Spiritualität

Die Krise und das Schisma der Kirche

01.07.2021 - Eduard Fassel

Nicht erst anhand der hohen Austrittszahlen der beiden Hauptkirchen ist deutlich zu sehen, dass sich die Institution Kirche in Deutschland in einer anhaltenden Krise befindet. Für jemanden, dem Religion nicht viel zu sagen hat, wird eine zunehmende Bedeutungslosigkeit der Kirchen keine große Sorge sein. Aber wenn man Religion an sich wertschätzt, dann ist die Chance, die unsere Kirchen verspielen, eine lebendige innere Kultur in die Gesellschaft zu tragen, einfach nur dramatisch.

Sie haben nach wie vor in vielen Teilen Deutschlands einen traditionellen Rückhalt, können auf vielen Ebenen Jung und Alt erreichen, über schulischen Religionsunterricht, einen Studiengang an der Universität, Erwachsenenbildung, zahlreiche inspirierende Kirchen- und Ausrichtungsräume, genügend finanzielle Mittel, eine weitläufige Medienlandschaft – und trotz allem scheint kaum eine Mobilisierung der Menschen möglich, weil das allerwichtigste fehlt: ein Erfahrbarmachen von Religion. Auch in der Modernisierungsdiskussion zwischen der Kirchenbasis und den Kirchenoberen, die sich bei den Katholiken seit vielen Jahren hinzieht, ist von der Forderung nach einer Verstärkung der Innerlichkeit kaum etwas zu vernehmen. Geredet wird über Religiosität, nicht über Religion. Um eine Verinnerlichung und ein Erfahrbarmachen des Glaubens zu erreichen, muss die Kirche zwei grundlegende Hindernisse überwinden.

Das Schisma nach außen

Bereits Papst Benedikt hat in seiner Amtszeit davon gesprochen, wie wichtig eine Entweltlichung für die Kirche ist, um das Evangelium authentisch verkünden zu können. In einer Ansprache 2011 sagte er: „Um ihrem eigentlichen Auftrag zu genügen, muss die Kirche immer wieder die Anstrengung unternehmen, sich von der Weltlichkeit der Welt zu lösen.“ Sein Nachfolger bekräftigt dies durch seinen Namen. Zieht man jedoch die Gelder und Besitztümer der deutschen Bistümer in Betracht, dann wird die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit deutlich, was die nach außen hin unübersehbare Spaltung oder das äußerliche Schisma der Kirche bildet. Eklatant zeigt sich diese Spaltung gegenwärtig in dem ungeheuren Ausmaß des Missbrauchs und dessen Vertuschung. Weiter sagte der deutsche Papst: „Die von ihrer materiellen und politischen Last befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden.“ Es ist unbestritten, dass die Kirchen viel für die Gesellschaft leisten, doch die Früchte ihres Engagements werden klein bleiben, wenn sie sich nicht kompromisslos um die Herstellung ihrer Integrität bemühen.

Ein weiterer Aspekt ist die große Spannung zwischen Tradition und Moderne, die die Institution Kirche am meisten betrifft. In der traditionellen Annäherungsweise waren die Glaubensinhalte objektiviert, das heißt, Autoritäten wie die Heilige Schrift oder das Wort des Priesters waren allgemeingültig und wurden von der Mehrheit der Menschen übernommen. Die Moderne dagegen ist subjektiviert, so dass sich heute jeder Einzelne selbst vergewissern muss, ob das Gesagte für ihn Gültigkeit hat oder nicht. Skepsis und Zweifel sind vorherrschend. Aus diesem rationalen modernen Zeitgeist ergibt sich die Notwendigkeit einer rationalen Annäherung an Religion, die dem Prüfstein der Vernunft standzuhalten vermag. Dieser Notwendigkeit kann die Kirche mit ihren Dogmen, ihrer Schriftbezogenheit und der fehlenden Erklärungstiefe nicht entsprechen und damit viele Glaubensinhalte nicht mehr rechtfertigen. Hier tut sich ein Scheideweg auf – entweder man bietet schlüssige, tiefgehende Erklärungen an, oder eine Identifikation ist für viele Menschen kaum mehr möglich.

