Menschenrechte

Die Freiheit der Meinung

01.07.2014 - Anke Fienbork

Wenn man seine Schulzeit in den achtziger Jahren verbracht hat, dann kennt man sie noch, die Pro und Contra Strichlisten, die vor allem bei politischen Themen in der Schule Anwendung fanden. Ein jeweiliges Thema wurde nach seinen positiven und negativen Seiten hin näher betrachtet und abgeklopft. Manchmal wünscht man sich heutzutage diese Art der Debattenkultur zurück.

Bei Themen wie Atomkraft, Betreuungsgeld oder dem Adoptionsrecht für homosexuelle Paare wird die öffentliche Meinung oft schon entschieden, bevor man selber mit seiner eigenen Pro und Contra Liste fertig geworden ist. Die heutige Debattenkultur in Deutschland ist vor allem geprägt durch gegenseitiges Missverstehen. Jede Meinung gilt es zu beurteilen und als richtig oder falsch einzuordnen. Die einen fühlen sich in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt, versuchen sich mit Sätzen wie „Das wird man doch noch sagen dürfen“ in die Debatten einzubringen und verrennen sich oft in rassistischen Äußerungen. Worauf ihnen dann oftmals die Bereitschaft an einer Debatte teilnehmen zu können, abgesprochen wird. Somit sehen sie sich dann in dem bestätigt, was sie beanstandet haben. Jeder wirft dem anderen vor, in seiner eigenen kleinen Welt zu leben und sich die Schwierigkeiten der komplexen modernen Welt mit Schwarz-Weiß-Denken einfacher machen zu wollen. Die einen folgen der „linksversifften Mainstreampresse“ oder leben angeblich durch den „EU-Betrugsapparat“ wie in einer Diktatur. Die anderen wiederrum sind „Rechtspopulisten“, „islamophob“ oder „homophob“ und diese Begriffe zeugen auch nicht gerade von buntem Nachdenken! Wer den Westen aufgrund seines Verhältnisses zu Russland kritisiert, der wird ganz schnell zum „Putinversteher“. Der Person, die Amerika aufgrund seiner Politik im nahen Osten kritisiert  wird oftmals eine antisemitische Haltung bescheinigt. Geschimpft wird auch auf den „Anti-Amerikaner“, der nur wenn Amerika in einen Krieg eingebunden ist, protestierend auf die Straße geht und bei anderen Kriegen lieber zu Hause bleibt. Aber wie als in seiner eigenen Welt kann man denn sonst leben? Wer kann sich denn anmaßen zu sagen, er würde die ganze Welt verstehen? Denn nur durch eine lebhafte Debattenkultur, in der man zusammen über die Vor- und Nachteile eines Themas diskutiert, bekommt man die Chance auch einmal aus seinen eigenen Denkmustern auszubrechen und andere Meinungen zuzulassen. Hierbei sollte man auch immer die Relationen sehen. Wenn jede Meinung gleich mit Superlativen tituliert wird, dann kann kein vernünftiges Debattenklima hergestellt werden, denn wer möchte schon mit „Hassern“ diskutieren?

An welcher Stelle fangen Rassismus und Diskriminierung an und wie ist das mit unserer Meinungsfreiheit zu vereinbaren? Es ist diskriminierend die Liebe zu einem homosexuellen Paar niedriger anzusehen als zu einem heterosexuellen. Bei diesem Beispiel werden die einen Menschen erniedrigt, während sich die anderen gleichzeitig hervorheben. Aber was ist mit dem Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare? Diskriminiert man sie, wenn ihnen etwas verweigert wird, was sie ohne fremde Hilfe nicht haben könnten? Gilt man etwa schon als „homophob“, wenn man sich für die traditionelle Familie einsetzt, da man an Hand der geführten Debatten schließlich auch gegen die moderne Familie sein müsste? Sollte man dann also tatsächlich „homophob“, der Wortherkunft nach therapiebedürftig, sein? Homosexuellen eine Therapie verordnen zu wollen ist diskriminierend, aber Heterosexuellen mit der Forderung zu kommen, ihr wahres soziales Geschlecht finden zu müssen, hat auch durchaus  etwas Therapeutisches.

