Eine Vision

Die neue Globalisierung

01.11.2015 - Dr. Burkhard Luber

Eines Tages hatten die Menschen genug von der kapitalistischen Globalisierung. Sie forderten eine Neue Globalisierung – demokratisch, sozial und umweltfreundlich.

Im 1. Jahr der Neuen Globalisierung wurden die politischen Strukturen verändert. Jedes Dorf, jeder Bezirk und jede Stadt in Europa und Nordamerika wurde politisch und wirtschaftlich mit drei Dörfern, Bezirken und Städten in Asien, Afrika und Südamerika zusammengeschlossen. Das ergab interessante Kombinationen, zum Beispiel Celle mit Vung Tau (Vietnam), Kinsangani (Kongo) und Marzagao (Brasilien). Diese neuen Schwesternstädte mussten alle wichtigen Entscheidungen im Konsens treffen.

Im 2. Jahr der Neuen Globalisierung wurden die Sprachen umorganisiert. Englisch wurde als Weltsprache abgeschafft. Stattdessen musste jeder Mensch je eine Fremdsprache mit Schrift von links nach rechts, von rechts nach links und von oben nach unten erlernen. Kinder aus Beirut gingen in die Altenheime von Hannover und zeigten den BewohnerInnen arabische Schriftzeichen. Arbeitslose LehrerInnen aus Bamberg verbrachten eine Jahr in Tibet.

Im 3. Jahr der Neuen Globalisierung wurden die internationalen Konzerne abgeschafft. Statt Waren aus aller Welt im Supermarkt zu kaufen, gaben sich die Menschen nun mit den Produkten ihrer Schwesterdörfer zufrieden.

Im 4. Jahr der Neuen Globalisierung wurde die Beschleunigung abgeschafft. Autos durften nur noch mit einer Höchstgeschwindigkeit von 40km/h fahren. Um Benzin zu sparen wurde ihre tägliche Laufleistung auf 50 km begrenzt. Autos mit geraden Zulassungsnummern durften nur an geraden Tagen, Autos mit  ungeraden Nummern nur an ungeraden Tagen fahren. Es bildeten sich Fahrgemeinschaften. Die Kommunikation nahm zu und der Energieverbrauch sank. Es gab privilegierte Fahrbahnen für Autos mit mehr als einer MitfahrerIn. Busse hatten auf allen Strassen Vorfahrt. Ein Drittel aller Autobahnen wurde nur noch Bussen zugänglich gemacht. Städte wurden generell für Autos gesperrt. Rischkas und Fahrrad-Tandems erlebten einen grossen Aufschwung.

Im 5. Jahr der Neuen Globalisierung wandte man sich der Kultur zu. In der CD-Produktion und bei den Konzert-Agenturen gab es gleiche Quoten für MusikerInnen von allen Kontinenten. CD-Player und Fernsehapparate wurden nur noch an diejenigen verkauft, die mindestens zehn Lieder auswendig singen konnten und aktiv in Theatergruppen tätig waren.

Im 6. Jahr der Neuen Globalisierung begannen die Menschen Frieden zu schaffen. Gewaltfreie Konfliktbewältigung und Mediation wurden Prüfungsfächer an den Schulen. Waffen in Privatbesitz wurden gegen Geldabfindungen verschrottet. In den Hallen der überflüssig gewordenen Rüstungsfirmen boomte die Fahrradproduktion.

Im 7. Jahre der Neuen Globalisierung wurde nichts Neues eingeführt. Alle Menschen genossen ein Jahr Ruhe und feierten viele gemeinsame Feste. Sie hielten dankbar Rückschau auf die vergangenen sechs Jahre. Die Welt fand die neue Globalisierung besser als die alte. Und jeder lobte seinen Gott dafür.

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