Show ein Marketingkonzept geschaffen wurde, das nicht in erster Linie kostete, sondern Geld einbrachte. Nach dem Ende der Show waren die Sieger dann bereits so bekannt, dass die Verkaufszahlen von alleine explodierten und die Kasse noch mehr klingelte. Obligatorisch ist bis heute natürlich der Knebelvertrag, der den Producern und dem Sender den Löwenanteil an den Geldern aus dieser ersten Karrierephase der Neustars sichert. Die Erklärung für die Vielzahl von Casting-Formaten lautet also schlicht: Das Kosten-Nutzen-Kalkül ist so gut wie bei sonst kaum einem Format.

 

Aber noch einmal zu DSDS. Warum feiert ausgerechnet diese Show so anhaltenden Erfolg, während doch sonst die meisten Formate durch andere ersetzt wurden und den Gang allen Irdischen gegangen sind? Eine Antwort lautet Dieter Bohlen. Der hochgepriesene Poptitan bringt durch seinen Bekanntheitsgrad jeder Show ein paar Quotenprozente. Nun ist er in dieser Show allerdings nicht nur Gast, er ist das Gesicht der Show. Ganz unlogisch ist das keineswegs, gehört Bohlen doch zu den erfolgreichsten deutschen Musikproduzenten aller Zeiten. Getoppt wird er vielleicht nur von James Last, der allerdings schon seit einigen Jahren näher an der 100 als an der 50 ist und damit nicht mehr ins Zentrum eines solch poppig-bunten Formats passt. Dieter Bohlen weiß, wie das Geschäft läuft und gilt als knallhart. Dieses Image brachte DSDS eine wesentliche Facette, die das gesamte Casting-Format nachhaltig beeinflusste. Es ging nun nicht mehr nur darum eine rührselige Geschichte über den Underdog zu erzählen, der vielleicht seine Mutter oder seinen Vater oder seinen Job oder seinen Hund verloren hatte und es nun allen zeigte. Gerade zu Beginn der Show geht es häufig darum Bewerber, insbesondere schlechte, die an massiver Selbstüberschätzung leiden, bloßzustellen. Dabei brabbelt Bohlen weder besonders geistreiche noch besonders witzige Sprüche in Richtung Bewerber, der daraufhin wahlweise in Tränen oder in Schimpftiraden ausbricht. Der Zuschauer empfindet Schadenfreude und lästert selbst kräftig mit. Ein bisschen erinnert dieses System an Jackass oder Joko und Klaas. Der Unterschied liegt allerdings in den Bloßgestellten, die in den letztgenannten Fällen die Stars der Show selber sind.

 

Fraglich ist auch, was die Quoten über die Zuschauerschaft aussagen. Welche Faszination findet sich darin, Menschen beim Scheitern zuzusehen? Manche vermuten, das eigene Scheitern sei leichter zu ertragen, wenn Fremde schlimmer scheitern. Doch das würde bedeuten, dass das deutsche Publikum ein Völkchen mit dem Drang nach zielloser Rache ist, das seinen Selbsthass auf willfährige Opfer projiziert. Oder ist es eher eine Form von dekadentem Voyeurismus, wie ein Gladiatorenkampf, nur das nicht der Körper, sondern die Seele und der Ruf der Kämpfer zerstört werden? So oder so, Moral ist in dieser Show fehl am Platz. Aber das passt gut in die heutige Fernseh-Kultur, in die Kultur allgemein, in der sich der Konsument seiner Verantwortung nicht bewusst sein will.

 

Zurück zur Show. Kritiker mögen sagen, was sie wollen, die Show funktioniert. Längst sind Bohlen und seine völlig auswechselbaren Sidekicks in der Primetime angekommen. Auch Bohlen persönlich ist auf einem Karrierehoch, noch erfolgreicher als zu Modern Talking-Zeiten. Leider muss ihm aber auch für die Rolle des bösen Poptitans der Pioniergeist abgesprochen werden. Wie die Show selbst stammt auch sie aus dem britischen Vorbild, in dem Simon Cowell, eine braunhaarige Variante des kantigen Chefjurors, die Zügel in der Hand hält. Cowell ist auch Hauptjuror in einer weiteren - äußerst erfolgreichen britischen Castingshow - mit Namen „Britain's Got Talent“. Auch dieses Format wurde nach Deutschland exportiert, hier läuft es unter dem Namen „Das Supertalent“. Gesucht wurde ein kantiger Chefjuror, der böse austeilen kann und keine Scheu kennt, auch dem hilflosesten Bewerber noch eine verbale Keule überzuziehen. Wer mag dieses Format wohl übernommen haben?

 

 

 

 

 

 

 

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