Religion

Die Mär von der säkularen Gesellschaft

30.08.2013 - Jannik Niestroy

Wenn ich die Menschen frage, warum die zentraleuropäisch-westliche Zivilisation so fortgeschritten ist, bekomme ich allerorts dieselbe Antwort: Wir sind eine säkularisierte Gesellschaft. Wissenschaft, Wirtschaft und Politik agieren separiert von Religion, nur deshalb konnten sie ihre volle Spannweite auch nutzen. Frage ich weiter nach der religiösen Weltanschauung, werden die meisten sich wohl als Agnostiker oder Atheisten, im unwahrscheinlicheren Fall auch als Hobby-Christen bezeichnen. Tatsächlich wächst in mir aber schon seit einer Weile der Gedanke, dass es mit diesem Säkularismus vielleicht gar nicht so weit her ist, wie wir glauben möchten.

Religion revisited

Was ist eigentlich diese Religion? Was macht sie aus und wann lässt sich etwas als Religion bezeichnen? Um es mit den Worten des Philosophen Sloterdijk zu sagen: Religion ist ein Weltdeutungssystem. Es ist eine Vernetzung von Deutungsmustern, die es den Menschen ermöglichen Sinn zu erkennen oder zumindest zu vermuten. Mehr noch, jede größere Religion auf unserem Planeten enthält eindeutige Handlungsanweisungen und Bewertungen zu Verhaltensmustern. In ihrem Zentrum ist sie zutiefst wertend und muss das ihrem Wesen nach auch sein. Sie erschafft Moral. Wie jedes andere System auch birgt sie in sich ein codiertes Zeichensystem, das nicht nur zur Verständigung der Religionsangehörigen untereinander beitragen soll, sondern auch einen gewissen Exklusivitätsanspruch unterstreicht. Alles andere würde ein fixes Wertesystem in die berüchtigte Eier legende Wollmilchsau verwandeln. Aus Moral würde Beliebigkeit werden.

Hier setzt auch die Kritik an, der sich faste jede Religion ausgesetzt sieht. Dogmatische Ansprüche, die im Zeitalter des Wissens wie ein bestenfalls mittelalterliches Artefakt wirken, sind das Gegenteil eines kritisch hinterfragenden Diskurses. Und dabei liebt die avantgardistisch-universitäre Intellektualität ihren Diskurs doch so sehr! Genau hier entsteht für mich das wahre Dilemma des theistisch-atheistischen Dialoges. Religion ist kein Selbstbedienungsladen. Es mag sein, dass sich die Zeiten geändert haben und wir längst wissen, dass nicht Zeus, sondern kalte und warme Luftmassen Blitze auf die Erde schießen. Doch Religion in ihrem geschichtlichen Kontext zu bewerten, bedeutet ihr den Allgültigkeitsanspruch zu nehmen. Moderne Religion stellt sich mir deshalb als Oxymoron dar, eine Paradoxie dessen Für und Wider das Spiegelbild aller religiösen Konflikte zu allen Zeiten ist. Nur der Alleinanspruch einer Religion wird dessen dogmatischem Grundgerüst wahrhaftig gerecht.

Aber womöglich bin ich auch der Falsche das zu bewerten. Ich pflege einen Agnostizismus atheistischer Prägung. Ich vermute, dass es keinen Gott gibt, bin mir dessen aber nicht sicher. Solange ich dieses Patt nicht beenden kann, übe ich mich in weltlichem Pragmatismus. Ich halte Religion nicht für schlecht, sie verwirrt mich ganz einfach, sobald ich über sie nachdenke.

Das neue Zeitalter

Zurück zum Anfang. Ich sprach vom Säkularismus. Ich möchte mit einem kleinen rhetorischen Spielchen einleiten, das die folgenden Zeilen erhellen soll. Wenn Religion ein Weltdeutungssystem ist, dessen innerer Kern aus dogmatischen Wahrheits- und Moralvorstellungen besteht, dann ist jede Weltanschauung per Definition eine Religion. Sehe ich in jeder menschlichen Interaktion primär einen Klassenkampf, bin ich wohl Anhänger des heiligen Karl Marx. Glaube ich an die Kräfte des freien Marktes, dann bete ich zum allmächtigen Liberalismus. Die Parallelen zwischen religiösen und politischen Inhalten bestehen nicht umsonst. Auch sollte uns allen bekannt sein, dass bisweilen politische Persönlichkeiten wie Gottheiten verehrt werden und sich in der Verfolgung religiöser wie politischer Gegner, insbesondere in dessen sakraler Verbissenheit, starke Übereinstimmungen feststellen lassen.

