Religion

Die Parabel vom islamischen Staat

01.09.2014 - Mohammed Saboor Nadeem

Was nach einer Theorie klingt, spielt seit Mitte des 20. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle: der Islamische Staat, wie ihn einst der Prophet Mohammed zu Lebzeiten gegründet hat – ein Ideal, nach dem zu streben die Pflicht aller Muslime sei? Zumindest gewann diese panislamisch antikolonialistische Idee nach dem Niedergang des Osmanischen Reiches und der Abschaffung des Kalifats durch Atatürk immer mehr an Wichtigkeit. Sodann griffen Persönlichkeiten wie Rashid Rida oder Hassan al-Bana auf den sogenannten Reformislam zurück und legten den Grundstein für den politischen Islam.

Heute beschäftigt uns die IS, eine jihadistisch-salafistische Terrororganisation, die u.a. als Schwesterorganisation der fast schon vergessenen Al-Qaida im irakischen Widerstand kämpfte und sich dann im syrischen Bürgerkrieg, der gegen den nun ebenfalls fast in Vergessenheit geratenen syrischen Präsidenten Bashar al-Assad geführt wurde, mithilfe von Geld- und Waffenlieferungen aus den USA systematisch zu einer starken militärischen Einheit entwickelte. Um ihre Macht zu festigen und zu demonstrieren, griffen sie vor wenigen Wochen zu einem sehr interessanten politischen Mittel und riefen ihr Kalifat aus.


Besonders der letzte Aspekt gibt wohl vielen Personen einen Anlass, mich zu kontaktieren – seien es Freunde, Lehrer, Journalisten oder Politiker über Facebook, E-Mail oder sogar per Telefon, weil sie größtenteils "nicht mehr durchblicken" würden – und das zurecht. Die Lage im Nahen Osten ist extrem komplex, weil diese Region von unzähligen Konflikten geprägt ist, die es teilweise noch immer zu entschärfen gilt.


Der Kolonialismus sollte als bedeutender Faktor für viele zeitgenössische Konflikte nicht unerwähnt bleiben, da er einen Grund gegen brutale Ausbeutung und Unterdrückung und für einen muslimisch-antikolonialistischen Widerstand im Nahen Osten darstellt. Dieser war ein wichtiger Versuch in die Freiheit, mit fatalen Folgen.


Wenn Al-Afghani oder Abduh vom Reformislam sprachen, dann war für beide klar, dass nicht der Islam einer Reform bedarf, sondern die Muslime. Dabei wussten sie nicht, dass ihre Ansätze in Zukunft politisiert oder für einen teilweise gewaltsamen politischen Islam gar missbraucht werden.
So sind es auch heute die Muslime, die immer noch dieser Reform bedürfen. Und die Grundvoraussetzung für Wandel und Fortschritt, sowohl persönliche als auch politische Freiheit, bleibt weiterhin ein unerfüllter Traum der Muslime im Nahen Osten.


Der aktuelle IS-Konflikt in Syrien und im Irak bietet, ebenso wie der bisher unlösbare Israelisch-Palästinensischer-Konflikt, einen guten Grund, die bisherige Nahost-Politik zu hinterfragen und der muslimischen Bevölkerung auch ihre Interessen zuzusprechen, ohne immer die eigenen zu sichern. Viele Analysten arabischer und türkischer Zeitungen sehen die einzige Lösung darin, die Grenzen im Nahen Osten neu zu ziehen, da für sie Staaten wie Syrien und das Zweistromland praktisch schon zerfallen sind. Die unbedacht willkürlich gezogenen Grenzen unter britischem Mandat ergeben absolut keinen Sinn. Sollten wir diesbezüglich der USA eher Vertrauen schenken, die 2006 eine konstruktivere Einteilung nach religiösen und ethnischen Volksgruppen des sogenannten „Neuen Nahen Osten“ in der NATO angedacht haben?
In diesem Kontext stehen dann auch berechtigterweise Fragen der westliche Intervention im Nahen Osten im Raum, obwohl in Libyen und im Irak sich die Situation dadurch absolut verschlechtert hat. Warum schauen wir immer mit einer westlichen Sichtweise auf den Nahen Osten? Anders ausgedrückt: Wieso soll die liberale Demokratie, die sich allein in europäischen Staaten unterschiedlich etabliert hat, das letzte mögliche Herrschaftsmodell sein?
Das Demokratieverständnis der arabischen Bevölkerung ist nicht an Prinzipien oder Religion gebunden. Stattdessen legen sie Wert auf politische Inhalte, die sichtbare Resultate bringen. Und wenn Demokratie dieses Bedürfnis nicht stillt, dann verlieren die Menschen verständlicherweise ihren Glauben an demokratische Prozesse.


Damit nicht der Eindruck entsteht, dass ich alle westlichen Militäreinsätze kritisiere, möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass ich mir bewusst bin, dass die ersten beiden NATO-Einsätze in der Balkanregion zum Wohle der muslimischen Bevölkerung geführt wurden.


Wie auch immer; für den Nahen Osten gilt, dass nicht jeder Konflikt gleich ist.
Dennoch erinnert mich jeder Konflikt in der muslimischen Welt gleichzeitig auch an den dreißigjährigen Krieg in Europa. Die Aufklärung folgte also einem sehr dunklen Zeitalter, geprägt von Terror und Gewalt: als Katholiken und Protestanten Anhänger der jeweilig anderen Konfession brutal ermordeten, nur weil jeder davon überzeugt war, den wahren Glauben zu kennen. Erst das Ende unendlich vieler Menschenleben führte dazu, dass die Menschen sich von Wahrheitsansprüchen, die im Nahen Osten ebenfalls ein Grund für unzählige Konflikte sind, lösten. In diesem Sinne sind es auch die innerislamischen Konflikte, die zur Destabilisierung der gesamten Region führen.


Ich bin mir trotzdem sicher, dass die Muslime zwar langsam, aber sicher auf einen guten Weg dahin sind, diese Konflikte aufzuarbeiten. Dies ist nämlich nicht ganz so einfach, da die militanten Jihadisten oder die Konflikte, über die wir aus der Ferne sprechen, die Realität muslimischer Länder sind. Ich weiß aus meinen zahlreichen Studienreisen in den Nahen Osten und nach Südasien, dass die Muslime sich durchaus mit diesen Problemen beschäftigen und zwar mehr als wir glauben. Glauben Sie bitte nicht, dass die Länder im Orient noch wie in 1001 Nacht von einem Sultan aus einem prachtvollen Palast beherrscht werden. Auch dort arbeiten wissenschaftliche Institute, Behörden und Arbeitskreise, genauso wie hier, intensiv mit den Realitäten ihrer Gesellschaften. Deshalb ist die einzige sinnvolle Lösung für einen ordentlichen Wandel in der muslimischen Welt eine absolute Entmilitarisierung und gut gemeinte Entwicklungshilfe im Nahen Osten.

 

 

 

 

 

Foto: © International Crisis Group

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen