Gesellschaft

Die Patchwork-Lüge

17.08.2013 - Khola Maryam Hübsch

Boris Becker hat eine, Til Schweiger hat eine, die norwegische Prinzessin Mette-Marit und Pop-Queen Madonna auch. Sie gilt als schick, modern und en vogue: die sogenannte Patchwork-Familie. Melanie Mühl streitet mit einem Buch gegen die Verklärung der Flicken-Familie.

In ihrer derzeit viel diskutierten Streitschrift "Die Patchwork-Lüge" wettert die "F.A.Z."-Journalistin gegen den Egoismus in unserer Gesellschaft, gegen einen Anspruch auf "Ich-Optimierung", für den die Patchwork-Familie nur ein Symptom sei. Aber was ist so schlimm an dieser Konstellation, bei der geschiedene Väter und Mütter mit ihren jeweiligen Kindern eine neue Familie bilden?


Mühl geht es zunächst nicht darum, ein Familienmodell an den Pranger zu stellen. Sie plädiert für einen besonnenen Umgang mit der Liebe und für mehr Altruismus. Die 35 Jahre alte Journalistin analysiert in ihrem Buch Scheidungsursachen und die Folgen für Kinder: "Scheidungskinder werden später doppelt so häufig geschieden wie Nichtscheidungskinder. Sie neigen stärker zu Depressionen und Jugendkriminalität, die Missbrauchsgefahr von Nikotin, Alkohol und Drogen ist größer", weiß sie. Mühl, selbst Scheidungskind, spricht von einer frühen Traumatisierung, die für ein Leben lang prägt und die eigene Bindungsfähigkeit schwächt. Doch: "Kein Mensch ist ein determiniertes Wesen", sagt Mühl. Sie selbst sei auch nicht unter der Brücke gelandet.

 

Absolute Freiheit
Allerdings beschreibt sie anschaulich, wie schwer es ist, ein Scheidungstrauma zu überwinden, das häufig im Erwachsenenalter noch stärker nachwirkt als in der Kindheit. Vor diesem Hintergrund kritisiert Mühl die Leichtfertigkeit in den Medien, die die Patchwork-Familie von Prominenten in bunten Geschichten und TV-Soaps verklärten und idealisierten. Dabei ist jeder Patchwork-Familie ein Misslingen vorausgegangen.


Warum aber scheitern immer mehr Paare? Warum wird jede dritte Ehe in Deutschland geschieden? Mühl lässt weder die Emanzipation der Frau noch den Mobilitäts- und Flexibilisierungsdruck der Arbeitswelt als Ursache gelten. Vielmehr seien es überzogene Erwartungshaltungen, eine romantische Idealvorstellung von Liebe, die sich selten erfüllen. Geduld, Verzicht, Aushalten – diesen unzeitgemäß anmutenden Begriffen stünden "unbegrenzter Konsum, absolute Freiheit, bedingungsloses Glück" gegenüber: "Diese Trias bildet den Kern unserer Fortschrittsreligion". Alles ist möglich, warum sich mit weniger zufriedengeben? "Liebe darf nicht Prosa, sie muss Poesie sein", kritisiert Mühl. Sie zitiert Erich Fromm, der in seinem Buch "Die Kunst des Liebens" schon 1956 erklärt hatte, dass die Liebe eine Disziplin sei, die erlernt werden müsse. Es fehle an Demut – ein altmodisch gewordenes Wort. Genauso unzeitgemäß offenbar wie die intakte Familie: Der Staat fördere stattdessen Patchworkfamilien, so Mühl. Die Unterhaltsrechtsreform von 2008 sei "Gift für die Familie". Für eine Frau sei es heute mit noch größeren Risiken verbunden, sich für ein Kind zu entscheiden. Im schlimmsten Fall müssten sie arbeiten gehen und zugleich ein Kind versorgen. Für Mühl ist die viel gerühmte Wahlfreiheit bei der Lebensgestaltung einer Frau, die Familie möchte, nur eine Farce. Die Leidtragenden seien die Kinder.


Kalte Gesellschaft
Mühl beklagt Jugendwahn, eine beschönigende Laissez-faire-Haltung der Eltern, "Frühförderwahnsinn" bei Kindern, die "Doppelmoral" der "neuen Väter", zunehmenden Narzissmus. Mühl zeichnet das Bild einer durchrationalisierten, kalten, abgestumpften Gesellschaft ohne familiäre Strukturen und Verantwortlichkeiten. Scheidungskinder erscheinen als "tickende Zeitbomben", die der Gesellschaft später das antun, was sie ihnen angetan hat, die unfähig sind, dauerhafte Partnerschaften einzugehen und den "Virus der Einsamkeit" verbreiten.


"Wir sprechen nicht über ein paar Kindheitstraumata, die nur die Persönlichkeit Einzelner betreffen, wir sprechen über nicht weniger als den Zusammenhalt unserer Gesellschaft", schreibt Mühl mit apokalyptischem Ton. Ja, sie hat wohl recht, wenn sie vor einer Gesellschaft voller Narzissten und abgestumpfter Egoisten warnt. Aber noch fruchtbarer als der Entwurf dieses bedrohlichen Szenarios wäre das konstriktive Aufzeigen von Lösungswegen gewesen.

Melanie Mühl: "Die Patchwork-Lüge – Eine Streitschrift", Hanser-Verlag, 176 Seiten.

 

Foto: © Thomas Leth-Olsen

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