Auch durch diese innergesellschaftlichen Spannungen werden die Kirchen immer weiter in den Hintergrund gedrängt und werden als rein traditionelle Institutionen nicht wieder erstarken können. Der Anspruch der Moderne an Integrität und Überprüfbarkeit von Behauptungen, der zum großen Teil aus der Natur wissenschaftlicher Beweisführung entsprungen ist, straft solche Inkongruenzen als Heuchelei und Aberglaube ab. Deshalb ist es unabdingbar für die Kirchen, ihre Handlungen und Dogmen nicht mehr starr und zum eigenen Selbsterhalt, sondern im Lichte eines mit dem Leben verbundenen authentischen Wahrhaftigkeitsanspruches anzuwenden.

Das Schisma nach innen

Der viel bedeutungsvollere Aspekt ist jedoch innerlicher Natur, und dieser wird für viele Christen auch der anstößigere sein. Zur vollwertigen Mitgliedschaft in einer Kirche oder Glaubensgemeinschaft gehört die Annahme der jeweiligen Glaubenssätze. Es soll hier gar nicht bestritten werden, dass der Glaube an Himmel, Fegefeuer oder Paradies nicht seine Aufgabe in der Vergangenheit gehabt hatte. Er lieferte Erklärungen und Gewissheit für Unerklärliches und verhalf den Menschen dazu, extreme Lebenssituationen zu meistern. Ein „fester Glaube“ meint in erster Linie eine in sich gefestigte mentale Struktur, die für psychische Ausgeglichenheit sorgt. Doch mittlerweile sind wir durch den gestiegenen Lebensstandard und die weitläufigen wissenschaftlichen Erklärungen an einem Punkt angelangt, an dem die meisten Menschen keine Heilsversprechen mehr brauchen. Da es sich hier gut leben lässt, stürzen die althergebrachten Himmel ein. Wenn die Kirchen also weiterhin an einem rein mentalen Glaubenfesthalten (vgl. Glaubensbekenntnis) und somit auf der tatsächlichen Erfahrungsebene nur Trost und Sicherheit anzubieten haben, werden sie in diesem Teil der Erde immer bedeutungsloser, und es fällt schwer, aus spiritueller Sicht Einwände dagegen zu finden.

Wenn es schlecht läuft, ist es gut, sich auf das „Kerngeschäft“ zu konzentrieren, und der maßgebliche Daseinsgrund einer religiösen Institution ist es, ihren Gläubigen eine wirklich religiöse Erfahrung zu ermöglichen, nicht nur eine mentale. Wer schon einmal Schweigeexerzitien durchlaufen hat, wird dem vielleicht zustimmen, dass es auch im christlichen Kontext einen Zugang dazu gibt. Das ist also das Hauptproblem der Kirchen – man könnte es als das innerliche Schisma bezeichnen – dass sie sich von den auf religiöse Erfahrung ausgerichteten kontemplativen Strömungen nicht haben beeinflussen lassen. Christliche Kontemplation und traditionelles Liturgie- und Sakramentsgebaren laufen hier und heute im deutschen Sprachraum parallel nebeneinander, ohne Treffpunkt. Und so gilt leider immer noch der viel zitierte Satz des Theologen Karl Rahner, der bereits in den 60er Jahren klargemacht hat: „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein!“ Die Zeichen der Zeit deuten naturgemäß auf Letzteres, solange man nicht endlich darangeht, die richtigen Lehren aus der Krise zu ziehen.

Denn im Grunde ist das Problem gar nicht so schwer zu erkennen und zu lösen. Wenn die religiöse Maxime, dass es einen Gott gibt und dass der Mensch auf Ihn hin geschaffen ist, wirklich wahr ist, dann liegt in jedem von uns etwas Existenzielles zugrunde, das immer da ist und wartet. Will heißen, dass sobald man tiefer geht und das adressiert, einem vieles in die Hände spielt... Ein grundsätzliches Streben nach mehr findet sich in jedem von uns, doch äußert es sich zumeist im Hinblick auf das, was wir eben kennen: mehr Essen, mehr Geld, mehr Besitz, mehr Wissen, mehr Macht. Die Antwort der Religion darauf ist, dass der eigentliche Beweggrund für dieses „immer mehr“ darin besteht, dass der Mensch auf diese zugrundeliegende Wahrheit zustrebt, nur tut er es unbewusst. Angenommen, die christlichen Kirchen würden anhand einer zur Normalität gewordenen spirituellen Praxis einen konkreten inneren Weg aufzeigen, dann müssten sie nur die Türen aufsperren, und die Menschen würden kommen, um auch hiervon mehr zu erfahren. An die Stelle eines mentalen Glaubens, mit dessen Dogmen sich der moderne Mensch ohnehin kaum noch identifizieren kann, tritt dann ein innerlicher Prozess, der mit einer handfesten Veränderung in einem selbst einhergeht.

Noch ein paar Worte zu den ewig Gestrigen, die in der Kirche heimisch sind. Es gibt immer Stimmen, die die altehrwürdige Tradition bewahren wollen und sich Neuem verschließen. Man darf aber nicht vergessen, dass auch die Tradition letztlich aus der Erfahrung hervorgegangen ist. Diese wurde in Formen gegossen, um daraus erneute Erfahrung werden zu lassen. Deswegen gibt es die kontinuierlich zelebrierte Messe und die Sakramente, damit den Gläubigen wieder und wieder dieses Erleben nahegebracht wird. Wenn das auch heute noch möglich ist, dann braucht man sich keine Gedanken über den Erhalt irgendeiner Tradition zu machen, dann ist es ein Selbstläufer. Wenn aber eine Tradition dies nicht mehr zustande bringt, dann besteht kein Grund dafür, leeren Formen nachzutrauern.



Die praktische Annäherung

Dieses erfahrbare Christentum, von dem Rahner als unbedingte Notwendigkeit für sein Überleben sprach, kann stufenweise eingeführt werden. Ein Anfang können Andachten wie das Nightfire/-fever machen, also die von Jugendlichen gestalteten Lobpreisabende, die durch die musikalische Qualität und die Atmosphäre des Kirchenraums wunderbar junge Menschen ansprechen können. Diese emotionale Erfahrung ist schnell erzeugt, und sie verfliegt naturgemäß auch wieder schnell, aber es ist eine Erfahrung im christlichen Kontext, an der auch kirchenferne Menschen sofort teilhaben können. Auch die Erfahrung von Gemeinschaft kann hier ausschlaggebend sein. Bei Taizé-Abenden wird die Musik bereits andächtiger eingesetzt, noch stärker beim Gesang der Psalmen, wie es von Mönchen und Nonnen praktiziert wird. Gesteigert wird die innerliche Einkehr durch ein visualisierendes oder rezitatives Gebet, wie dem Jesus- oder Herzensgebet, das in seiner steten Art mit dem Rosenkranz vergleichbar ist. All diese Stufen können als Hinführung zur stillen Kontemplation genutzt werden, wobei man davor noch die eingehende Betrachtung biblischer Textpassagen setzen könnte. Insbesondere für Priester und Ordensleute müsste eine jährliche Teilnahme an intensiven Schweigekursen (vgl. „Grieser Weg“ und Ignatianische Exerzitien) verpflichtend sein.

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass auch wenn Modernisierungsbestrebungen wie der „Synodale Weg“ erfolgreich verlaufen und es zumindest teilweise zu einer Auflösung des äußerlichen Schismas kommen sollte, das noch lange nicht ausreichend wäre. Es scheint in der öffentlichen Diskussion lediglich darum zu gehen, welche Formen von Religiosität das Kirchenleben in Zukunft bestimmen sollen. Eine Verstärkung der Innerlichkeit wurde bisher nicht in den Mittelpunkt gerückt, und doch ist eben dieses innerliche Schisma das Hauptproblem unserer Kirchen. Es besteht dringlicher Handlungsbedarf, damit es zu einer Versöhnung und Integration von mentalem Glauben (wozu auch theologische Gelehrsamkeit gehört) und existenzieller Erfahrung (siehe die kontemplativen Strömungen) kommt. So kann es möglich werden, auch die traditionellen Formen erneut mit wirklich religiösem Leben zu füllen.

Sollte sich dahingehend in den Kirchen nichts verändern, braucht sich niemand zu wundern, wenn die Menschen ihnen den Rücken kehren und diese transformativen Erfahrungen in Yoga, buddhistischer Meditation oder christlicher Kontemplation suchen. Es ist nunmal ein himmelweiter Unterschied, ob jemand von „Erlösung“ in einer weiteren Predigt hört (die einen im schlimmsten Fall auf die Zeit nach seinem Ableben verweist), oder sie wirklich an sich selbst erfährt!




Eine universelle, interreligiöse Darstellung der Weltreligionen findet sich auf der Internetseite des Autors Eduard Fassel: https://kleine-spirituelle-seite.de

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