Rezension

Die Geheimnisse der Großeltern

01.03.2015 - Dr. Burkhard Luber

“Großvater, hast du auch einen Computer?” “Großmutter, musst du auch mal sterben?” “Großvater, wer ist dein Lieblings-Fußballer?” - Wer Enkel hat, kennt solche Fragen zur Genüge. Aber auch wenn man keine Enkel hat, ist der Blick auf die Generationen, die vor uns gelebt haben, sehr erhellend. Die eigenen Ängste aufzuarbeiten, das lähmende Fragen nach dem “Warum” des Schicksals zu überwinden, sich aber auch an schöne, Mut machende Erlebnisse zu erinnern - eine Beschäftigung mit unserer familiären Vergangenheit ist allemal sinnvoll. Dazu will Wolfgang Krüger mit seinem Buch anregen. Ausführlich und sehr detailliert lädt uns der Autor zu einer Begegnungsreise mit Eltern, Großeltern und überhaupt unseren Vorfahren ein.

Krüger stellt uns ein eindrucksvolles Instrumentarium zur Beschäftigung mit der eigenen Biographie, die ja weit älter ist als unser Geburtsdatum, zur Verfügung. Wer die Fragen und Arbeitsvorschläge des Buches aufmerksam durcharbeitet, wird bei diesem Vorgehen sicher persönlich verwandelt werden, das eigene Leben, aber auch das der Ahnen mit neuer, erhellender Perspektive betrachten. Allerdings muss sie/er viel Zeit, Geduld und Energie aufwenden. Mit ein paar Monaten, so Krüger, ist es nicht getan. Aber wenn am Ende eine Vertiefung nicht nur des kognitiven Mehr-Wissens über die Familiengeschichte steht, sondern auch ein bereichertes Aneignen psychosozialer Brüche und Verwerfungen (Warum war mein Vater so ein Einzelgänger? Warum habe ich mich bei meiner Mutter nie geborgen gefühlt? Warum gibt es unter meinen Vorfahren so viele Selbstmörder?, etc.), dient eine solche Arbeit dem persönlichen Verstehens- und Heilungsprozess.

Kritisch einwenden gegenüber dem Buch kann man, dass es in einer zu idealtypischen Perspektive geschrieben ist. Krügers Bezugsrahmen für seine Autobiografie-Didaktik ist eine, überspitzt formuliert, “heile” Generationenwelt von Großeltern, Eltern, Kindern und Enkel. So als ob man nur genügend Fleiß aufwenden müsste, um den eigenen Lebensskript zu entschlüsseln. Leider werden vermutlich nur wenige Personen überhaupt das empirische Material zu Verfügung haben, mit dem sie laut Krüger arbeiten sollen. Die Möglichkeiten, dass sich Enkel persönlich mit ihren vier (!) Großeltern umfassend unterhalten können und noch dazu auf einem Niveau, das Krüger für notwendig erachtet, dürften statistisch gesehen klein sein. Dagegen sprechen die Tendenzen der modernen (deutschen) Gesellschaft: Die Zahl der Kinder sinkt, die Zahl der Singles, der kinderlosen Partnerschaften und der Ehescheidungen steigt. Das Alter, in dem Eltern Kinder haben, steigt, Vierzigjährige sind keine Seltenheit mehr. Die zunehmend globalisierte Berufswelt lässt Eltern und Großeltern immer öfter in weiter Entfernung voneinander leben, sodass sich die Drei-Generationen-Kontakte auf Geburtstags- und Weihnachtsbesuche beschränken. Auch wer durch das Buch zur autobiographischen Arbeit motiviert ist, wird es also immer schwieriger haben, diese Arbeit überhaupt real durchzuführen, noch dazu, weil die Zielgruppe des Buches sicher nicht über Zeit im Überfluss verfügt. Wenn man nämlich die Generationenabfolge realistisch durchkalkuliert, dürfen Großeltern wohl nicht älter als 85 sein, wenn sie von Enkeln vernünftig befragt werden sollen. Setzt man dazu das Alter von letzteren, die sich an die familiäre Aufarbeitung machen wollen mit 30-40 an (was die Beispiele des Buches suggerieren), kommt man bei der Eltern-Generation auf ein Alter von ca. 60 Jahren, was kaum der Alterspyramiden-Realität entspricht. Anders formuliert: Dass ein voll im Beruf stehender Enkel mit vier lebenden Großeltern aufarbeitende Gespräche intensiv führen und dafür die notwendige Reise- und Gesprächszeit aufwenden kann, ist wohl eher eine Ausnahme.


