Ethik

Die Eine oder keine

01.10.2021 - Roberto J. De Lapuente

Ethisch spricht nichts gegen die Impfpflicht? Okay, stimmt bestimmt. Die Frage ist nur: Welche Ethik? Die von Kant oder Hobbes? Oder jene von Bentham oder Stirner? »Die Ethik«, »die Wissenschaft«, »die Kunst« und »der Journalismus«: Was soll das eigentlich sein?

Neulich ließ sich die Philosophin Sabine Döring im Philosophie Magazin über die Impfpflicht aus. Wie es sich für eine Frau von Geist gebührte, lieferte sie nicht einfach einen Meinungsartikel ab, sondern untermauerte ihre Grundhaltung, dass eine Impfpflicht richtig sei, mit der Grundübung eines jeden Philosophen: Mit der Ethik. »Moraltheoretisch spricht nichts gegen die Impfpflicht«, sagte sie. Wie sich das mit der Ethik eigentlich verhält, thematisiert sie freilich nicht. Wahr ist jedoch, dass jeder eine irgendwie geartete Ethik hat. Döring eben auch. Insofern hat sie, in ein ethisches Kleidchen gehüllt, doch nur einen Meinungsbeitrag abgesetzt.

Bis vor etwa einem Jahr war ich Abonnent des Philosophie Magazins. Es gab eine Zeit, da mochte ich die Vielzahl von Artikeln, die querdachten und sich gezielt von politischen Mainstream abhoben. Mit Einsetzen der Pandemie wurde diese Linie aufgegeben, Querdenker wollte man als Magazin immer weniger sein. Lieber schwor man ein, ermunterte zum guten Staatsbürgertum, das jetzt lieber mal stillhalten sollte. Es gab also auch eine Ethik, die die Aussetzung der Grundrechte leicht und locker rechtfertigen konnte. Artikel wie jener von Sabine Döring haben mich dazu ermuntert, mein Abo auslaufen zu lassen: Moraltheoretisch sprach da aus meiner Sicht nichts dagegen.

Eine Ethik für jede Lebenslage

Aber was soll das eigentlich sein, wenn etwas »moraltheoretisch« begutachtet und eingeschätzt wird? Die Ethik ist ja – wie bereits gesagt – eine klassische Diszipin der Philosophie. Aber die Ethik gibt es nicht. Für jede Lebenslage scheint es den passenden Moralphilosophen gegeben zu haben. Und manche lassen sich im Grunde für fast alles einspannen, wenn man sie nur mutig exegiert. Nehmen wir nur unseren philsophischen Großmeister, nehmen wir Immanuel Kant: Der sprach von der »apriorischen Sittlichkeit«, die dem Menschsein immanent sei und die den kategorischen Imperativ gewissermaßen in die Wiege legt.

»Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte«, lautet eine Lesart seines Prinzips. Was heißt das im Bezug auf die Impfpflicht? Spiegelt sie die Maxime meines Willens wider? Oder soll mein Wille gebeugt werden, um einem höheren Gut zu folgen?

Wir könnten aber auch Thomas Hobbes heranziehen. Der sprach vom Krieg aller gegen alle (Bellum omnium contra omnes). Damit könnte er heute auftreten und würde viel Anerkennung ernten. Seine Ethik gilt als relativistisch: Gut oder Böse seien interpretierbar, das Gute gäbe es insofern gar nicht. Wenn heute ein Befürworter der Impfpflicht auf ihn träfe und ihm erklärte, die Impfung sei eine ausdrücklich gute Sache, würde Hobbes wohl zusammenschrecken. Und da jeder »das, was ihm gefällt und Vergnügen bereitet, gut, und das, was ihm missfällt, schlecht« nennen soll, wäre sein moraltheoretischer Ansatz wohl nicht pro Impfpflicht.

Der Utilitarist Jeremy Bentham würde das »Glück der größten Zahl« anführen: Moralisch richtig ist, wenn es den Meisten nutzt. Die Moralvorstellungen von Minderheiten spielen demnach bestenfalls eine untergeordnete Rolle. Eine richtige Ethik ist das freilich nicht, denn sie befasst sich nicht mit Argumenten, sondern mit Konsequenzen. Bentham wäre sicher für die Impfpflicht. Das krasse Gegenteil davon bietet uns die Ego-Ethik Max Stirners: Dem Staat gehe es »nicht um Mich und das Meine, sondern um Sich und das Seine«. Daher fragt er: »Was aber kümmert Mich das Gemeinwohl?«


Die Wissenschaft, die Ethik, die Kunst und der Journalismus: Das Primat des Einen

Na sicher, ich habe hier recht willkürlich irgendwelche Philosophen und ihre persönliche Haltung zum Leben aufgezählt. Worauf ich hinauswollte ist aber: Es gibt so viele Ethiken wie es Menschen gibt, die sich über Moral Gedanken machen. Eine grundsätzlich allgemeinverbindliche Ethik gibt es jedoch nicht, kann es gar nicht geben, weil sie auch mit Vorlieben und Vorurteilen ersonnen wird. Sie ist an kulturellen Vorbedingungen gebunden und abhängig von der Zeit, in der sie bemüht wird. Wer von der Ethik spricht, verkürzt also auf radikalste Art und Weise. Man muss sich das Fach immer im Plural denken.

Das bedeutet dann aber auch, dass es die eine Antwort auf eine drückende moralische Frage nur in seltenen Fällen geben kann. Aber bei so komplexen Fragen wie der nach einer Impfpflicht, um beim Thema der Stunde zu bleiben, wird das schon schwieriger. Denn der umsichtige Ethiker muss ja mehrere Szenarien im Blick haben: Folgen, Auswüchse, Nutzen, Nachteile. Bei Frau Döring, die uns im Philosophie Magazin ethisch beglückte, scheint mir wenig Umsicht angewandt worden zu sein. Sie hat weder politische Folgen noch psychologische Folgen miteinbezogen: Die ja durchaus auch Überlegungen ethischer Natur sind.

Ihre Ethik stellte sie dann als die Ethik dar. Moraltheoretisch spräche nichts dagegen, erklärt sie trocken. Welche Moraltheorie? Man weiß es nicht. Sabine Döring hält es dabei so, wie es unsere Zeit jetzt als schicklich findet: Sie spricht von dem Einen. Ob nun Corona-Maßnahmen oder Erkenntnisse zum Krankheitsverlauf von Covid-19: Immer heißt es, die Wissenschaft meine, die Wissenschaft fordere, die Wissenschaft habe festgestellt. Wer ist die Wissenschaft? Gibt es nur die eine? Keine Gegenstimmen, andere Meinungen, kein Minderheitenvotum wenigstens?

Natürlich gibt es das alles, aber es wird suggeriert, dass es keine Wissenschaften mehr gibt, sondern nur noch eine, die ganz genau wisse, wie das Spiel funktioniert. Dass Wissenschaften sich um Wahrheiten balgen, wir in einer pluralistischen Welt um Ordnung ringen: Man blendet das aus, denn man möchte Verbindlichkeit und kein Sammelsurium an möglichen Antworten. Die Singularisierung hebt eine Fakultät, ob jetzt die Wissenschaft oder die Ethik, in den Rang der einzigen Instanz. Sie ist unantastbar, weil so simuliert wird, es gäbe in ihr keine Widersprüchlichkeiten.


Eine oder keine: Die Eintönigkeit des Meinungskorridors

Ähnlich ist es ja mit der Kunst oder den Medien. Denken wir nur mal einige Monate zurück. Einige Künstler haben sich mit kurzen Videoclips zu den Maßnahmen der Bundesregierung geäußert. Sie kritisierten den Kurs, alles zuzusperren, kein Leben mehr zuzulassen. Dafür wurden die teilnehmenden Künstler von allen Seiten attackiert. Selbst Morddrohungen soll es gegeben haben. Empörte Kollegen aus dem Medienbetrieb äußerten ihr Unverständnis; so dürfe die Kunst nicht auftreten, das sei zynisch und falsch, las man mehrfach. Da war wieder dieser Anspruch: Die Kunst sollte das nicht tun, die Kunst sollte verantwortungsbewusster mit der Situation umgehen, die Kunst sollte nich so zynisch sein.

Was soll das eigentlich für eine Kunst sein, die sich so gleichschalten lässt? Ist das noch Kunst oder könnte das dann nicht eigentlich weg? Sprachen wir früher nicht auch mal von den Künsten? Bei den Medien ist es noch so: Wir nennen sie stets im Plural. Aber auch der Medienbetrieb unterliegt dieser Haltung, immer von dem Einen, dem Richtigen, den Wahren, dem Reinen zu sprechen: Wenn wir Medien meinen, schwingt nur durch die Mehrzahl des Begriffs mit, dass es sich um Pluralismus handeln müsse. Medien, die aber nicht mitziehen im Kanon der Allgemeinverbindlichkeit, spricht man schnell ab, ein Medium zu sein.

Für sie hat man den Begriff alternativer Medien oder Fake News ersonnen. Gerade so, als würde die Medien nicht falsche Meldungen fabrizieren und nicht teilweise sogar bewusst in die falsche Richtung berichterstatten. Auch hier spüren wir ganz nachdrücklich diese vereinheitlichende Tendenz, Pluralität auszusieben. Die Eine oder keine: Nach dem Credo scheint es an allen Fronten zu funktionieren. Man sondert Grautöne, Zwischentöne und Gegenstimmen aus und spricht so selbstverständlich von dem Einen, als sei es immer so gewesen.
Diese Eintönigkeit etabliert einen Meinungskorridor, der für sich selbst steht. Ein Korridor ist eine Räumlichkeit, die alleine dem Zweck dient, mehrere Zimmer eines Hauses zu verbinden. Der Meinungskorridor allerdings verbindet nichts, aus ihm zweigen keine anderen Räume ab. Er ist sich selbst genug, er ist der Eine: Du sollst neben mir keine Zimmer haben, sagt er. Denn Zimmer verunsichern nur durch ihre Weite. Suggerieren, dass da noch mehr ist. Nicht nur das Eine, was man uns auftischt – sondern eben auch das Andere, was man unter den Tisch fallen lässt. Es gibt eben nicht nur die eine Welt, den einen Blick darauf und eine einzige Wahrheit. Aber ein Gründen der Simplizierung unterschlägt man das lieber.

 

Link zur Erstveröffentlichung: neulandrebellen.de

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