Christentum

Die Reformation und wir: Was bleibt nach 500 Jahren?

01.08.2016 - Martin Renghart

Das Reformationsjubiläum des Jahres 2017 wirft seine Schatten voraus, und unter den vielen Neuerscheinungen zum Thema sollen hier zwei vorgestellt werden, die für ein breiteres Publikum gedacht sind. Denn sie betreiben im Gegensatz zu anderen keine Luther-Exegese, sondern versuchen, die Wirkung des Reformators auf die heutige deutsche Gesellschaft zu befragen, ein angesichts eines Abstands von einem halben Jahrhundert in jederlei Hinsicht ehrgeiziges Projekt.

Aber so unterschiedlich ihre Analysen auch ausfallen, sie stehen damit in guter Tradition: Während Eichel versucht, viele Besonderheiten der heutigen deutschen Gesellschaft unmittelbar auf Luther zurückzuführen und dabei letztlich zu einer bürgerlichen Lutherverehrung im Stile des 19. Jahrhunderts neigt, konzentriert sich Bendikowski vor allem auf die Glaubenskonflikte, die Deutschland als Folge der Reformation jahrhundertelang heimgesucht hatten und erweist sich damit als Vertreter antikonfessionellen und aufklärerischen Denkens.

 

Klar, dass bei solchem holzschnittartigen und teilweise sogar klischeehaften Vorgehen differenziertere Argumentationen und quellenkritische Überlegungen weitgehend fehlen. So sind beide Schriften eher Streitschriften, die für ihre Position werben wollten, ohne mögliche Gegenpositionen eingehender zu diskutieren.

 

Bei Eichel haben wir es mit einer traditionellen konfessionellen Perspektive zu tun, die versucht, möglichst viele Besonderheiten der heutigen deutschen Gesellschaft auf Luther zurückzuführen. Man meint fast, der Reformator habe einen Masterplan für die Entwicklung der deutschen Gesellschaft entworfen. Dabei hatte er weitgehend nur klassischen (klein-)bürgerlichen, in Deutschland verbreiteten Moralmaßstäben eine biblische Begründung verschafft und sie mit seinen Schriften verbreitet. Allerdings war Luther, wie die Arbeit eindrucksvoll zeigt, in der Tat der erste Sozialdenker und Sozialreformer Deutschlands. Um seine Wirkung genauer zu erfassen, wäre es freilich nötig gewesen, auch die Verbreitung seiner kulturellen sozioökonomischen Vorstellungen und Schriften stärker einzubeziehen. Denn genauso wenig alle Charaktereigenschaften von Angela Merkel mit ihrer Herkunft aus protestantischem Pfarrhaus zusammenhängen, so sind auch nicht alle Besonderheiten der heutigen deutschen Gesellschaft aus Luthers Ansichten zu erklären. Vor allem aber setzte Luthers Wirkung oft erst lange nach seinem Tod ein. Hierfür ein paar Beispiele: Obwohl Luther viel für den Gemeindegesang getan und auch selbst einige der bekanntesten deutschen Kirchenlieder gedichtet hat (S.99f.), war das Interesse der frühen Protestanten daran zunächst eher gering, was oft genug beklagt wurde. Ähnlich verhielt es sich im Bereich der Wirtschaft: Obwohl Luther für die damalige Zeit recht fortschrittlich und den damaligen Verhältnissen angemessen, einen Zins von 5% bei der Geldleihe für gerechtfertigt hielt, blieben bis zum 18. Jahrhundert Juden die Hauptträger des Kreditwesens. Erst Friedrich Raiffeisen knüpfte im 19. Jahrhundert ausdrücklich an Luthers Idee an (S.202). Tatsächlich war der Reformator, zumindest was die Verhältnisse in Deutschland betrifft, seiner Zeit oft voraus. Noch problematischer erscheint es, wenn Eichel die heutige Sparneigung der Deutschen (S.197-199) hauptsächlich von lutherischem Gedankengut ableiten will. Neben staatlichen Vorgaben waren hierfür nicht zuletzt auch persönliche Erfahrungen während des letzten Jahrhunderts ausschlaggebend.

 

Eichel unterschlägt eventuelle negative Wirkungen Luthers, vor allem seine tendenziell judenfeindliche Einstellung nicht (S.209-213). Aber auf seine politischen Auffassungen, vor allem die Einschärfung von Gehorsam gegenüber der Obrigkeit, nicht zuletzt auch dem landesherrlichen Kirchenregiment, geht sie seltsamerweise nur am Rande ein (obwohl diese Vorstellungen, wie etwa Heinrich August Winkler meinte, für die lang anhaltende politische Unmündigkeit der Deutschen mitverantwortlich gewesen sein könnten (S.163, 171f.)). In diesem Zusammenhang ist auffällig, dass die Autorin in ihrer Neigung, von der Gegenwart direkt zur Reformationszeit zu springen, Preußen und seine Fürsten kein einziges Mal erwähnt. (Lediglich Angela Merkel wird auf S.172 eine preußisch-protestantische Haltung bescheinigt.) Aber auch wenn eine Erörterung dieses Aspekts wohl den Rahmen des Buches gesprengt hätte: Dass die Autorin den viel diskutierten und ihr sicher nicht unbekannten Gegensatz zwischen frühem und spätem Luther – und damit indirekt auch die Spannweite der Reformation – schlicht unter den Tisch fallen lässt, ist bedauerlich, denn dann hätte sie zumindest die Verbindung von Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (1520) zur Weimarer Verfassung etwas kritischer gesehen (S.170). Eher könnte man da auf die Forderungen der aufständischen Bauern von 1525 zurückgreifen, die Luther aber bekanntlich abgelehnt hat.

 

Am Schluss folgt dann relativ unvermittelt ein Lamento auf die Misere des heutigen evangelischen Gottesdienstes – womit die Autorin ihre eigene Überzeugung noch deutlicher werden lässt.

 

Fast könnte man vermuten, Eichel sei protestantische Pastorin, aber weit gefehlt: Sie ist Journalistin, hat u.a. bei Cicero und Fokus gearbeitet und, trotz weiterer einschlägiger Bücher, Theologie nicht einmal studiert: Man wird also nicht von vornherein Parteilichkeit in dieser Sache nachsagen können.

 

Auch für Tilmann Bendikowski gilt dasselbe: Er ist Historiker und Publizist, hat sich aber bereits mit kirchengeschichtlichen Fragen beschäftigt. Er spannt anders als Eichel einen großen Bogen von der Reformation bis zur Gegenwart, und die sieht er bis vor kurzer Zeit fast ausschließlich negativ. Diese Sichtweise resultiert aus einem übertrieben fundamentalistischen Glaubensverständnis: Für ihn ist eine Religion ohne absoluten Wahrheitsanspruch schwer vorstellbar, und so kann für ihn, wie er am Beispiel Friedrichs II. von Preußen deutlich macht, eigentlich nur der Atheist wirklich tolerant sein. Und dabei konnte durchaus auch der Atheismus intolerant sein, wie im Falle von Rudolf Virchow – den Bendikowski (S.125) aber geschickt als Protestanten tituliert, während er Goethe schlichtals „Nichtchrist“ bezeichnete (S.225), den Eichel durchaus zu Recht als „pietistisch erzogenen, religionskritischen Protestanten“ (S.157) verortet hatte. Die Grenzen zwischen den religiösen Lagern waren jedenfalls nicht so eindeutig wie Bendikowski meint. Obwohl er den Islam in seinem Buch nur einmal erwähnt, scheint seine Perspektive durch den islamischen (und evtl. auch christlichen) Fundamentalismus der Gegenwart beeinflusst. Auch der übertriebene Titel „Glaubenskrieg“ geht wohl in diese Richtung. Klar erkennbar wird dies im Buch aber nicht; so hätte Bendikowski durchaus auf mögliche Parallelen und Unterschiede zwischen Heilsvorstellungen des christlichen Konfessionalismus und des Islams hinweisen können. Aber auch die kulturelle Wirkung des Glaubens, sowohl des protestantischen wie des katholischen, sieht er sehr kritisch. Selbst das protestantische Pfarrhaus, das für Eichel fast sakrosankt ist, wird nicht vor Kritik verschont (S.179). Zudem zitiert er viele protestantische Polemiken gegen den Katholizismus, um damit letztlich beide Konfessionen zu treffen. Wenn es doch eine Übereinstimmung zwischen den beiden großen Konfessionen gab, dann war dies ihr Kampf gegen Juden und neue Glaubensbewegungen und Sekten. Der konkrete Glaube der „einfachen“ Gläubigen ist ihm dabei aber, da quellenmäßig schwer fassbar, relativ egal. Erst für das 19. Jahrhundert erhält man anhand vieler Beispiele den Eindruck, dass die konfessionellen Konflikte auch zwischen katholischen und evangelischen Laien zunahmen. Hier wäre deshalb ein klarerer Einschnitt und eine sachliche Auseinandersetzung mit diesem „zweiten konfessionellen Zeitalter“ sinnvoll gewesen. Stattdessen jedoch läuft es letztlich auf eine Fundamentalkritik der Religion hinaus. Auf positive Wirkungen von Religion, vor allem ihre stabilisierende Funktion für Staaten und Gesellschaften, geht er leider kaum ein. Dasselbe gilt auch für die konkreten Glaubensunterschiede, obwohl sie ja für die Auseinandersetzungen nicht unwesentlich waren. 

