Rezension

Die bezifferte Welt - Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht

15.10.2015 - Christopher Hein

Wer Colin Crouchs Buch „Die bezifferte Welt“ in der Bahnhofsbuchhandlung kauft, erwartet ein Werk, das sich ausgehend von den zahlreichen Krisen der vergangenen Jahre mit den Finanzmärkten, ihren Akteuren und dem Handeln dieser Akteure auseinandersetzt. Dem aufmerksamen Leser wird jedoch schon nach wenigen Seiten deutlich, dass der britische Politikwissenschaftler und Soziologe einen gänzlich anderen Schwerpunkt setzt. In Fortführung seiner preisgekrönten Reihe „Postdemokratie“ fragt er welchen Einfluss die Logik der Finanzmärkte auf die heutige Gesellschaft hat.

Eine zentrale Bewertungskategorie der postmodernen Kapital- und Handelswelt ist der Preis. In den Mikro- und Makrokosmen der Märkte ist das Wissen um Preise die einzige Art von Wissen, der Bedeutung beigemessen wird. Dieses neoliberale Denkmuster ist längst in weite Gesellschaftsbereiche vorgedrungen. Ein Beispiel dafür ist die zunehmende Zahl von Rankings, die dazu eingesetzt werden den Erfolg von Unternehmen, Projekten und Menschen zu messen. So wird Schülern und Studenten an Privatschulen zur Maximierung ihres Erfolgs oft nur noch das Wissen vermittelt, das sie benötigen um spezifische Tests und Prüfungen zu bestehen. Dies führt zu einem schleichenden Abbau „substantiellen Wissens“. Crouch warnt vor solchen Entwicklungen, denn er befürchtet, dass einflussreiche Individuen und Unternehmen diese Mechanismen zu ihrem Vorteil nutzen könnten, indem sie Wissen manipulieren und monopolisieren oder für die Generierung, Verbreitung und Unterdrückung spezifischer Wissensinhalte hohe Geldsummen bezahlen.  


Crouch erläutert am Beispiel der Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko im Jahr 2010 wie der Logik des Marktes Vorrang vor (Fakten-)Wissen eingeräumt wird. Obwohl Ingenieure und Geologen vor einer möglichen Katastrophe gewarnt hatten, richtete das Unternehmen BP sein Handeln nicht an Sicherheitsfragen, sondern an Finanzkennzahlen und dem Wunsch nach Profitmaximierung aus. Begünstigt wurde dies durch die hohe organisatorische wie finanzielle Abhängigkeit der Ingenieure und die starke Marktmacht des Konzerns. Laut Crouch kann es in einer komplexen Gesellschaft nur dann transparente, kritische und ausgewogene Entscheidungen geben, wenn der Kernbestand des Wissens durch freie, nur der staatlichen Kontrolle unterliegende Einrichtungen wie Ämter und Universitäten geschaffen, strukturiert, und verwaltet wird. In gewisser Weise erhebt der Autor damit das Wissen zu einer öffentlichen Ressource, die im Dienst des Allgemeinwohls vor schädlichen Einflüssen geschützt werden muss.

Im weiteren Verlauf des Buches widmet sich Crouch der Logik des Marktes in öffentlichen Einrichtungen in Großbritannien. Als Beispiel wählt er das Londoner Boroughs Barnet, das unlängst ankündigte seine Dienstleistungen am „Modell Ryanair“ auszurichten. Das Borough will einige grundlegende Serviceleistungen kostenlos anbieten und den Bürgern alle darüber hinaus gehenden Tätigkeiten in Rechnung stellen. Die Neoliberalen begrüßen diesen Schritt. Ihrer Meinung nach hat der öffentliche Dienst die Bürger viel zu lange als Objekte und nicht als Kunden betrachtet. Doch ist der neue Status eine Verbesserung? Crouch sagt „Nein“ und prophezeit, dass die Beschäftigen des öffentlichen Dienstes ihr Tun fortan stärker an Zielvorgaben und Statistiken als am Wohl der Bürger ausrichten werden. Den wahren Grund für die Reformmaßnahmen sieht Crouch in der klammen Finanzlage der Kommunen. Er lehnt es ab, dass Bürger zu zahlenden Kunden und öffentliche Güter wie Amtshandlungen, Bildung und medizinische Versorgung zu Dienstleistungen degradiert werden. In der zunehmenden Tendenz zu Kommerzialisierung, Privatisierung und Outsourcing sieht er den ersten Schritt in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der zahlenden Bürgern Vorrang vor nicht-zahlenden eingeräumt wird. Besonders problematisch sei dies dort, wo Grundrechte der Bürger, wie die Gleichheit vor dem Gesetz, betroffen sind. 

Welche Lösungsansätze liefert Crouch? Als Sofortmaßnahmen empfiehlt der Autor unter anderem regelmäßige Inspektionen und eine verstärkte staatliche Regulierungstätigkeit. Dies sei aber nur dann effektiv, wenn Inspektoren und Beamte von „politischen und kommerziellen Interessen und Einflüssen“ frei sind und einer strikten Kontrolle durch Eliten und Experten unterliegen, die  Fehlverhalten vorbeugt und im Ernstfall bestraft. Die Kosten dafür müssten jedoch die Bürger tragen. Ob sie freiwillig dazu bereit wären, stellt Crouch in Frage.  

„Die bezifferte Welt“ verdeutlicht anhand einiger interessanter Beispiele wie die Logik des Marktes die heutige Gesellschaft verändert. Leider geht das Buch an vielen Stellen nicht intensiv genug auf bestimmte Sachverhalte ein und versäumt es damit seine Leserinnen und Leser zum weiteren Nachdenken zu animieren. Am Ende ist das Werk daher weniger eine kraftvolle und provokante Denkschrift, als eine erhellende Sammlung von Fakten und Gedanken. Als Gelegenheitslektüre ist es trotz dieser Schwächen zu empfehlen.

Colin Crouch: Die bezifferte Welt. Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht. 250 Seiten. Suhrkamp. 21,95 Euro.


Foto: Zach Zupancic

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