Kolumne

Die Frau des alten weißen Mannes

15.08.2019 - Khola Maryam Hübsch

„Ach, da ist es ja, das Hübschen“ – so begrüßte mich Alice Schwarzer an der Universität Frankfurt, wo wir anlässlich einer Konferenz über das Kopftuch sprechen wollten. Es ist eine Begrüßung die sinnbildlich für all das steht, was falsch läuft in der Debatte um den Hijab, das rote Tuch. Frauen, die das Kopftuch tragen, gelten entweder als unterdrücktes Opfer oder apologetische Patriarchatsgehilfinnen – bestenfalls sind sie einfach nur hoffnungslos naiv. Wenn Musliminnen sich gegen diese reduzierte Weltsicht wehren und religiösen Fanatikern sowie missionarischen Islamkritikern nicht die Deutungshoheit überlassen wollen, werden sie herabgewürdigt. „Kopftuchfetischistin“ heißt es da schnell oder es wird eben verniedlicht, um zu betonen, wie wenig ernst man ihre Position nehmen müsse. Hauptsache es kommt kein Diskurs auf Augenhöhe zustande – denn der könnte weh tun.

Es mag guttun, sich seiner eigenen Überlegenheit zu vergewissern, indem man mit gönnerhafter Verachtung auf die muslimische Frau herunterblickt. Im „Gestus des pädagogischen Wohlmeinens“ (Navid Kermani) stilisieren sich Islamkritikerinnen wie Alice Schwarzer ganz in white-saviour Manier zu selbsternannten Rettern kopftuchfragender Frauen, die sie damit zu unmündigen Wesen erklären. Die Befreiung der muslimischen Frau ist seit jeher ein zentraler Kern kolonialer Strategie. Die Gender-Forscherin Leila Ahmed spricht von einem kolonialen Feminismus: Im Namen von Freiheit und Gleichheit geht es um kulturelle Dominanz. Hierarchie wird nicht nur über biologistischen Rassismus installiert, sondern auch über eine angeblich rückschrittliche Religion. Ein Feminismus, der den Anspruch erhebt, der einzig wahre zu sein, ist in sich widersprüchlich. Er ist übergriffig und paternalistisch. Er bevormundet Frauen, er befreit sie nicht.

Es gehe nicht darum, ob Frauen das Kopftuch freiwillig trügen oder nicht, schreibt Schwarzer, es gehe um die Kontrolle des weiblichen Körpers durch eine politische Ideologie. Es geht nicht um die Autonomie der Frauen? Dann könnte man genauso gut den Minirock und die High Heels kritisieren. Auch sie lassen sich als Instrumentarien des Patriarchats lesen: Kleidungsstücke, die Frauenkörper einengen und zurichten, um den männlichen Blick zu bedienen; Symbole eines durch das Patriarchat befeuerten um sich wütenden Kapitalismus. Eine politische Ideologie, die Frauen dazu erzieht, zu gefallen und zu konsumieren. Der Unterschied ist eben doch ganz entschieden: Die Freiwilligkeit.

Und genau hier fängt die berechtigte Kritik an. Autokratische Regime, die Frauen das Tragen eines Kopftuches vorschreiben, kennen keine Trennung von Staat und Religion. Es gibt ein gefährliches Zusammenspiel religiöser und politischer Kräfte, die sich gegenseitig stützen und legitimieren. Die Abwendung vom Islam steht unter Strafe. Es ist dieser sogenannte politische Islam, der entschieden bekämpft werden muss und der nicht nur Frauen gegenüber repressiv ist. Er darf jedoch nicht vermischt werden, mit dem Islam als Religion. Denn im Koran findet sich kein einziger Vers, der eine weltliche Strafe für den Abfall vom Glauben formuliert. „Und hätte dein Herr Seinen Willen erzwungen, wahrlich, alle, die auf der Erde sind, würden geglaubt haben insgesamt. Willst du also die Menschen dazu zwingen, dass sie Gläubige werden?“, fragt der Koran rhetorisch in Sure 10 und erklärt kategorisch: „Es soll kein Zwang sein im Glauben“ (2:257).  Der Glaube muss immer eine Sache des Herzens und der Überzeugungen bleiben. Auch wenn Alice Schwarzer kritisiert, Männer spielten sich zu Sittenwächtern über die Körper von Frauen auf, hilft ein Blick in den Koran: „Und Wir haben dich nicht entsandt als einen Wächter über sie“ (17:55).

Wer fordert, die Theologie des Islams von einer politischen Vereinnahmung dieser Weltreligion zu trennen, darf nicht gleichzeitig die Auslegung der Extremisten übernehmen und sie zur Grundlage der Argumentation machen. Das tut Schwarzer jedoch, wenn sie im Kopftuch „die Flagge des Islamismus“ zu erkennen meint. Radikal ist es, wenn Frauen, die das Kopftuch nicht tragen möchten, bestraft werden – obwohl der Koran dies an keiner Stelle fordert. Dass es einen staatlich vorgeschriebenen Verschleierungszwang gibt, ist keine Lehre des Islam, sondern Ausdruck der politischen Vereinnahmung von Religion. Und ja, das Kopftuch wird von religiösen Extremisten instrumentalisiert. Doch ist es angesichts von 1,8 Milliarden Muslimen, einem Viertel der Weltbevölkerung, zu viel verlangt, sich gegen diejenigen zu positionieren, die Religion für politische Zwecke missbrauchen? Wir übernehmen die Logik religiöser Hardliner, wenn wir ein Kleidungsstück, das seit Jahrhunderten von jüdischen, christlichen und muslimischen Frauen aus religiösen Gründen getragen wurde und wird, zum Flaggschiff für den „politischen Islam“ umdeuten.

„Das Kopftuch ist kein religiöses Gebot“, erklärt Alice Schwarzer weiter und gibt damit vor, den Koran kompetenter auslegen zu können, als die überwältigende Mehrheit muslimischer Exegeten. Der krampfhafte Versuch, die Kopftuchpflicht aus dem Koran durch eine wenig überzeugende Lesart weginterpretieren zu müssen, zeigt wie ideologisch die Kopftuchgegner selbst geworden sind. Die Auslegung ihres Heiligen Buches muss den Gläubigen schon selbst überlassen bleiben. Entscheidend ist, dass Muslime sich freiwillig zu ihrem Glauben bekennen können.

Befreit die Anzugträger
Wenn Musliminnen überzeugt sind, das Kopftuch tragen zu müssen und für sich diesen Weg wählen, ist das nicht Ausdruck eines Extremismus. Sie sind nicht die einzigen, die sich selbst Verbote auferlegen - ob aus weltanschaulichen oder ethischen Gründen. Es gibt Menschen, die nicht fliegen wollen, kein Fleisch essen oder vegan leben. Es gibt Menschen, die sich an Kleidervorschriften halten, die das Berufsleben fordert oder die schlicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen. Wer kämpft für die Rechte der Anzugträger, die bei 38 Grad schwitzen? Erklären wir sie zu unmündigen, indoktrinierten Opfern einer neoliberalistischen Ideologie, die nicht mehr kritisch reflektiert wird? Niemand würde diese Menschen als unfrei bezeichnen. Denn zum Problem wird das alles erst, wenn es einen staatlich vorgegebenen Zwang gibt.

Islamkritiker argumentieren häufig, es gebe einen Druck seitens muslimischer Communities, das Kopftuch zu tragen. Immer wenn das der Fall ist, vor allem wenn physische oder psychische Gewalt im Spiel ist, muss dagegen vorgegangen werden. Die Realität in Deutschland sieht jedoch so aus, dass der Druck seitens der Mehrheitsgesellschaft deutlich stärker ist: Der Druck, das Kopftuch abzulegen, um seine Karriere nicht zu ruinieren oder schlicht, um der sozialen Ächtung zu entgehen, die damit einhergeht eine Hijabi zu sein, ist es der Frauen zusetzt. Der Druck, schön, schlank, erfolgreich und sexy zu sein ist popkulturell omnipräsent und steht in keinem zum Verhältnis zu dem Einfluss, den eine Minderheit kurzzeitig auszuüben vermag. Druck gibt es potenziell in jedem sozialen Milieu.  Feministisch zu sein heißt, Frauen zu unterstützen ihren Weg zu gehen und sie nicht mit staatlich oktroyierten Verboten zu schikanieren.

Wie entspannt das Verhältnis zum eigenen Körper werden kann, wenn er den Blicken der Öffentlichkeit entzogen wird und nicht mehr den gängigen Vorstellungen von Attraktivität standhalten muss, das wissen Hijabis zu gut. Bis heute werden Mädchen von frühster Kindheit dazu erzogen, den männlichen Blick zu bedienen, sie haben ihn vielfach internalisiert, er bestimmt, wie sie ihren Körper wahrnehmen, beurteilen, verachten und zurichten. Er ist nachweislich mitverantwortlich für Selbstzweifel, Essstörungen und Depressionen. Denn, so die Gender Theoretikerin Christina von Braun: „Bevor der Westen der Frau erlaubte, sich zu entblößen, musste sie lernen, ihre Blöße wie ein Kleid zu tragen.“

Frauen, die sich an gängige Schönheitsideale orientieren, sind nicht pauschal als Opfer eines von der Konsumgesellschaft unterstützen Patriarchats. Frauen, die sich für das Kopftuch entscheiden sind ebenso wenig fremdgesteuerte Opfer ihrer Religion. Wenn eine Frau sich in einem freien Land bewusst für einen spirituellen Weg entscheidet und für sie das Kopftuch als Ausdruck ihres religiösen Bekenntnisses, ihrer Liebe zu Gott nun mal dazu gehört, sie damit eine selbstermächtigende Erfahrung verbindet, wäre es dann nicht ein zutiefst antifeministischer Akt, ihre Entscheidung zu problematisieren und ihr zu unterstellen, sie sei nicht in der Lage, selbstreflexiv über patriarchale Strukturen nachzudenken?

