Rezension

Die Gesellschaft des Zorns

15.08.2019 - Dr. Burkhard Luber

"Eine wirkliche Demokratie ist Deutschland heute für mich nicht mehr. Deutschland ist für mich heute eine Maulkorbdemokratie, die leider auf dem besten Weg ist, eine Wohlfühldiktatur zu werden." (Bernd Höcke auf dem sog. “Kyffhäuser-Treffen” am 18. Juli 2019)

Dieses fundierte Buch von Cornelia Koppetsch hätte kaum punktgenauer erscheinen können. Gesichter des Populismus finden sich in der Gegenwart überall: Trump, Salvini, Farage, Orban, vielleicht kann man auch Boris Johnson dazu zählen. Ebenso schillernd die dazu gehörige Parteienlandschaft: AfD, Cinque Stelle, Fidesz und andere.

 

Mit großem Fleiß sortiert Koppetsch dieses politische und gesellschaftliche Phänomen, das mittlerweile schon nicht mehr “neu” genannt werden kann, denn dazu sind seine politischen Agenturen und ihre Vertreter schon zu lange auf der politischen Bühne. Das Buch zeichnet sich im Gegensatz zu den schon nicht mehr überschaubaren schnellen Tageskommentaren durch Gründlichkeit im Vorgehen und in der analytischen Schärfe mit der Koppetsch schreibt, aus. Besonders hilfreich sind ihre Ausführungen speziell immer dann, wo sie mit analytischen “Schnellschüssen” aufräumt und Pauschalurteile hinterfragt. Zum Beispiel solche, die den Aufstieg des Rechtspopulismus nur der Flüchtlingspolitik der deutschen Bundeskanzlerin anlasten. Oder andere, die vorgebliche Persönlichkeitsdefizite (wie Benachteiligung oder Irrationalität) in der rechtspopulistischen Wählerschaft zur Erklärung heranziehen. Diese differenzierte Vorgehensweise macht das Buch zu einem wertvollen Beitrag in der gegenwärtigen Rechtspopulismus-Debatte, bei der Koppetsch immer wieder über die politische Betrachtungsweise im engeren Sinne hinausgeht, um diese durch eine kulturelle Perspektive zu erweitern. Im Vordergrund von Koppetschs Erklärungsmuster steht deshalb der Neoliberalismus (von Koppetsch nicht aufs wirtschaftliche verengt sondern mit erheblicher kultureller Konnotation verwendet), durch den die jahrhundertelange Epoche der Nationalstaaten und deren entsprechende nationale Ausprägungen und Orientierungen in Gesellschaft und Wirtschaft durch eine neoliberale “globale Moderne” (C.K.) abgelöst wird. In dieser Epoche der Globalisierung fällt der weltweite Aufstieg der Städte als der Wohnraum von immer mehr Menschen, das Entstehen einer weltweiten Globalisierungs-Elite, das sich immer weiter ausbreitende Diktat der elektronischen Informations- und Kommunikations-Technologie, und - nach Koppetsch - sogar generell eine globale Herrschaft des Quantifizierens aller Lebensbereiche. Überaus wohltuend, dass Koppetsch in diesem Zusammenhang auch konstatiert, dass in dieser Entwicklung die Partei der Grünen längst Teil des politischen Establishments geworden ist, also ein Teil der von Koppetsch dargestellten Globalisierungs-Entwicklung. Grüne Wähler sind keine Systemoppositionelle mehr, sondern finden sich vornehmlich in der arrivierten Mitte der Gebildeteren und besser Verdienenden. Ehemals grüne Themen wie Multikulturalismus, Europa, Ökologie oder die Ehe für alle finden sich inzwischen längst auf der Agenda von SPD und CDU.

 

Besonders lesenswert ist das Buch, weil es mehr ist als eine politische Analyse im engeren Sinne. Koppetsch zieht bei ihrem Erklärungs-Narrativ genauso intensiv kulturelle, ja sogar sozial- und individualpsychologische Faktoren heran, so zum Beispiel eine Angst-Disposition, die Schutz in neuen Defensiv-Gemeinschaften sucht. Und sie räumt dankenswerterweise prägnant mit Irrtümern bei der Erklärung und dem Umgang mit Rechtspopulisten auf. So z.B. der Irrtum des sich in der Globalisierung gut eingerichteten Bürgertum-Milieus, dass demokratische Errungenschaften wie Meinungsfreiheit oder Rechtsstaatlichkeit eine unhinterfragte Ewigkeitsgarantie hätten (in Polen, der Türkei, Ungarn und den USA ist zur Zeit gerade das Gegenteil zu betrachten). Ein anderes Problem, diesmal von links orientierten Personen, liegt darin, dass sie nicht begreifen und damit umgehen können, dass Deklassierte und Unterschichten nicht - wie es nach linkem Denken eigentlich sein müsste - links sondern rechts wählen. Schließlich irren Kommentator*innen und Interpretator*innen, wenn sie annehmen, dass Menschen alleine nach ökonomischen Interessen handeln und wählen. Gerade beim Rechtspopulismus läuft diese Annahme in die Irre. Der Rechtspopulismus kämpft weniger ums Materielle, sondern kulturkonfliktiv um Anerkennung, Würde und Einfluss. 

 

Koppetsch hat ein imposantes Buch geschrieben, das in einer bisher noch nicht erfolgten Gründlichkeit das Phänomen des Rechtspopulismus untersucht. Es hebt sich wohltuend von allen kurzsichtigen Kommentaren zu dem Thema ab, weil es weit über die politische Dimension hinausgeht und ganz andere, wirkungsmächtige Faktoren für den Rechtspopulismus herausfiltert. Zusammen mit dem eindrucksvollen Aufräumen gängiger Irrtümer und Vorurteile beim Verständnis des Rechtspopulismus ist der Autorin mit dieser trans-politischen Perspektive ein eindrucksvolles, sehr lesenswertes Buch gelungen.

 

(Der Rezension lag die pdf-Version des Buches zugrunde.)

 

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Cornelia Koppetsch: Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter. transcript Verlag Mai 2019. 288 Seiten. 19.99 Euro

 

 

 

 

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