Ist es also möglich, dass wir aus einer oder zwei wesentlichen religiösen Richtungen in unserer deutschen Gesellschaft mittlerweile eine Pluralität von Weltdeutungssystemen erschaffen haben, also keine Säkularisierung, sondern eine Polytheisierung? Ich glaube nicht.

Wenn Weltdeutung auf einem für alle Anhänger bekannten Codierungssystem basiert und ebenso ein Exklusivitätsanspruch besteht, dann schließe ich daraus, dass dieses System nicht jedem zugänglich sein dürfte. Das mag so manch widersprüchliche politische Meinung erklären, doch würde es auch bedeuten, dass unsere Gesellschaft keine mehr ist, weil ihr ein gemeinsames Deutungssystem fehlt. Kommunikation würde unmöglich und jedes gemeinsame Bewusstsein würde fehlen. Ich glaube nicht, dass dem so ist.

Eine Zeit lang schien der Nationalismus zur neuen Weltreligion aufzusteigen. Vom Beginn bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts strotzte ganz Europa nur so vor Narzissmus. Ganz im Sinne eines Weltdeutungssystems, einer Religion ließ sich die Welt kategorisieren. Die Folgen sind bekannt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges musste eine neue Idee für Europa, für die Welt her. Der Marshallplan stattete Deutschland mit beträchtlichen Mitteln aus, auf die sich, machen wir uns nichts vor, bis heute unser hoher Wohlstand zurückführen lässt. Deutschland brauchte dank dieses Plans keinen Jesus, unser Heilsbringer nannte sich Kapitalismus.

Jetzt ist es gefallen, das böse Wort mit K. Ich habe mich wohl gerade als Kommunisten geoutet. Doch wie ich schon sagte: Ich habe nichts gegen Religion, sie verwirrt mich nur. Ich bin und bleibe Agnostiker.

Das neue Vater-Unser

Kritiker könnten jetzt einwerfen, dass der Kapitalismus ja schon viel älter sei, als knappe 70 Jahre und dass auch das Zeitalter der Säkularisierung und der Aufklärung weiter zurückliegt. Nichts davon will ich bestreiten und doch gibt es einen gewichtigen Unterschied. Schon seit Menschengedenken gibt es Handel, gibt es Arm und Reich. Doch Weltanschauung und Handel waren dabei stets zwei getrennte Sphären. Natürlich spielten religiöse Normen eine Rolle. So machten sich etwa Juden im europäischen Mittelalter als Geldverleiher einen Namen, weil es Christen verboten war, auf geliehenes Geld Zinsen zu erheben. Doch neben diesen flüchtigen Berührungspunkten war wirtschaftliches Handeln Privatsache. Solange ein deutscher Kaufmann ein guter Christ war, konnte er so reich oder arm sein, wie er wollte. Lob erhielt in Adeliger in den mittelalterlichen Liedern nicht zuerst wegen seiner besonderen Fähigkeiten als Wirtschafter, sondern wegen seiner besonderen Frömmigkeit, seiner Güte oder seines Eifers.

Als die Aufklärung das Christentum als dominantes Weltdeutungssystem verdrängte, löste sich dieses Verhältnis keineswegs auf. Noch immer war Wirtschaft irgendwie Privatsache. Politische Denker jeglicher Couleur erschufen neue Weltsysteme, neue Religionen. Die Verbindungen wurden enger, ohne Frage, doch gerade die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts bewies wie keine andere Zeitspanne, dass politische Ideen sich losgelöst von wirtschaftlichen Fragen bewegen konnten, auch wenn die Weltwirtschaftskrise von 1928 den Anstoß zu diesen Entwicklungen gab. Doch der Nationalsozialismus ist uns bis heute nicht eben durch seine ausgefeilten Wirtschaftsstrategien im Gedächtnis geblieben.

Der Marshallplan löste ohne Frage diese Problematik in kleine rhetorische Dunstwölkchen auf. Aus dem völkischen Deutschland wurde das Land des Wirtschaftswunders, der gelungenen Demokratisierung. Der Liberalismus löste sein altes Versprechen ein, eine Welt des Friedens zu erschaffen, in der die wichtigen Kämpfe nicht bei Verdun, sondern an der Börse stattfinden. Dabei ist die Welt ganz einfach zwangskapitalisiert worden, ganz im Sinne der Zwangschristianisierungen aus früheren Zeiten. Der entscheidende Unterschied fand sich nicht im Portemonnaie der Menschen, sondern, wie zu allen Zeiten, in deren Köpfen. Die Vorstellung von einem rassisch starken Deutschland wurde von der Vorstellung eines wirtschaftlich starken Deutschlands abgelöst. Das ist ein Wertesystem, das für uns bis heute Gültigkeit besitzt. Das Zweigestirn von privatem Wirtschaften und öffentlicher Politik wurde in sich verdreht. Nun leben wir in einer Zeit, in der die Wirtschaft öffentlich ist und Politik, also alle Politik abseits der Wirtschaft, vor allem an Stammtischen in zwielichtigen Spelunken stattfindet. Das mag eine Überspitzung sein, aber der Kern der Botschaft ändert sich dadurch nicht.