 

Mit dieser Haltung steht Bendikowski klar außerhalb des Mainstreams der heutigen Historiker: Der Begriff „Glaubenskrieg“ erschiene vielen sicher nur für begrenzte Zeiträume, wie etwa den Dreißigjährigen Krieg, angebracht.

 

Darüber hinaus aber wird die zunehmende Pluralität an Glaubensangeboten, welche langfristig sowohl zu produktiver Konkurrenz wie zu gegenseitiger Toleranz führte, weithin positiv gesehen. Der Autor erweist sich also als sehr harmoniebedürftig. Zwar hat er Recht damit, dass das Christentum durch den langanhaltenden Streit selbst in Misskredit geraten ist, aber genau dies war letztlich auch eine Voraussetzung der aufklärerischen Religionskritik.

 

Gemeinsam ist beiden Darstellungen in ihrer einseitigen Betrachtungsweise, dass sie außerchristliche Religionsgemeinschaften weitgehend ausblenden. Dies gilt vor allem für das Judentum, aber auch, wie bereits von einem anderen Leser bemerkt,1 für die zunehmende Verbreitung des Islam seit 1945.

 

Dies ist angesichts der derzeitigen Relevanz der interreligiösen Beziehungen bemerkenswert. Ansonsten ist Bendikowskis Arbeit faktenreicher und fundierter, Eichel schreibt aber über weite Strecken klarer und anregender.

 

Auf dem Stand der derzeitigen Forschung befinden sich beide nicht. Es wird wohl noch ein paar Jahrzehnte brauchen, bis sich ein neuer Blickwinkel durchgesetzt hat, der sowohl die neuere historische Forschung als auch die derzeitige Religionsstruktur der deutschen Gesellschaft widerspiegelt. Weder überschwängliche Lobeshymnen auf die eigene Konfession noch eine pauschale Ablehnung jedes Konfessionalismus helfen weiter.

 

Ein Konsens über die deutsche Konfessionsgeschichte ist, so lässt sich resümieren, hierzulande noch längst nicht erreicht. Aber immerhin versuchen beide Arbeiten auf ihre Weise, Einfluss auf die Diskussion darüber zu nehmen, sie überschätzen die Wirkung der Reformation und von Glaube und Religion allgemein allerdings erheblich – denn sind wirklich auch die schrecklichen islamistischen Attentate von heute letztlich Ausfluss des islamischen Glaubens?

 

 

 

 

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