#MeTwo

Die Gesellschaft oder eine Whatsapp-Gruppe

01.08.2018 - Dr. M. Sarfraz Baloch

#MeTwo und Mesut Özil haben so einige Emotionen hochkochen lassen. Die Debatte um Rassismus und nationale Identität erinnert mich an eine Whatsapp-Gruppe „RealTalk“, in der auch ich als ehrenamtliches Mitglied dabei bin. Die überwiegende Mehrheit der Gruppenmitglieder schweigt und liest mit, bildet sich selbst eine Meinung oder hält die Diskutierenden für dumm genug, ihre Zeit mit lächerlichen Alltagsthemen zu vergeuden. Zwei Randgruppen sehen die Dinge Schwarz-Weiß. Eine kleine Minderheit vertritt eine differenzierte Meinung. Der Rest schweigt und genießt.

Wer neu in die Gruppe eintritt, erlebt diese Diskussionen als extrem. Dieser Eindruck ist aber dahingehend falsch, weil 80% der Mitglieder ihren Beitrag allein durch Schweigen leisten und in jeder Richtung als Dunkelziffer gelten können. Deutschland könnte aktuell nicht besser repräsentiert werden als es diese Gruppe tut.

Eine Randgruppe in dieser Gesellschaft ist rassistisch. Die andere Randgruppe identifiziert sich eindeutig nicht mit dieser Gesellschaft. Beide Randgruppen teilen die Werte dieser Gesellschaft nicht. Von der überwiegenden Mehrheit erhebt eine Minderheit ihre Stimme gegen die eine oder die andere Randgruppe und der Rest schweigt.

Auf die aktuelle Diskussion übertragen sieht es in etwa so aus: Mesut Özil erklärt seinen Rücktritt aus der Mannschaft und erhebt zum ersten Mal in seiner Karriere den Vorwurf Rassismus. Es geht eine Debatte los über Mesut Özil und sein Verhalten, etwas später endlich auch über Rassismus durch #MeTwo. Die Frage ist, warum hat Mesut Özil vielen Menschen mit Migrationshintergrund aus der Seele gesprochen? Warum gab es von der Mannschaft bisher nur ein verhaltenes Schweigen? Warum gibt es in Deutschland den Alltagsrassismus in dieser Form?

Die eigentliche Diskussion, die über Rassismus und dessen Bekämpfung gehen sollte, kam erstmal gar nicht auf. Es ging um das Fehlverhalten von Özil und des DFB, um Erdogan und die Nationalhymne. Der Rassismus blieb auf der Strecke. Man versuchte, das Thema zu ersticken. Majestätisch wurden Diskussionen über die beteiligten Personen geführt, mal meldete der eine aus dem Schlaf Aufgewachte, mal der andere aus der Kneipe. Das Hauptthema Rassismus nahm einige Zeit später an Bedeutung zu, u.a. durch #MeTwo. Auch dort sollten wir die Hasskommentare mal durchlesen. Es ist eine einmalige Ansammlung von menschenverachtendem Irrsinn. Die Rassisten versuchen, diese einzelnen Schicksale ins Lächerliche zu ziehen. Wird es nun dem normalen Deutschen nicht klar, dass es sowas auch im Alltag dieser Menschen gibt?

Der Alltagsrassismus ist nicht nur gegenwärtig, er bleibt auch noch ohne Konsequenzen. Der rassistisch agierende Vermieter erkennt nicht mal seinen Rassismus und wird auch keine Konsequenzen befürchten. Er wird weiterhin seine Wohnung verweigern. Der rassistische Arbeitgeber wird weiterhin mit seinen Vorurteilen leben und wird dafür nicht belangt werden. Wird es so akzeptiert werden? Dienen die ganzen Studien, die einen Rassismus in Deutschland belegen, nur zum Spaß einer emotionalen Debatte? Wird Ali im Vergleich zu Stefan weiterhin nur Glück haben müssen, um weiterzukommen? *

Die schweigende Mehrheit darf von mir aus weiter schweigen. Sie darf nur nicht hilflos nichts tun. Sie muss ihre Zivilcourage zeigen. Sie muss stillschweigend eine gesellschaftliche Umwandlung zum freundlichen und friedlichen Miteinander einleiten. Sie darf sich der Propaganda der populistischen Parteien nicht hingeben und ihre Rhetorik annehmen, die den Rassismus nicht nur salonfähig macht, sondern eine gewisse gesellschaftliche Toleranz dafür herbeiruft.

Es wird allmählich ein allgemeiner Eindruck erweckt, als sei die deutsche Gesellschaft gar nicht mehr so tolerant wie sie sein sollte. Die Debattierenden vertreten die Extremmeinungen und bekommen Plattformen auf der Medienbühne. Die Hasskommentare auf liberale Stimmen nehmen ein besorgniserregendes Ausmaß an. Sogar die Staatssekretären Fr. Chebli fragt sich am 22. Juli „Werden wir jemals dazugehören?“ An dem Tag war sie sicherlich nicht die einzige. Ein Neurochirurg hat sich das auch einige Male gefragt (Siehe vorherige Beiträge). Ein Orthopäde ist der Meinung, er wird nie dazugehören. Ein Unternehmer will schon auswandern. Ein Grafiker verarbeitet seine Depression über dieses Thema mit neuen Grafikideen usw..

Was soll nun aber die Diskussion um #MeTwo bringen? Werden wir neue Gesetze bekommen? Werden wir härter gegen die Rassisten vorgehen? Werden den Rassisten Ketten angelegt? Oder wird ihnen die Meinung untersagt? Nein. Wenn das geschieht, dann hat vielleicht nur die Elite des Staates ein Problem erkannt. Die Mitte der Gesellschaft wird es weiter nicht erkennen. Es reicht doch nur ein kleines bisschen an Empathie, um den Rassismus konsequenter zu bekämpfen. Wir müssen uns nur in die Lage dieser Menschen versetzen, die den Rassismus fast täglich ertragen müssen. Von mir aus darf die Mehrheit schweigen bei Debatten. Sie darf aber nicht schweigen, wenn im Bus eine Kopftuchträgerin beleidigt wird, oder wenn in einem Unternehmen keine „Ausländer“ aufsteigen dürfen, oder wenn das Telefonat bei der Wohnungssuche immer negativ endet. Dass die Rassisten Feiglinge sind, zeigen ihre kriminellen Taten. In Social Media sind sie auch aus diesem Grund hinter den Pseudonymen versteckt. Die Mitte der Gesellschaft darf im zivilen Leben diese Feigheit nicht zeigen. Sie muss diejenigen beschützen, die rassistisch angegriffen und benachteiligt werden. Sie muss es tun, sonst könnten wir auch die Gesellschaft in eine Whatsapp-Gruppe umbenennen und unseren kurzweiligen Spaß haben.

*(Ich möchte hier allen meinen Freunden seit der Kindheit danken, die so liebevoll und offenherzig mit mir und meiner Familie umgingen und umgehen. Ich erlebte sowas „krasses“ nicht in dieser Form wie andere Menschen in #MeTwo, aber nachvollziehen kann ich das sehr gut. Bis auf einige Hirnschwache war ich umgeben von herzreinen Menschen, meinen Deutschen. Die #ausgehetzt-Demo in Bayern ist eben solch ein großartiger Schritt gewesen, mein ganzer Stolz.)

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