Rezension

Die Gesellschaft der Singularitäten

15.02.2018 - Dr. Burkhard Luber

“Die sozialen Asymmetrien und kulturellen Heterogenitäten, welche dieser Strukturwandel der Moderne potenziert, seine nichtplanbare Dynamik von Valorisierungen und Entwertungen, seine Freisetzung positiver und negativer Affekte lassen Vorstellen einer rationalen Ordnung, einer egalitären Gesellschaft, einer homogenen Kultur und einer balancierten Persönlichkeitsstruktur, wie manche noch hegen mögen, damit als das erscheinen, was sie sind: pure Nostalgie” (Seite 442)

 

Gesellschaftsanalysen, wie die vorliegende von Andreas Reckwitz, Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, sind faszinierend, weil sie uns einen Spiegel der Gegenwart vorhalten. Gleichzeitig sind sie riskant, denn - wie Niklas Luhmann in seiner gleichfalls ambitionierten Publikation “Die Gesellschaft der Gesellschaft” zu recht konstatiert - der enge Zeitabstand zwischen Betrachter und Gegenstand oft Phänomene der Gegenwart intensiver erscheinen lässt als es sich später bei einer Rückblende mit größerem Zeitabstand darstellt.

 

Dankenswerterweise hat Reckwitz dieses Risiko nicht gescheut und legt uns eine faszinierende Bestandsaufnahme der Gegenwarts-Gesellschaft vor, die in ihrer Perspektivenschärfe an Rolf Konersmann "Die Unruhe der Welt" erinnert. Dass das Wagnis seines so umfassenden Blicks gelingt, beruht auf der eindrücklich umfassenden Sichtweise des Autors. Reckwitz bemüht sich, alle wesentlichen Facetten unserer Zeit zu erfassen, wobei schon die Wortwahl “unsere Zeit” durchaus ein Verlegenheitsbegriff ist, denn die Nomenklatur für die Zeit seit der Jahrtausendwende ist schwankend. Ausgehende Moderne? Postmoderne? Spätmoderne? Diesem letzten Begriff gibt Reckwitz den Vorzug in seinem Buch. Seine General-These lautet, dass die gegenwärtige Kultur im Unterschied zu vorherigen Epochen vor allem durch das Besondere gekennzeichnet ist. In den Generationen zuvor war beim Entwerfen von Lebensleitbildern der Blick auf die Mitmenschen gerichtet, die Familie, die peer group, das Gartenambiente am Arbeitsplatz. Sie waren die Orientierungspunkte, wenn es darum ging, berufliche Karriere zu machen, das passende Narrativ der eigenen Biografie zu entwerfen, das Konsum- und Freizeitverhalten passend zu justieren.  “Keeping up with the Joneses” lautet das Sprichwort in den amerikanischen Vorstädten der 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. So zu sein wie die soziale Umgebung (möglichst so auch gesellschaftlich aufzusteigen) war das Ziel.

 

Diese Logik des Allgemeinen wird - so die leitende These von Reckwitz - in der Spätmodernen des 21. Jahrhundert durch die Logik des Besonderen abgelöst. Handlungsleitend ist nun das, was nicht austauschbar und nicht vergleichbar ist. Die Singularität - und deshalb so auch der Titel des Buches - ist das neue Leitmotiv der Gesellschaft. Singularisiert zu sein, zu handeln, zu arbeiten, zu erziehen, Freizeit zu gestalten, ist dabei kein voluntativer Akt, sondern eingebunden in eine aufgefächerte Gesellschaftsstruktur mit der sie umgebenden und sie prägenden Ökonomie und Technologie, wobei die bislang letzte Stufe dieser Entwicklung, die Digitalisierung, dieser Singularisierung einen besonderen Schub verleiht. Während die klassische Moderne durch Standardisierung, Formalisierung und Generalisierung gekennzeichnet ist, ökonomisch in der Wirtschaftsform des Kapitalismus kristallisiert, stellt sich die Spätmoderne als Kultur der Singularität dar. “Als singulär können dabei sämtliche Eigenschaften und Aktivitäten des Subjekts erscheinen: seine Handlungen und kulturellen Produkte, seine Charakterzüge, sein Aussehen und andere körperliche Eigenschaften, auch seine Biografie. Sie müssen jedoch in irgendeiner Weise performt werden, um nicht bloße Idiosynkrasie zu sein, sondern als Einzigartigkeit anerkannt zu werden” (Seite 80). Dieses Primat der Singularitäten fußt auf drei Faktoren: Die sozio-kulturelle Authentizitätsrevolution, die Transformation zu einer postindustriellen Ökonomie der Singularitäten, die nicht nur die Sphäre der Güterproduktion umfasst, sondern auch “events” wie zB globale Sportereignisse, Konzerte, Filmfestivals mit ihrem mondialen Publikum und die technische Revolution der Digitalisierung. Dabei sind Singularitäten keine statischen Faktoren in der Kultur, sie müssen immer wieder aufs neue kreiert werden - durch Beobachten, Bewerten, Hervorbringen und Aneignen. Dadurch lösen sie in ihrer Prominenz die traditionelle Güterproduktion ab: Nicht mehr die Warenwelt ist jetzt begrenzt, sondern die Aufmerksamkeit und Anerkennung des Publikums. Güter - im umfassenden Sinne - sind in der gegenwärtigen Kultur nicht mehr knapp, sondern im Überfluss vorhanden. An ihnen herrscht kein Mangel sondern eher Verschwendung.

 

Aber es tritt ein zweites Merkmal dieser Singularitätskultur hinzu, und auch diese unterscheidet sie qualitativ von dem auf Standardisierung und Berechenbarkeit beruhenden Spätkapitalismus: Die Anerkennung, auf den der Erfolg von Singularitätsgütern beruht, ist nicht berechenbar, sie sind ungewisse Güter und ihre Märkte Nobody-knows-Märkte. Die spätmoderne Ökonomie ist eine Überraschungsökonomie, denn niemand kann vorhersagen, welcher neue Roman zum Bestseller oder welches Computerspiel zum Hit des Weihnachtsgeschäftes wird. Fast ist man an das Bonmot des legendären Bundestrainers Sepp Herberger erinnert: “Die Leute gehen ins Stadion weil (!) sie nicht wissen, wie es ausgeht”. Nicht mehr der Kampf um knappe Güter ist für die Spätmoderne konstitutiv, sondern der Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums und dessen Mobilisierung. Aufmerksamkeit muss gelenkt, intensiviert und gefiltert werden, ein höchst dynamischer Prozeß. In diesem Sinne ist die Singularitätskultur im Unterschied zum auf Standardisierung und Marktförmigkeit ausgerichteten Spätkapitalismus eine höchst riskante Kultur.

 

In diesem theoretischen Rahmen behandelt Reckwitz anschließend die verschiedenen Teilbereiche der Spätmodernen, speziell die Arbeits- und Lebenswelt, unter dem Aspekt des Übergangs zu einer Kultur der Singularitäten. Arbeit wird in der Gegenwart nicht mehr unter dem Aspekt sachlicher Korrektheit bewertet, sondern nach dem Gelingen ihrer performance und damit der Valorisierung durch das Publikum. Indiz dafür sind z.B. die neuen Instanzen des Casting und des Assessment, die klassische Prüfungen nach formellen Korrektheits-Indizes abgelöst haben. Der Erfolg ist das letztlich entscheidende Kriterium sowohl in der Arbeits- als auch in der Produktionswelt, aber da er unberechenbar, unvorhersehbar, unprognostizierbar ist, ist Arbeit und Produktion um ein vielfaches risikobehafteter als in der traditionellen Industriewelt. Und zwar handelt es sich um ein unvermeidbares Risiko: Anders als im fordistischen Kapitalismus verlangt die neue junge Klasse des arrivierten Mittelstandes in ihrer Berufswelt mehr als das bloße routinemäßige Anfertigen und Abliefern von standardisierten Produkten. Andererseits unterliegt die Herstellung von Gütern, die publikumswirksam sein wollen und damit in der Aufmerksamkeit mit vielen anderen Singularitäts-Gütern konkurrieren, einem hohen Risiko.

 

Singularität ist aber nicht nur die dominante Dimension in der Arbeitswelt ,sondern beherrscht auch andere wichtige Lebensbereiche: “Die geschmackliche Dichte des Essens, die Vielseitigkeit eines Reiseziels, die Besonderheit des Kindes mit all seinen Begabungen, die ästhetische Gestaltung der eigenen Wohnung - überall geht es um Originalität und Interessantheit, Vielseitigkeit und Andersheit” (Seite 293). Solche Originalität stellt sich allerdings nicht von selbst ein, sie muß - mit der Kategorie von Reckwitz formuliert - “kuratiert” werden, ob es nun um Essen, Reisen, die Wohnung oder auch die Partnerschaft geht. Wo früher die Querschnittspraxis der Konsum war, ist heute die Querschnittspraxis das Kuratieren. Früher befand sich der Konsument in der Rolle des Wählenden, heute findet die Wahl nicht mehr nach zweckrationalen sondern nach kulturellen Kriterien statt. Die Optionen sind nicht mehr vorgegeben oder normativ zwingend sondern konkurrieren als Möglichkeiten zueinander.

 

Reckwitz ist in der Perspektive seines Buches keineswegs blind für die Schattenseite der Singularitätskultur. In einem speziellen Kapitel behandelt er die Lebensprobleme der “Kulturalisierungsverlierer”, deren Lebensstil defizitär ist, ohne Perspektive auf Lebensqualität und Anerkennung. Sie leben ein Leben mit zerstückelten kurzen Einzel-Zeithorizonten, bei dem es nur darum geht, Störfälle zu vermeiden bzw. zu überwinden. Die Ausbreitung der Singularitätskultur macht auch nicht vor der Politik halt, allerdings weniger auf dem Markt konkurrierender Parteienangebote sondern z.B. in Spannungsfeld zwischen Metropolen und Provinz, auf dem Gebiet neuer gesellschaftlicher Phänomene wie religiösen Fundamentalismus, im Rechtspopulismus und in der Gewalt-Fokussierung mittels gezielter Terrorakte.

 

In seinem abschließenden Resümee kontrastiert Reckwitz das normative Ideal eines gesellschaftlichen Fortschritts, dass die klassische Moderne bis in die 70er Jahre geprägt hat, mit der neuen Gesellschaft der Singularitäten. Prägend ist nun nicht mehr die “große Erzählung’” der alten (kapitalistischen) Fortschrittsgesellschaft, sondern die “kleinen Erzählungen” des privaten Erfolges und des privaten guten Lebens. Maßgeblich ist nicht mehr die immer auf Zukunft rekurrierende Zeitperspektive der alten Fortschrittsgesellschaft, sondern in der Spätmoderne herrscht ein radikales Regime des Neuen, das momentanistisch ist, also nicht an langfristigen Innovationen, gar Revolutionen orientiert sondern an der Affektivität des Hier und Jetzt. Was in der Spätmodernen “Fortschritt” ist, lässt sich weitaus weniger einfach beantworten als in früheren Zeiten: Fortschritt und Regression, Aufwertung und Entwertung verteilen sich ungleich zwischen konträren gesellschaftlichen Gruppen: zB zwischen Kreativen und Arbeitern, Einheimischen und Emigranten, Kosmopoliten und Sesshaften. Für Reckwitz ist es in der Kultur der Singularitäten auch zu einer Krise des Politischen gekommen: es hat seine Steuerungsmächtigkeit verloren und an seine Stelle ist die Eigendynamik der Ökonomie, der Medientechnologie und die Kultur der Lebensstile getreten. “Angepasst an die Konsumbedürfnisse der Bürger, versteht sich der spätmoderne Staat als Einrichtung der Ermöglichung privaten Konsums und weniger der Verfolgung gesamtgesellschaftlicher Ziele. (S. 435).

 

Reckwitz hat eine großartige Gesellschaftsanalyse der Gegenwart verfasst, in der Systematik und Gründlichkeit mit Niklas Luhmanns “Die Gesellschaft der Gesellschaft” vergleichbar, aber im Darstellungsstil leichter lesbar, obwohl auch er dem Leser höchste Konzentration abverlangt. Die Analyse des Autors ist bestechend präzise, sein Darstellungsstil höchst systematisch, der Aufbau des Buches überaus stringent. Reckwitz bringt das, was uns selber vielleicht hin und wieder punktuell auffällt in eine konzise Darstellung und überzeugende Interpretation. Mehr kann man gerechterweise nicht von einer guten Theorie verlangen. Wer immer verstehen will, wie die Gegenwart “tickt” kommt an diesem Buch nicht vorbei. 


 

Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. 485 Seiten, 28 Euro. 2017. Suhrkamp Verlag


 

 

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