Rezension

Die großen Crashs 1929 und 2008 - Warum sich die Geschichte wiederholt

15.11.2015 - Martin Renghart

Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Barry Eichengreen hat sich in seinem mit vielen Vorschusslorbeeren überhäuften Buch „Die großen Crashs“ der ebenso naheliegenden wie ambitionierten Aufgabe gewidmet, einen Vergleich zwischen den weltwirtschaftlichen Krisen von 1929 und 2008 zu ziehen. Die zentralen Akteure der Krisen sind für ihn die Notenbanken, deren Handeln er aus den historischen Erfahrungen der jeweiligen Entscheidungsträger herzuleiten versucht.

Für Eichengreen hat eine Notenbank die Aufgabe „die Zinsen auf einem Niveau zu halten, das den Bedürfnissen der Wirtschaft angemessen“ ist (S. 79). Sie soll die Geldwertentwicklung auf dem schmalen Pfad zwischen der Skylla der Inflation und der Charybdis der Deflation steuern. Die größte Gefahr sieht Eichengreen in der Deflation, während er die Gefahr der Inflation als „Schreckgespenst“ relativiert (S. 333). Eichengreen bemerkt, dass gerade die Deutschen bis heute eine übertriebene Inflationsangst hätten. Er führt diese Angst auf die Erfahrungen der Hyperinflation von 1923 zurück (S. 17, 49, 53, 419), übersieht dabei aber die große Bedeutung der Deutschen Mark. Auch wenn die Meinung des ehemaligen französischen Präsidenten François Mitterand, die DM sei die „deutsche Atombombe“ gewesen, sicherlich überzogen ist, lässt sich nicht leugnen, dass die stabile Nachkriegswährung für viele deutsche Sparer über Jahrzehnte hinweg die Gewähr für die Sicherheit ihrer Guthaben war. Das scheinbar so selbstverständliche, aber tatsächlich bereits durch die Einführung des Euro geschwächte finanzpolitische Grundvertrauen der Deutschen geriet in der Krise von 2008 gefährlich ins Wanken. Erst vor diesem Hintergrund ist die von Eichengreen vehement abgelehnte Linie der deutschen Notenbanker zu verstehen.

Die derzeitige Niedrigzinspolitik sowie der massenhafte Aufkauf von Staatsanleihen durch die EZB unter Mario Draghi, die Eichengreen befürwortet (S. 457f.), sind in Deutschland keineswegs unumstritten. Sie unterminieren die traditionelle Sparkultur und gefährden damit eine sinnvolle Sparquote, ohne das von Draghi anvisierte Ziel einer höheren Inflation zu erreichen. Verantwortlich dafür sind neben moderaten Lohnabschlüssen in der Eurozone vor allem die derzeit konstant niedrigen Rohstoffpreise. Damit zeigen sich die Notenbanken als weniger einflussreich als von Eichengreen gedacht. In Analogie dazu darf man wohl daran zweifeln, dass die New Yorker Notenbank FED in der Weltwirtschaftskrise von 1929 durch eine weitergehende Reduzierung der Zinsen die „große Depression“ hätte vermeiden können (S. 147). Vieler der Möglichkeiten, die die heutigen Notenbanken haben, standen ihr damals ohnehin nicht zur Verfügung.

Eichengreen gelingt es in seinem Buch immer wieder eindrucksvolle Parallelen zwischen den  beiden Krisen nachzuweisen. So waren auch für den Zusammenbruch deutscher Banken im Jahr 1931 zum Teil Fehlspekulationen verantwortlich (S. 177), während die Reaktion des damaligen Reichsbankpräsidenten Hans Luther deutliche Ähnlichkeiten mit der des amerikanischen Finanzministers Henry Paulson bei der Lehman-Pleite von 2008 aufweist (S. 181). Von der kriminellen Energie, mit der US-Banken wie Goldman Sachs vor 2008 zu Werke gingen (S. 210, 218f.), war man in den 20er Jahren allerdings noch weit entfernt. Auch die zahlreichen in die Krise involvierten Hedgefonds, die staatliche Rettungsaktionen weiter erschwerten, waren damals noch unbekannt.

Die Unterschiede der weltwirtschaftlichen Systeme von 1929 und 2008 sind bei genauer Betrachtung sehr groß. 1929 war die Weltwirtschaft schwer angeschlagen und hätte selbst durch ein konzertiertes Vorgehen der wichtigsten Notenbanken nur langsam gesunden können. Zwei ihrer größten Schwächen waren ein kompliziertes Reparationssystem und eine weltweite Überproduktion – beides waren Folgen des Ersten Weltkriegs, die sich nicht leicht überwinden ließen. 2008 hingegen ging es der Weltwirtschaft gut, was nicht zuletzt der Innovationskraft amerikanischer IT-Unternehmen wie Microsoft, Google und Apple zu verdanken war, die den weltweiten Markt mit ihren Produkten überschwemmten.

