Menschenrechte

Die Arbeitssklaven des Emirats

15.10.2013 - Nasreen Ahmadi

Wer „Emirate“ hört, denkt an beeindruckende Glaspaläste, aufsehenerregende Wolkenkratzer und luxuriöse Einkaufszentren. Wie eine unwirkliche Fata-Morgana schimmert die glitzernde Architektur Tag und Nacht im Wüstenlicht. Doch welches Geheimnis verbirgt sich hinter den Fassaden?

Abu Dhabi, die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, gibt mit ihrer Skyline davon ein eindrucksvolles Zeugnis. Mittlerweile gehört sie zu den modernsten und reichsten Städten der Welt. Die Metropole Dubai hat sich durch ihren Bauprojekte, zu einem beliebten Reiseziel am Persischen Golf gemacht. Mit immer neuen Bauten, übertrumpft sie sich selbst jedes Mal aufs Neue. Eines der derzeit höchsten Gebäude der Welt, der Burj Khalifa, das größte Einkaufszentrum Dubai Mall, sowie das exquisite Strandhotel Atlantis sind hier zu bestaunen. Als außergewöhnlich gilt das Projekt “The Word“, denn mit ihm  entstehen künstlichen Inseln vor Dubais Küste. Auch die Wüstenwunderstaaten Bahrain und Katar, quasi das „arabische Monaco“, können sich sehen lassen. In Katar soll 2022 die Fußball-Weltmeisterschaft stattfinden. Große Bauprojekte, wie z.B. Lusail City, eine komplett neue Stadt, die in der Wüste entstehen soll, laufen bereits. Auch Fußballstadien, in denen bis zu 90.000 Menschen passen sollen, werden momentan gebaut. Nach außen hin glänzen alle Bauwerke, doch wie viel Glanz steckt hinter der Fassade?

Der getrübte Schein
Auf den größten Baustellen der Welt wirken hinter den glänzenden Kulissen der Golfstaaten Millionen Arbeitssklaven aus Indien, Pakistan, Bangladesch, Afghanistan und Sri Lanka. Über Rekrutierungsagenturen wurden die Arbeiter an den Golf gelockt, um die milliardenschweren Investmentprojekte und die Visionen möglich zu machen. Doch die Not der Fremdarbeiter wird von den Emeraten, die in der Liga der Weltmetropole mitspielen wollen, aufs brutalste ausgenutzt. Dies ist auch das schmutzige Geheimnis hinter dem unaufhaltsamen Fortschritt. Die profitable Abzocke fängt schon bei der Rekrutierung der Arbeiter in den jeweiligen Herkunftsländern an. Mit falschen Lohnversprechungen werden die Arbeiter angelockt und systematisch betrogen. Für ihre Vermittlungsdienste verlangen die Firmen bis zu 3.000 US Dollar. Das benötigte Geld leihen sich die verzweifelten Arbeitnehmer aus und nehmen so eine Verschuldung in Kauf. Vom Hunger getrieben, trennen sie sich von ihrer Familie und ihrer Heimat. Den geringen Verdienst wollen sie dann nach Hause schicken, um ihren Angehörigen so ein erträglicheres Leben zu ermögliche. In ihren Ländern bestimmen Armut, Korruption und Arbeitslosigkeit den Alltag. Doch das Einzige, auf das sie in den Märchenländern treffen, ist nackte Ausbeute. Direkt nach der Einreise werden den Arbeitern die Reisepässe von den Arbeitgebern abgenommen. Diese erhalten so die absolute Kontrolle über den Arbeiter. Verträge, die vor der Einreise abgeschlossen wurden, werden oft als ungültig erklärt. Neue Verträge müssen unterzeichnen werden, deren Bedingungen wesentlich schlechter sind, als anfänglich vorgetäuscht. In Labor Camps, die von den Baufirmen eingerichtet wurden, werden mehrere Arbeiter zusammen in einem Zimmer untergebracht. Morgens werden sie dann mit Firmenbussen zu den Baustellen gefahren und abends wieder zurück gebracht. Auf der Fahrt zurück in das Camp, schlafen die meisten Arbeiter, müde von der harten Arbeit und den 10 bis 14 Stunden Schichten.


Menschenrechtsorganisationen berichten von, langen Arbeitszeiten und Löhnen, die bei 150 bis 250 US Dollar liegen. Eine verspätete Entlohnung oder sogar die Einbehaltung der Löhne kommt nicht selten vor. Die Möglichkeit wegen der schlimmen Arbeitsbedingungen den Arbeitgeber zu wechseln, bleibt den meisten verwehrt, da die Arbeitsverträge von den Agenturen nur für einen bestimmten Arbeitgeber ausgestellt werden. Obwohl die schnelle wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre und der heutige Reichtum der Golfstaaten auf die Gastarbeiter zurück geht und ihnen zu verdanken ist, werden keine Verbesserungen für die Arbeiter angestrebt und umgesetzt.

 

Den Arbeitsministerien dieser Länder scheint der Profit, der Baufirmen am wichtigsten zu sein und deshalb wird der Arbeitsschutz völlig vernachlässigt. Offensichtlich miserable Arbeitsbedingungen werden ignoriert. Auf wackligen Baugerüsten schuften die Arbeiter sechs Tage die Woche, bei hohen Temperaturen und ohne kostenloses Trinkwasser. Schwere Verletzungen und Todesfälle sind beängstigend häufig.

Fußball-WM auf den Rücken von Arbeitersklaven
Obwohl die Golfstaaten seit Jahren wegen zahlreicher Menschenrechtsverletzungen in Kritik geraten sind, hat die FIFA die Entscheidung getroffen, die WM 2022 an den Golfstaat Katar zu vergeben. Ordnungsgemäße Vorbereitungen und standardisierte Arbeitsverhältnisse wurden vorher nicht vereinbart, und so sind in den letzten Monaten zahlreiche Gastarbeiter auf den WM-Baustellen ums Leben gekommen. Gründe dafür sind meist fehlende Sicherheitsvorkehrungen an der Arbeitsstelle oder Herzversagen, da die Gastarbeiter bis zu 16 Stunden am Tag bei verheerenden Temperaturen schuften müssen. Wenn die Todesfall-Rate so anhält, wird die Anzahl der Opfer bis zum WM-Beginn 4.000 überschreiten. Trotz der erschreckend vielen Toten sieht die FIFA nach wie vor keinen Anlass mit Katar über die Reise-, Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter zu verhandeln, denn die einzige Sprache, die die FIFA spricht, scheint Geld zu sein. Doch bleibt die Bestechung des Auswahl-Komitees weiterhin ein offenes Geheimnis.

 

Katar muss keine Sanktionen fürchten, denn es schiebt alle Verantwortung nur auf die Bauunternehmen  Dass diese nicht an dem Wohl des Gastarbeiters interessiert sind, ist bekannt. Und so bleibt den Arbeitern nichts anderes übrig, als unter Zwang und menschenrechtsverletzenden Bedingungen weiter zu arbeiten. Somit toleriert die FIFA die eklatante Ausbeutung der Gastarbeiter und fördert sie sogar. Wichtig ist für die FIFA lediglich die Frage, zu welcher Jahreszeit die WM stattfinden soll. Das ist das Einzige worüber in den letzten Tagen groß debattiert wurde. Skandalöserweise wird also die WM 2022 in Katar auf der Grundlage moderner Sklaverei, zahlreichen Toten und  vieler verletzter Arbeiter ausgetragen.

 

 

 

Foto: © the_apostrophe

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen