Rezension

Die Fähigkeit zu lieben

15.06.2015 - Tina Wittrich

„Liebe ist ein Tun, das eigenes Entscheiden und Handeln erfordert“- mit dieser, mehr oder weniger provokanten These leitet der ehemalige Psychoanalytiker Fritz Riemann das Werk „Die Fähigkeit zu lieben“ ein, das erst nach seinem Tod veröffentlicht und von Zeitgenossen als „nichts Geringeres als eine Art Lehrbuch der Liebe charakterisiert“ wurde. In neun Kapiteln beleuchtet Riemann die unterschiedlichen Formen, Vorstellungen und Arten von Liebe bzw. Liebesfähigkeit, deren Entstehungsmöglichkeiten und Konsequenzen.

Seine Hauptthese: Liebes- und Aufmerksamkeitsdefizite in der frühkindlichen Entwicklungsphase können bereits den Grundstein für Bindungsschwierigkeiten im Erwachsenenalltag legen.

Der Psychoanalytiker erkennt in der Liebe einen Ausdruck der eigenen Gesamtpersönlichkeit, bei dem qualitative Werte wie Dimension, Reife und Tiefe, quantitativen vorgezogen werden.

Voraussetzung für dieses Lieben-Können ist die eigene Fähigkeit zu lieben. Liebesbereitschaft ist der Drang, sich jemandem oder einer Sache zuzuwenden, die geliebt werden kann.

So unterschiedlich die verschiedenen Formen und Arten der Liebe auch sind, sie gleichen sich im grundlegenden Merkmal der Selbstentäußerung – im Buch auch „grenzüberschreitendes Transzendieren“ genannt. Dabei wird versucht die trennende Schranke zwischen einem Ich und einem Du zu überwinden oder  zeitweise gänzlich aufzuheben.

Der Autor zeigt, dass die Sehnsucht zur Selbstfindung nur durch einen Partner und die Möglichkeit der Kommunikation gestillt werden kann.
 
Riemann behauptet, dass Zeit und Bewusstheit der Liebe keinen Abbruch tun, solange sie als Entwicklungs- und Reifungsmöglichkeiten verstanden werden, "denn die Entwicklung ist es gerade, die - scheinbar paradox - erst Dauer gewährt". Somit birgt der permanente Wandel der Liebenden nicht nur die Gefahr, den Forderungen ständig neu und anders zu lieben, nicht nachkommen zu können, sondern auch Chancen auf tiefere reifere Liebe. Als Hemmnis sieht Riemann dabei fehlende Eigenentwicklung, da sich die Liebe meist übertriebenen Abhängigkeiten entzieht.

Die Grundlage der Liebesfähigkeit wird bereits in der Kindheit gelegt, da nur die dort erfahrene Liebe mit der Zeit fähig macht, ein eigenes „Lieben-Können“ zu entwickeln. Im Kapitel „Die Liebe der Eltern“ beschreibt der Psychoanalytiker diese Grundlegung durch die Erziehungsberechtigten. Verschiedene Formen und deren möglichen Folgen werden vorgestellt, wobei die „schenkende Liebe“ die Beglückendste  ist. Erfüllung findet sie in der vollständigen Persönlichkeitsentfaltung des Kindes. Im Gegensatz dazu ist das Ziel der „verwöhnenden Liebe“, die dem Beschenkten Dank und feste Bindung abringt (oder auch: vom Beschenkten….fordert) und nur die Funktion des Liebe-Zurückgebens erfüllt. Riemann beleuchtet auch die Schwierigkeiten und Probleme, wenn die elterliche Liebe eher einer partnerschaftlichen gleicht, da so das Kind zum Ersatzpartner mit fatalen Folgen wird. Dadurch entstehen ungesunde Verhaltensweisen, Abhängigkeiten und Entwicklungslücken, die die Liebesfähigkeit des Kindes nachhaltig stören können.

Im folgenden Kapitel „Sexualität und Liebe“ wird deren Zusammenhang herausgearbeitet, da laut Riemann Sexualität und Liebe zwar nicht das Gleiche, aber auch keine Gegensätze sind. Die Auswirkungen als ungeliebtes Kind aufgewachsen sein beinhalten ebenfalls eine Störung in der sexuellen Reife, da fortan nur sexuelle Bedürfnisbefriedigung durch das Du gesucht wird und keine wirkliche tiefergehend Liebe. Ebenfalls beleuchtet Riemann die Auswirkungen übertriebener Selbstliebe oder Verlustängste, die von der Zuwendung zu einem Gegenstand als Ersatzpartner (Fetischismus) bis zum masochistischen Genuss an Sich-Aufgeben reichen können.

Ein weiteres großes Thema im Buch „Die Fähigkeit zu lieben“ ist die Partnerwahl und deren Hintergründe. Riemann stellt Bezug zur jeweiligen Biografie her, da instinktiv versucht wird die erste erfahrene Liebe durch die Eltern im Partner wiederzufinden. Dadurch gleichen auch viele männliche Partner dem eigenen Vater und viele weibliche der Mutter.

Wie sehr Angst sich belastend auf die Liebe auswirken kann, zeigt Riemann im letzten Kapitel seines Buches, in dem er auch Bezug zu seinem Bestseller "Grundformen der Angst“ nimmt. Je intensiver man liebt und geliebt wird, desto mehr hat man zu verlieren, desto mehr droht Verlustangst, erklärt Riemann. Eine Sicherheit oder ein Heilmittel gibt es zwar nicht, so der Psychoanalytiker, aber man muss auf die Hoffnung setzen,  die in der Kindheit erlernt wird. Dabei zielt er auf erlebte Abschiede, Trennungen und Einsamkeit, die je nach gemachter Erfahrung besser oder schlechter verkraftet werden.

Er fordert zum  Mut auf, Neues zu wagen und seine Ängste zu bezwingen. Dabei  soll jede Angstüberwindung als kleiner Sieg gewertet werden, der einen selbst freier und unbeschwerter macht, vor allem auch im Hinblick auf die Liebe.
Der 1979 verstorbene Autor benutzt in seinem 140-seitigen Buch eine sehr klare und einfache Sprache, mit der er Verständlichkeit bei Menschen ohne psychologische Ausbildung erreicht. Er baut keine theoretische Distanz auf, indem der er von „oben herab“ Verhaltensweisen diktiert, sondern er stellt sich auf empathische Art und Weise mit dem Leser auf eine Ebene. Dies wird vor allem durch die  dauernde Verwendung des Personalpronomens „Wir“ erreicht. Dieses Verständnis für die Probleme beim Lieben und Geliebt-Werden ist geht wahrscheinlich auch  auf seine eigene Biografie zurück, da er selbst zwei Scheidungen durchgemachte und  eine „Gluckenmutter“ besaß, die große Abnabelungsschwierigkeiten hatte.

Dadurch ist dieses Buch keine abstrahierend wissenschaftliche Darstellung, sondern eine allgemein verständliche Betrachtung der verschiedenen Entwicklungsstufen der Liebesfähigkeit und ihrer Folgen. Riemann bedient sich in seiner Argumentation zum Teil der klassischen psychoanalytischen Lehre und greift historische Kontexte und Aussagen anderer Autoren und Schriftsteller auf.
Ich teile nicht Hans Jellouschecks Ansicht, dass dies ein Lehrbuch der Liebe ist, da es an einigen Stellen dafür zu sehr an Tiefgang mangelt, allerdings glaube ich , dass es hilfreich für den wohlwollenden Leser sein kann, da man über sich selbst zu reflektieren beginnt. Außerdem ist das Thema heute von hoher gesellschaftlicher Relevanz - oder besser gesagt: Mehr denn je!


Fritz Riemann: Die Fähigkeit zu lieben, 1982, Reinhardt Verlag, 11. Auflage 2013, Taschenbuch: 14,90 €, E-Book: 14,90 €, 140 Seiten

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