Wie ist er denn so, der sogenannte Rechtspopulist? Dafür, dass er doch gerne seine Meinung immer und überall sagen möchte, reagiert er leicht pikiert, wenn andere sich dieses Recht auch herausnehmen. Es ist rassistisch einer bestimmten Gruppe von Menschen einen Mangel an Intelligenz zu bescheinigen. Dasselbe gilt für den Begriff der bildungsfernen Schicht, der aber auch besonders gerne von den sozialen Parteien genannt wird, auch um den Krippenausbau weiter voranzutreiben zu können. Wer hält sie denn nun von der Bildung fern? Es ist auch diskriminierend, wenn Eltern ihre Kinder auf Schulen schicken, die öffentlich damit werben, möglichst wenige Ausländer zu haben. Aber sollte man dann  gleich immer von „Rassismus“ sprechen oder ist das auch wieder nur ein Zeichen unserer Zeit, Phänomene sofort mit einer extremen Bezeichnung zu benennen? Andererseits leben wir heute in einer Zeit, in der niemand einer rassistischen Beleidigung ausgesetzt sein sollte. Wie kann man hierbei das richtige Maß finden?  Zensieren sich die Menschen am Ende gar selbst, um nicht offen legen zu müssen, dass auch sie zu bestimmten Sachverhalten eine Meinung haben, die in der Gesellschaft nicht unbedingt erwünscht ist? Betreiben viele eine Art Selbstzensur aus Angst aufgrund einer  ausgedrückten Meinung soziale und gesellschaftliche Ächtung zu erfahren? Andererseits ist es ja auch verantwortungsvoll , wenn man sich vorher über seine Äußerungen Gedanken macht.

Auf der anderen Seite entwickelt sich hieraus der angeblich Mutige. Jemand, der sich traut eine provokante Meinung auszusprechen und dabei leider oft über das Ziel hinausschießt. Die gesagte Meinung wird übertrieben dargestellt, um zu beweisen, dass man sich ja selber niemals der Selbstzensur unterwerfen würde oder aber weil man irgendwann das richtige Maß nicht mehr findet. Dabei stellt man seine Meinung oft viel provokanter dar, als es der tatsächlichen Meinung entsprechen würde. Wenn es möglich wäre, eine sinnvolle Debattenkultur wieder herzustellen, dann wäre der Wunsch nach Provokation  vielleicht gar nicht mehr vorhanden. Aufgrund einer rassistischen oder extremen Äußerung sollte niemand gleich als Rassist oder Extremer eingestuft werden. Gilt es, diese Person gesellschaftlich zu ächten oder ist gerade jetzt der Punkt gekommen, an dem vernünftig diskutiert werden sollte? Denn erstens wird sonst bei allen die Angst geschürt, etwas Falsches zu sagen und zweitens könnte der Provokateur sich dann tatsächlich extremen Parteien und Organisationen zuwenden und genau das gilt es zu verhindern. Eine Demokratie muss unterschiedliche Meinungen ertragen!

In der heutigen Zeit kann jeder seine Meinung über Twitter und Facebook in die Öffentlichkeit bringen. Es ist das Zeichen einer Demokratie, dass dies möglich ist und wir dürfen uns dieses Privileg nichtnehmen lassen. Aber wir müssen lernen, inmitten dieser Freiheit das richtige Maß zu finden, um vernünftig für unser Recht auf Meinungsfreiheit einzustehen. Zu dieser Freiheit gehört eben auch Verantwortung. Die Verantwortung über die eigene Meinung, aber auch die Verantwortung für andere Menschen, die nicht mit beleidigenden Kommentaren versehen werden sollten. Viele posten öffentlich auf ihrer eigenen Facebook-Seite für die politische Partei, die sie favorisieren. Das Wesen demokratischer Wahlen ist unter anderem, dass sie geheim stattfinden dürfen. Vielleicht ist es manchmal sinnvoller sich im Internet als Menschen zu begegnen und nicht als politische Meinung.




 

Foto: © yoshiffles

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen