Rezension

Die Krebsindustrie - Wie eine Krankheit Deutschland erobert

01.12.2015 - Dr. Burkhard Luber

Jeder zweite Mensch der Geburtsjahrgänge 1950 - 1970, das sind rund 25 Millionen Personen, wird an Krebs erkranken. Die Krankheitsdauer beträgt bei Krebspatienten häufig viele Jahre. So rollt eine Kostenlawine auf uns zu, die durch die Krebsindustrie massiv verstärkt wird.

Das ist der Ausgangspunkt des neuen Buches von Karl Lauterbach, einer der engagiertesten Gesundheitspolitiker in Deutschland. Es ist allerdings nicht auf die wirtschaftlichen Aspekte der Krebs-Krankheit beschränkt, sondern behandelt auch die Themen, wie Krebs entsteht, welche verschiedenen Therapien es gibt und wie man vorbeugen kann.

Krebs ist eine genetische Erkrankung, ihre wichtigsten Merkmale sind:

  • das ungezügelte Zellenwachstums
  • die sehr viel schnellere Teilung der Krebszellen im Unterschied zu gesunden Zellen (ein Prozess, der im Alter zunimmt)
  • Ausfall der Funktionen von Schutzzellen, die ein schädliches Wachstum verhindern
  • “Unsterblichkeit” der Krebszellen
  • die Fähigkeit der Krebszellen, sich eigene Blutgefässe aufzubauen
  • die Fähigkeit von Krebstumoren, Metastasen zu erzeugen
  • die Fähigkeit der Krebszellen, sich durch Tarnung der Zerstörung durch gesunde Zellen zu entziehen


Bis in die 80er Jahre überwogen in der Krebstherapie die “traditionellen” Methoden: Operation, Bestrahlung und Chemotherapie - alles nur mit geringem Heilungserfolg. Die gilt insbesondere für die Chemotherapie, da bei ihrem Einsatz unterschiedslos gesunde und kranke Zellen zugleich zerstört werden. Erst im zurückliegenden Jahrzehnt wurden mit der sogenannten “gezielten Behandlung” bedeutende Fortschritte in der Krebsbehandlung erzielt. Bei ihr wird mit Molekülen auf das Wachstum der Krebszellen eingewirkt. Das Auffinden solcher Moleküle und ihr Einsatz gegen die Krebszellen war ein Meilenstein in der Krebstherapie. Obwohl der Forschungsaufwand für das Ermitteln dieser Moleküle nicht überdurchschnittlich hoch war, setzte Novartis/Roche als die Hersteller des entsprechenden Medikamentes den Preis auf eine enorme Höhe. Somit betragen die Therapiekosten bei diesem gezielten Krebstherapie-Ansatz rund 50.000 Euro pro Jahr. Da der Patient das entsprechende Medikament lebenslang einnehmen muss, können die Therapiekosten also durchaus im Millionenbereich liegen. Solche Preise machen dieses Medikament in Entwicklungsländern unerschwinglich und in Ländern, in denen die Krankenkassen hohe Zuzahlung der Patienten verlangen, müssen sich Krebskranke oft zwischen eigenem Überleben oder dem wirtschaftlichen Ruin ihrer Familien entscheiden. Eine Alternative zu Molekülen, die den Krebszellen entgegenwirken sind Antikörper, die an den Krebszellen dort andocken, wo sie auf die Gene der Krebszelle einwirken können. Sie wirken wie eine Krebszellen-Wachstumsbremse.

Beide gezielte Krebstherapie-Formen werden immer häufiger eingesetzt. Immer mehr entsprechende Medikamente kommen auf den Markt. Das ist marktwirtschaftlich nicht verwunderlich, denn die Umsatzmöglichkeiten (bis zu 100.000 Euro) und Gewinnmargen von bis zu 50 Prozent sind für die Pharmaindustrie äußerst lukrativ. Die Wirksamkeitsstufe für solche Medikamente wird in den Studien vor der Zulassung meist absichtlich niedrig gesetzt, um schnell zur Zulassung und dann zum Umsatz zu kommen. Ausserdem sind die Krebspatienten in ihrer Verzweiflung besonders für die Versprechen der Krebsindustrie-Marketingexperten empfänglich. Sie klammern sich an alles, was nur irgendwie Erfolg verspricht, ohne sich im Detail um Wirksamkeit und die vorherigen Testverfahren zu kümmern. All das treibt die Kosten für Krebsmedikamente in gigantische Höhen. Zwischen 2005 und 2013 sind sie um das 35-fache gestiegen, wobei Deutschland in Europa leider die Spitzenstellung einnimmt. Lauterbach macht in diesem Zusammenhang der Pharma-Industrie folgende Vorwürfe:

  • Die hohen Krebsmedikamenten-Preise haben nichts mit dem tatsächlichen Nutzen der Medikamente zu tun.
  • Die Preise resultieren nicht aus Forschungskosten, sondern dienen allein den Profitinteressen der Pharma-Unternehmen
  • Die Pharma-Konzerne missbrauchen ihre oligopole Marktmacht. Sie errichten gezielt Partnerschaften mit Spitzenuniversitäten, um die neuesten Forschungsergebnisse möglichst schnell vermarkten zu können. Ausserdem gibt es wegen der oligopolen Marktstruktur keine echte Preiskonkurrenz.


Wenn sich diese Kostenexplosion bei den Krebsmedikamenten fortsetzt befürchtet Lauterbach, dass sie für das Gesundheits-Solidarsytem unbezahlbar wird.

Denn auch für das Krankenhaussystem sind Krebspatienten am lukrativsten und für viele Kliniken oft die grösste Gruppe der gewinnbringenden Patienten. Das liegt daran, dass aufgrund der Schwere der Erkrankung die Fallpauschalen besonders hoch angesetzt sind. Oft übersteigen sogar die Deckungsbeiträge der Fallpauschalen die tatsächlichen Kosten, so dass intern schon von den Krebspatienten als “cashcows” gesprochen wird. Umgekehrt gilt leider, dass KIiniken mit intensivem Einsatz für die Patienten (genügend Pflegepersonal, gründliche Untersuchungen, umfassende Aufklärung der Patienten) meist gar keinen Überschuss erwirtschaften.

Leider ist der Verbraucherschutz für Krebspatienten gerade in Deutschland völlig unzureichend. Selbst gute Bücher über die Therapie-Grundlagen und wichtige Behandlungszentren fehlen weitgehend, so dass als einzig solide Informationsgrundlage nach Lauterbach nur die gut gemachte Serie im Magazin Focus und das “Handbuch gegen Krebs” von Sarah Majorczyk u.a. zur Verfügung steht. Dieses mangelnde Wissen ist besonders für Krebs-Patienten gefährlich, da jede falsche Anti-Krebsstrategie das Weiterwachsen von Krebs fördert. “Der Krebs kommt aus jeder Schlacht, die er nicht endgültig verloren hat, gestärkt zurück. Daher sind Behandlungsfehler unverzeilich und oft tödlich.”

Karl Lauterbach wäre nicht der engagierte Gesundheitspolitiker, als der er von vielen geschätzt wird (von der Pharma-Industrie und zum Teil auch in der Ärzteschaft gefürchtet), wenn er nur bei der Problem-Analyse der Krebsindustrie stehen bleiben würde. Deshalb lautet auch ein Kapitel seines aufrüttelnden Buches “Gegen den Würgegriff der Industrie”. Was nach Lauterbach zu tun ist:

  • Preiskontrolle für die Krebs-Medikamente
  • Aufbau und Pflege eines flächendeckenden Krebsregisters
  • Öffentliche Förderung von Studien, die die langfristige Wirkung von Krebs-Medikamenten untersuchen
  • Verringerung der gängigen Überbehandlung, die bei der Krebserkrankung sowohl aus Profitinteessen aber auch wegen übersteigertem falschen ärztlichen Ehrgeiz vorherrscht

Besonders fatal wirkt sich die bundesdeutsche Zwei-Klassen-Medizin bei Krebserkrankungen aus. Privatpatienten haben einen eindeutigen, und in der Zukunft prognostizierbar noch steigenden Vorteil bei der Krebsbehandlung gegenüber Kassenpatienten: Sie kommen viel schneller und leichter an Krebsbehandlungs-Spezialisten und finden schneller Zugang zu Spezialzentren zur Krebsbehandlung. Für Lauterbach, dem engagierten Anhänger einer Bürgerversicherung für alle, ein schweres Demokratie-Defizit im Gesundheitswesen. Lauterbach bleibt in seinem Buch aber nicht bei seiner kritischen Betrachtung der Krebsindustrie stehen. So wie deren Machenschaften viel besser kontrolliert und eingedämmt werden müssen, so ist jeder von uns zu entsprechendem individuellen Handeln aufgefordert, weil jeder von uns latent (und mit steigendem Alter umso mehr) von einer Krebserkrankung bedroht ist. Deshalb lautet die Überschrift des letzten Kapitels in Lauterbachs Buch folgerichtig: “Vorbeugung und Früherkennung - was hilft, was schadet”. Wer dieses Kapitel aufmerksam liest, wird danach nicht mehr sagen: Ich habe es nicht gewusst. Noch dazu, weil sich nach Lauterbach die hauptsächlichen Vorbeugemaßnahmen wie Sport (besonders lohnend, wenn man bereits an Krebs erkrankt ist!) und gesunde Ernährung einerseits und die größten Risikofaktoren wie Rauchen und Übergewicht andererseits eindeutig markieren lassen und zwar ohne Wenn und Aber! So hat der Verzehr von Obst und Gemüse einen dreifach positiven Effekt gegen das Krebsrisiko:

  • Beides fängt die sogenannten freien Radikalen in den Zellen ab
  • Beides schaltet gezielt Gene an, die Krebs abwehren
  • Beides ist entzündungshemmend


Allerdings warnt Lauterbach ausdrücklich vor dem Irrtum, dass man generell gegen Krebs vorbeugen könne, weil es keinen einzigen Risikofaktor gibt, der für alle Krebsarten eine Rolle spielt.

Deshalb konzentriert Lauterbach seine konkreten Vorbeuge-Empfehlungen für die wichtigsten Krebsarten (instruktive Tabelle dazu auf Seite 234): Nicht rauchen (und das gilt nicht nur gegen Lungenkrebs!), Abbau von Übergewicht, kein übermässiger Alkohol-Konsum, regelmässiger Ausdauersport (Yoga oder Kraftsport nützen nichts). Ausserdem geht Lauterbach auf den aus seiner Sicht Nutzen und Nicht-Nutzen von Naturheilmittel ein.

Das Buch ist ein hervorragendes Kompendium zum Thema Krebs. In weniger als 300 Seiten gelingt es Lauterbach:

  • die Entstehung und Behandlung von Krebserkrankungen für Laien allgemeinverständlich darzustellen
  • die Profitinteressen der Krebs-Pharmaindustrie bloßzulegen und
  • gute Empfehlungen zur Krebsvorsorge und für Krebspatienten zu geben


In angenehmem Sprachstil verliert sich Lauterbach nie in ein unverständliches “Fachmedizin-Chinesisch”. Sein profundes medizinisches Wissen schlägt auch auf keiner Seite seines Buches in Expertenarroganz um. Und es ist sehr erfreulich, dass der Autor nicht bei der Analyse des Ist-Zustandes in der Krebsindustrie stehen bleibt, sondern politisch-engagiert Wege aus der profitorientierten Diktatur der Pharma-Industrie zeigt.

Karl Lauterbach: Die Krebsindustrie. Wie eine Krankheit Deutschland erobert. Rowohlt Verlag 2015. 287 Seiten. 19.95 Euro

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