Glaubt mir jemand nicht? Derjenige möge bitte die Probe aufs Exempel machen. Er möge sich in die Öffentlichkeit begeben und den Menschen erzählen, dass er kein religiöser Mensch sei. Er wird kaum mehr als Schulterzucken und irritierte Blicke ernten. Wenn sich derselbe jedoch in aller Öffentlichkeit hinstellt und behauptet er habe kein Interesse an Geld und der Kapitalismus sei ihm zuwider wird er sich im besten Fall dem Gespött der Menschen aussetzen, im schlimmsten Fall als Kommunist verschrien werden und sich der spanischen Inquisition ausgesetzt sehen. Ich möchte hier dem Kommunismus keine Lanze brechen. Vielmehr möchte ich eine weitere interessante Parallele aufzeigen. Wenn jede Kritik am Kapitalismus, unabhängig von Alternativvorschlägen, als ketzerisch verschrien wird, erfüllt der Kapitalismus selbst damit die Kriterien einer dogmatischen Weltdeutung ohne Möglichkeit auf Diskurs. Wir sind keine säkulare Gesellschaft. Wir haben nur unseren Gott getauscht.

Nathan der Wirtschaftsweise


Um es im Sinne der Heiligen Dreifaltigkeit noch einmal festzuhalten: Ich bin kein Anhänger des Kommunismus. Ich pflege ihm gegenüber eine genauso kritische Distanz wie gegenüber dem Kapitalismus. Ich bin einfach nur Agnostiker. Vielleicht macht mich das zum Besten, vielleicht aber auch zum schlechtesten Kritiker von Weltsystemen. Trotzdem möchte ich mich noch ein wenig mehr an der Abstraktion dieser Thematik versuchen.

Wenn ich eines über Religionen gelernt habe, in all den langen Stunden des Sinnierens und Diskutierens dann, dass ein friedliches Miteinander möglich ist. Aber nur, wenn es möglich gemacht wird. Wir brauchen keine neue Religion, wir brauchen Toleranz. Das betrifft mich an erster Stelle. Bei all meiner Kritik am Kapitalismus liegt mir nichts ferner, als missionierend durch die Lande zu ziehen und den Menschen einen weiteren fernen Gott anzupreisen. Ich hätte auch gar nicht das Recht dazu. Ich habe keine neue Wahrheit zu verkünden und ich kenne keinen neuen Messias, meine einzige Botschaft lautet: hinterfrage!

An zweiter Stelle betrifft es den Rest der Welt. Wir brauchen nicht mit dem Finger auf einen Menschen mit Turban oder Kopftuch zu zeigen und uns über Religion im öffentlichen Raum beschweren, wenn wir selbst mit teuren Autos und Uhren durch die Weltgeschichte spazieren. Und wir sollten nicht verwundert sein, wenn manche Menschen lieber in die Kirche, Synagoge oder Moschee gehen, anstatt in den nächsten McDonalds. Sie praktizieren ihren Gottesdienst so sehr wie wir den unseren.

Es mag für Deutschland ein Glück gewesen sein, dass wir zwangskapitalisiert wurden, aber das bedeutet nicht, dass sich dieses Prinzip auf den Rest der Welt umlegen lässt. Unsere erste Bürgerpflicht sollte nicht lauten, den Menschen die Vorteile von wirtschaftlichem Aufstieg zu vermitteln. Wer kein Interesse an Reichtum hat, wird ohnehin nicht verstehen, warum das so wichtig sein soll. Hier stoßen also zwei codierte Wertesysteme aneinander, die sich gegenseitig ausschließen. Unsere erste Pflicht lautet also vielmehr Schnittstellen zwischen diesen Systemen zu schaffen, aber auch und sogar vor allem dem restlichen Unverständlichen ein Recht auf Unverständlichkeit einzuräumen. Denn am Ende ist Toleranz auch ein Wertesystem, nur ohne Anspruch auf Exklusivität.

Fest steht in Sachen Religion ohnehin nur eines. Um es mit Lessings Worten zu sagen: „Man untersucht, man zankt, man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht erweislich.“

 

Foto: © Wade Wilson 83

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