Die Mär von der Männerreligion
Das sehen Kopftuchkritiker freilich anders, wenn sie behaupten, Musliminnen müssten sich verschleiern, damit Männer nicht provoziert würden. Mag sein, dass es Mullahs gibt, die derartige Positionen vertreten. Ihre Weltsicht zu übernehmen bedeutet jedoch, muslimischen Frauen einen Bärendienst zu erweisen. Denn dem Koran entspringt diese Denkweise nicht: Bevor Frauen aufgefordert werden, sich zu bedecken, wird von den Männern verlangt, Frauen respektvoll zu behandeln: Männer sollen, so heißt es, „ihre Keuschheit wahren“ und ihre „Blicke zu Boden schlagen“ (24:31) – unabhängig davon wie die Frau gekleidet ist! Auch für Männer gibt es also eine Reihe von Geboten, die das Klischee von der Frauenkontrollierenden Männerreligion gehörig ins Wanken bringen. In einer bekannten islamischen Überlieferung ist tradiert, dass der Prophet Muhammad einem Gefährten, der einer schönen Frau hinterherschaute, das Gesicht wegdrehte. Es war nicht die Frau, die er aufforderte, sich zu verschleiern - der Prophet nahm den starrenden Mann in die Mangel. Natürlich gibt es eine Diskrepanz zwischen dem normativen Ideal der islamischen Lehre und der empirischen Realität in Teilen der sogenannten islamischen Welt, die in der Praxis von patriarchalen Traditionen geprägt ist. Doch gerade weil Religion oft missbraucht wird, um eine patriarchale Kultur zu stabilisieren, ist es so wichtig, die Unterschiede zu kennen.

Zuschreibungen, die mit der Bedeckung der Frau Unterdrückung verbinden, zeugen von der Macht des Blicks, der in westlichen Gesellschaften männlich assoziiert ist und deswegen die Entblößung des weiblichen Körpers mit Freiheit gleichsetzt. Es wird verkannt, dass Frauen, die sich selbstbestimmt dafür entscheiden, den männlichen Blick nicht zu bedienen, stärker von ihrer Bedeckung profitieren als Männer. Wer also männliche Vorherrschaft kritisieren will, sollte sich an denjenigen Mullahs abarbeiten, die Frauen bevormunden möchten und kopftuchtragende Frauen verschonen. Genau deswegen sind die Karikaturen der Emma-Cartoonistin Franziska Becker auch mehr als unglücklich.

Es geht nicht darum, einen Rassismusvorwurf als Keule zu nutzen, um Kritik zu verunmöglichen. Missstände müssen benannt werden dürfen, natürlich auch in Bezug auf Muslime. Wenn jedoch der reduzierte Blick auf Extreme dominiert und gleichzeitig ein Korrektiv durch persönliche Erfahrungen mit unterschiedlichsten Muslimen weitgehend fehlt, entsteht eine gefährliche Schieflage. Die Schriftstellerin Chimamanda Adichie nennt das „the danger of a single story”: Stereotype sind nicht unwahr – sie sind unvollständig und das macht sie so bedrohlich.

Was also ist die Funktion einer guten Kritik? Muss es ihr nicht darum gehen den dominanten „Frame“, die allgegenwärtige Erzählung zu hinterfragen und Stereotype aufzubrechen? Muss es nicht um einen Erkenntnisgewinn über das Erwartbare hinaus gehen? Wer eine bereits marginalisierte Minderheit satirisch oder publizistisch weiter in die Ecke drängt, der tritt nicht nur nach unten, sondern macht sich auch zum Argumentgeber für alldiejenigen, die bereits davon profitieren, dass antimuslimischer Rassismus längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Das ist weder besonders mutig, noch klug – und lustig schon gar nicht.  Apropos: Als ich Alice Schwarzer auf der Kopftuchkonferenz in Frankfurt spüren ließ, wie unlustig ich ihre verniedlichende Begrüßung fand, verteidigte sie sich wie ein sexistisches alter-weißer-Mann-Klischee: „Aber du bist doch so süß“.  Vielleicht wird es Zeit, zu beißen.

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