Rezension

Die Kriegsbriefe

01.02.2019 - Dr. Burkhard Luber

“Unter dem Drucke des Weltkrieges und seiner Lehren kann gerade der diesjährige Frauentag für die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts von höchster Wichtigkeit werden. Die Vorbedingung dafür ist, daß er die Proletarierinnen zum kühnen, opferbereiten Voranschreiten im Kampfe für die sofortige Beendigung des Brudermordes aufruft. An der Friedensaktion können die Frauen sich als politischer Faktor von ausschlaggebender Bedeutung erweisen, wenn sie wollen, und wenn sie handeln. … Die Frauen müssen solidarisch handeln … Sie müssen überall mit ihren Leiden und Forderungen heraus aus der Enge des Heims und kleiner geschlossener Kreise, um vor der breitesten Öffentlichkeit in gewaltigen Massenkundgebungen ihren Friedenswillen der Arbeiterklasse beispielgebend und wegweisend voranzutragen.”

(Clara Zetkin in einem ihrer Briefe am 28. Februar 1915)

 

Die antimilitaristische Tradition in Deutschland (soweit es sie in der deutschen Geschichte gegeben hat) ist leider kaum noch lebendig. Seitdem sich die grüne Partei mit ihrer Beteiligung am verfassungs- und völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die BR Jugoslawien von ihrem früheren Friedensengagement verabschiedet hat, finden sich zu diesem Thema nur noch in den programmatischen Texten der Links-Partei Rest-Formulierungen. Deren Umsetzung haben aber auf Landesebene nur eine geringe bis gar keine Basis der Verwirklichung. Und der Antikriegstag am 1. September, den eigentlich die Gewerkschaften hoch halten müssten, ist oft nur noch zu einem peripheren Datum geworden, eher verdrängt von der Diskussion, welche Konsequenzen Export-Restriktionen für Rüstungsunternehmen für die dort Beschäftigten haben könnten. 

 

Umso verdienstvoller, dass mit der Herausgabe der Briefe von Clara Zetkin während des Ersten Weltkriegs durch den Karl Dietz Verlag in Berlin dokumentiert wird, dass es vor hundert Jahren hierzulande noch eine wirkliche pazifistische Tradition gab. Der Verlag hat mit der Wahl dieser Protagonistin ein überzeugendes Signal gesetzt und das Buch passt auch hervorragend zur Schwerpunktbildung 2019 “Starke Frauen” in dieser Zeitschrift.  Zusammen mit u.a. Franz Mehring und Rosa Luxemburg gehörte Clara Zetkin zur Minderheit in der SPD, die vor Beginn des Ersten Weltkriegs gegen die Bewilligung der Kriegskredite stimmte. Clara Zetkin bezog aber nicht nur in Deutschland eine klare pazifistische Position; sie war mit diesem Thema auch international aktiv. So gründete sie in Bern die “Internationale Konferenz sozialistischer Frauen gegen den Krieg” mit ihrem Schwerpunkt nicht nur für das Friedensengagement sondern für mehr Frauenrechte. Aufgrund ihrer Antikriegshaltung wurde Clara Zetkin während des Krieges mehrfach inhaftiert, ihre Post wurde häufig beschlagnahmt und ihre beiden Söhne schikaniert. 

 

Das vorliegende, von Marga Voigt herausgegebene Buch enthält die Briefe, die Clara Zetkin während des Ersten Weltkriegs geschrieben hat und ergänzt sie mit einigen zeitgenössischen Dokumenten. Hier tritt uns eine mutige, anti-militaristisch engagierte Frau gegenüber, die sich auch durch die vielen Anfeindungen, denen sie ausgesetzt war - von ihren politischen Gegner sowieso, aber auch in ihrer eigenen Partei (zunächst die SPD, später die KPD) - nicht abschrecken ließ, für ihre pazfistische Grundhaltung zu kämpfen. Wegweisend war für sie dabei, dass sie scharfsinnig den Gegensatz des Krieges zu den Interessen der Arbeiterklasse erkannte; eine Erkenntnis, die sie immer wieder in ihren Briefen thematisierte. Die nicht unbeträchtlichen “Lücken”, die manche ihrer Schriften aufweisen, zeigen außerdem, dass sie prominent auf der Observanz-Liste der Zensurbehörden stand. Auch das ein Zeichen ihrer mutigen und progressiven Gesinnung, die keine Grenzen oder nationale Gesinnung kannte. 

 

Diese reichhaltige Briefsammlung, eine Respekt heischende Leistung der Herausgeberin Marga Voigt, wird noch um einen glänzenden biographischen Text des Geschäftsführers des Karl Dietz Verlages, Jörn Schütrumpf ergänzt, den man vielleicht sogar zuerst vorab lesen sollte, bevor man sich in die einzelnen Briefe vertieft (vgl. die Rezension der ebenfalls von Schütrumpf herausgegebenen Werksausgabe von Paul Levi in dieser Zeitschrift). Die Qualität des Textes von Schütrumpf liegt darin, dass er einerseits die Persönlichkeit von Clara Zetkin lebendig werden lässt und die vielfältigen Widrigkeiten, denen sie bei ihrer politischen Arbeit ausgesetzt war (Hausdurchsuchungen, Vorzensur, Haft, Briefkontrollen, auf sie angesetzte Spitzel und die durch Krankheit erzwungenen Zeiten der Nicht-Aktivität). Zum anderen verdeutlicht Schütrumpf die vielfältig verschlungenen Wege, auf denen die Linke in ihren verschiedenen Schattierungen in den Jahren 1914-1933 sich bewegte und lässt dabei ein höchst lebendiges Bild der politischen Szene in dieser Zeit entstehen. In all diesen Wirrnissen steht eine Frau, die ungeachtet aller Widerstände ihrer Überzeugung treu geblieben ist und dabei alle Kräfte, die ihr zur Verfügung standen, eingesetzt hat.  In einem Brief hat es Clara Zetkin am 16. August 1915 selber so formuliert: “Ich habe solch altmodisches Ding wie ein Gewissen, und das verfolgt mich überall mit der Frage, ob ich wirklich genug, ob ich alles getan habe, was ich meiner Überzeugung nach tun musste und meiner Kraft nach tun konnte.” 

 

Cover: Die Kriegsbriefe

 

 

Clara Zetkin: Die Kriegsbriefe (1914-1918). Herausgeberin: Marga Voigt. Karl Dietz Verlag. 2016. 559 Seiten. 49.90 Euro

 

 

© Robert Diedrichs

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