Rezension

Die Daten, die ich rief

15.09.2018 - Nikolai Luber

"Wie wir unsere Freiheit an Großkonzerne verkaufen". So lautet der Untertitel des Buches und das will Katharina Nocun in ihrem Buch herausfinden. Die Antworten darauf sind erstaunlich bis erschreckend. Im ersten Kapitel „Mein Datenschatten“ untersucht die Autorin, wie viel wir von uns täglich online preisgeben. Die Antwort ist: So ziemlich alles. Anhand persönlicher Erfahrungen und Recherchen stellt Nocun dar, welche Unmengen an Daten die großen Internetkonzerne über die Autorin gesammelt haben: Von Amazon erhält sie (erst nach hartnäckigem Nachfragen) eine eindrucksvolle Tabelle mit allen jemals betrachteten Seiten, die ein sehr präzises Bild von ihren Interessen und Bedürfnissen zeichnet.

Die Fitnessuhr, die sie ausprobiert, misst und speichert ununterbrochen hochsensible Gesundheitsdaten wie Puls, Gewicht oder Bewegung, mit denen Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Diabetes oder Rückenprobleme prognostiziert werden könnten. Mit den Daten, die Facebook sammelt, könnte der Konzern die sexuelle Orientierung Jugendlicher voraussagen, noch bevor sie sich selbst darüber klar werden. Und der treffendste Satz zu Google lautet „Wir sind, was wir suchen“. Oder, wie es Eric Schmidt, Chef von Google ausdrückt: „Wenn es irgendetwas gibt, was man nicht über Sie wissen sollte, dann sollten Sie es vielleicht gar nicht erst [online] tun.“ Auch auf den staatlichen Datenhunger geht Nocun am Ende des Kapitels ein. Der wirkt aber eher ein wenig harmlos.

Noch erschreckender ist, welche Macht sich mit diesen Daten ausüben lässt. Das ist Thema des zweiten Kapitels „Wie wir konditioniert werden“. Basierend auf Gesundheitsdaten könnten Krankenversicherer Tarife so individuell auf den Kunden zuschneiden, dass das Solidaritätsprinzip abgeschafft wird. Würde dies Standard, so Nocun, dann würden datensparsame Kunden tariflich wie Hochrisikogruppen behandelt werden, nur weil sie nicht ständig alle Gesundheitsdaten preisgeben wollen. Beängstigend wird es bei den Newsfeed-Filtern, die Facebook einsetzt. Nocun beschreibt, wie diese als Verstärker für schockierende und angsteinflößende Nachrichten wirken und Facebook von dieser „Schreispirale“ profitiert, weil sie die Aufmerksamkeit der Nutzer stärker und länger bindet, was zu mehr Werbeeinnahmen führt. Die Folgen staatlicher Überwachung nehmen im zweiten Kapitel größeren und zunehmend düsteren Raum ein. Der „Chilling-Effekt“ beschreibt: Wer weiß, er wird überwacht, ändert (vorsorglich) sein Verhalten. Massenüberwachung  statt zielgerichteter  Ermittlung, stellt alle Bürger unter Generalverdacht. Wohin dies führen kann, zeigt Nocun am Beispiel China, wo ein „Social Score“ getestet wird. Jeder Mensch wird einem Punktesystem unterworfen, dessen Basis privatwirtschaftlich und staatlich erhobene Daten sind. Von seinem „Score“ soll künftig abhängen, ob er einen Kredit bekommt, Sozialleistungen erhält oder welche Schulen er für seine Kinder wählen darf.

Im letzten Kapitel „Es ist fünf vor zwölf“ kommt Nocun zu ihrem „Herzensanliegen“. Hier ruft die Aktivistin und ehemalige politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Bürger und Staat zum Handeln auf. „Tuwat“ steht auf einem T-Shirt, das sie als Helferin auf einem  Hackercamp in den Niederlanden bekommt. Es ist Credo des Kapitels und Quintessenz des Buches. Hier zieht sie die Konsequenz aus allem, was sie in den ersten beiden Kapiteln ermittelt hat. Sie ist überzeugt: Der technologische Fortschritt führt nicht automatisch zu einer besseren Welt und die Marktwirtschaft nicht zum Schutz des Menschenrechts auf Privatsphäre. Darum  fordert sie eine (bessere) Regulierung disruptiver Technologien und einen stärkeren Datenschutz, kurz: Eine Digitalisierung, die der Gesellschaft nützt und nicht dem Profitinteresse einiger weniger Konzerne. Die europäische Datenschutzgrundverordnung sieht Nocun als einen Schritt in die richtige Richtung, aber auch nicht mehr. Der Staat alleine wird es ihrer Ansicht nach nicht richten. Sie ruft dazu auf, die digitale Zukunft selbst neu zu bauen - „nur besser“. Das klingt hoffnungsvoll, aber auch ein wenig idealistisch. Ganz handfest hingegen sind die letzten Seiten des Buches „Erste Hilfe für Ihre Privatsphäre“. Hier beschreibt Nocun kurz und praktisch, was jeder selbst tun kann, um weniger Daten von sich preiszugeben und sie zu schützen.

Katharina Nocun hat ein leicht verständliches Buch geschrieben, das durch die vielen persönlichen Schilderungen den Leser direkt anspricht und mitnimmt. Der emotional-persönliche Stil wird an manchen Stellen etwas überstrapaziert und hin und wieder klingt es nach Eigenlob, wenn sie etwa schreibt, Edward Snowden habe sich persönlich für die Asyl-Kampagne bedankt, die sie geleitet hat. Wenn sie an anderer Stelle erwähnt, dass sie mit einem geistig verwirrten Stalker zu tun hatte, fehlt nicht nur der Bezug zu ihrem Buch; auch wirkt diese Selbstoffenbarung merkwürdig in einem Plädoyer für Privatsphäre.

Von solchen Kleinigkeiten abgesehen ist das Buch für jemanden, der sich bisher wenig mit dem Thema Datenschutz auseinandergesetzt hat, ein Augenöffner. Nach der Lektüre fällt es schwer, das Thema Datenschutz klein zu reden mit der Behauptung „Ich habe nichts zu verbergen“.

Bei aller Kritik am bestehenden System wird Nocun nie technikfeindlich. Die Begeisterung für Internet und soziale Medien ist bei ihr schon im Vorwort zu spüren. Das macht das Buch nicht nur authentisch, sondern im positiven Sinne der Zukunft zugewandt.


Katharina Nocun – Die Daten, die ich rief. Wie wir unsere Freiheit an Großkonzerne verkaufen. Bastei Lübbe, Köln 2018, 352 Seiten, 18 Euro, ISBN: 978-3785726204

 

Die Daten, die ich rief - Katharina Nocun - PB

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