Eichengreen kann überzeugend zeigen, dass die USA vor 1929 als Hauptgläubiger für die europäische Wirtschaft eine ähnliche Rolle spielten wie heute China für die USA (S. 111f.). Auf die Bedeutung des mittlerweile zur wirtschaftlichen Weltmacht aufgestiegenen Chinas in der Krise von 2008 geht der Wirtschaftsexperte aber bedauerlicherweise nur am Rand ein. Ohne das konziliante Verhalten der Chinesen wäre die Erholung der Weltkonjunktur seinerzeit wohl um Einiges langsamer verlaufen.

Eichengreens Vergleiche sind erkennbar politisch motiviert Sie dienen ihm nicht primär dazu, historische Parallelen aufzuzeigen, sondern seine heutigen wirtschaftspolitischen Ansichten zu untermauern. Eichengreen konzentriert sich dabei sehr stark auf das Krisenmanagement der Zentralbanken, während er die Vorgeschichte und Begleitfaktoren der Krisen recht kurz abhandelt. Hätte die amerikanische Notenbank in den Jahren vor 2008 statt Alan Greenspans von Deflationssorgen diktierten Niedrigzinsen (S. 105-109) eine andere Finanzpolitik betrieben, wäre die Immobilienblase, die die Krise von 2008 auslöste, vermutlich nicht entstanden. Aber es gelingt Eichengreen, die Entscheidungen der Banker vor ihrem eigenen Erfahrungshorizont sehr plausibel darzustellen. Auch geht er nicht so weit, die Verschärfung der Wirtschaftskrise von 1929 allein auf die Politik der Notenbanken zurückzuführen (S. 147). Respekt verdient auch sein Eingeständnis, die meisten Ökonomen hätten den Crash von 2008 nicht vorhergesehen.

Eine der zentralen Thesen von Eichengreen ist, dass es 2008 möglich und sinnvoll gewesen wäre die zahlungsunfähige Investmentbank Lehman Brothers mit staatlichen Mitteln zu retten. Wie er selbst einräumt, war eine solche Rettung aus verschiedenen Gründen schwierig (S. 246, 251). Das einseitige Engagement des Staates zugunsten von Großbanken erschien Experte und Parlamentariern problematisch, da sich der Staat mit einem solchen Verhalten gegenüber dem Management von Banken erpressbar gemacht hätte. Dem amerikanischen Finanzminister Henry Paulson wurde in der Krise von 2008 mehrfach überzogener Staatsinterventionismus vorgeworfen. Eine Rettung von Lehmann hätte diesen Vorwurf verschärfen und zu einer politischen Destabilisierung führen können. Man denke an die FDP in Deutschland, die aufgrund einer ähnlichen Ausgangslage bei den Wahlen von 2009 heute unvorstellbare 14,6% der Wählerstimmen erzielte.

Die Rettung von Banken wie der IKB oder der Hypo Real Estate waren nicht alternativlos, denn es hätte durchaus die Möglichkeit einer „geordneten Insolvenz“ (S.12f, 250) solcher Institute gegeben. Eichengreen taxiert den finanziellen Schaden, der der Weltwirtschaft durch die Lehman-Pleite zugefügt wurde, ohne moralische oder politische Argumente gelten zu lassen. Er kritisiert, die politische Reaktion sei „stärker von politischer Leidenschaft als von kühler ökonomischer und historischer Logik geprägt“ (S.250) gewesen. Dabei nimmt er in Kauf, dass in Situationen, in denen sehr kurzfristig gehandelt werden muss, die demokratisch legitimierten Volksvertretungen außen vor gelassen werden.

Letztlich spricht aus Eichengreens Werk eine ökonomische Vernunft amerikanischer Prägung, die der Politik der Zentralbanken eine dominierende Rolle im Wirtschaftsgeschehen zubilligt. Zwar kann man Eichengreens Argumenten nicht den Respekt versagen,  als deutscher Bürger, Steuerzahler und Sparer wird man seiner globalen Perspektive aber nicht ganz kritiklos begegnen können.

Es bleibt zu hoffen, dass einer der von Eichengreen heftig angegriffenen deutschen Notenbanker den Fehdehandschuh aufgreifen und eine ebenso gut verständliche und interessant geschriebene Verteidigung der traditionellen deutschen Geldpolitik vortragen wird. Eichengreens Buch ist flott geschrieben und trotz einiger vermeidbarer Anglizismen adäquat übersetzt. Wünschenswert wäre eine Ergänzung des Glossars um ökonomische Fachbegriffe wie den „Goldstandard“ gewesen, die zum Verständnis der geschilderten Prozesse nicht weniger wichtig sind als die handelnden Personen. Für all jenen, die bereits Kenntnisse zur Geschichte und Funktionsweise der Finanzmärkte haben, ist Eichengreens Buch ein lohnender Kauf. Als Einstieg in die Thematik oder als leichte Lektüre für zwischendurch ist es hingegen ungeeignet.

 


Barry Eichengreen: Die großen Crashs 1929 und 2008. Warum sich Geschichte wiederholt. München FinanzBuch Verlag 2015. 24,99 Euro.


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