Außerdem nimmt leider der direkte persönliche (mündliche) Kontakt der Generationen miteinander empirisch eher ab: Statt über face-to-face Kontakte wird zunehmend über Medien kommuniziert. So steigt die Zahl der Stunden ständig, die Kinder bereits im Alter von zwei oder drei Jahren vor dem Fernseher verbringen, genauso wie die Generation Facebook/ WhatsApp immer weiter wächst - jeder Blick in die Busse  oder in die Innenstädte zeigt es deutlich. So werden sicherlich beim Durcharbeiten der in diesem Buch gestellten Erinnerungsfragen nicht selten Leerstellen bleiben, weil empirisch keine Antwort gefunden werden kann.

Es ist auch, trotz der für die deutsche Geschichte zweifellos nach wie vor relevanten schrecklichen Nazi-Periode, didaktisch nicht nachvollziehbar, warum Krüger diesem Thema in seiner mündlichen Biographie-Arbeit so großen Raum einräumt. Denn eine wirklich noch direkte persönliche  Beziehung zum Zeitraum 1933-1945 haben nur noch Geburtsjahrgänge von ca. 1930 oder früher, deren Zahl in Deutschland kontinuierlich abnimmt. Die Biographie der heutigen Großeltern ist in Deutschland in erster Linie von Ost-West-Konflikt, Fernsehen, PC und der Globalisierung geprägt.

Aber das Buch lässt dankenswerterweise einen, den persönlichen Umständen angepassten pragmatischen Umgang mit dem Thema zu: Zum Beispiel kann der am Ende abgedruckte detaillierte Fragebogen, je nach familiären Möglichkeiten, den Großeltern auch in schriftlicher Form vorgelegt und ad hoc mündlich ergänzt werden.

Die einzelnen Abschnitte in Krügers Buch sind didaktisch klar aufgebaut: Ausführlich wird ein bestimmtes Problem der Familientradition dargestellt. Oft folgt danach eine kleine Fallschilderung aus der psychotherapeutischen Praxis des Autors. Den Abschluss bilden “Anregungen”, wo Krüger Vorschläge macht, wie man das Gelesene auf die eigene Biographie anwenden kann.

Typische Probleme in der Familiengeschichte gibt es viele. Krüger behandelt sie ausführlich: die Tabus bei den Eltern, die Familiengeheimnisse, Verdrängungen, Legenden, Traumata. Aber es gibt auch Familienschätze: Vorbilder, Lebensstile, schöne Erinnerungen an den elterlichen Lebensstil, prägende positive Rituale. Letztlich geht es um “Versöhnung” mit der familiären Vergangenheit; um die Einsicht, dass die Vorfahren in der Regel weder Helden noch Schurken waren, sondern schlicht Menschen.

Warum sind es nun die Großeltern und nicht die Eltern, die im Fokus der Aufarbeitung von Familiengeschichten sollen? Da gibt es ganz praktische Gründe: Großeltern haben mehr Zeit für ihre Enkel und sie können sich meist besser an die Vergangenheit der Generationen erinnern. Krüger weist aber auch auf den oft anzutreffenden Generationssprung hin: Zum Beispiel rebellieren Kinder von stark konsumorientierten Eltern gegen dieses Verhalten und kehren dann ihrerseits zum einfachen Lebensstil ihrer Großeltern zurück.

Krügers Buch, gerade auch sein schöner persönlicher Schreibstil, motiviert sehr zum sensiblen Blick auf die eigene Familiengeschichte, ihre Brüche aber auch ihre Kostbarkeiten. Auch wer nur Teile aus der vom Autor vorgeschlagenen Erinnerungsarbeit durchführen will oder (zeitlich) kann, wird danach erhellter und sicher oft bereichert auf sein eigenes persönliches Leben blicken können.

 

 


Wolfgang Krüger: Die Geheimnisse der Großeltern. Unsere Wurzeln kennen, um fliegen zu lernen. Verlag Books on Demand, 169 Seiten, Norderstedt 2015.

Taschenbuch 9.90 Euro

Kindle-Edition 5.49

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