Rezension

Die Resonanzstrategie - Warum wir Nachhaltigkeit neu denken müssen

15.05.2019 - Dr. Hans-Georg Kelterborn

„Wenn wir uns mitteilen, erwarten wir Verständnis, wenn wir uns anstrengen Anerkennung, wenn wir lieben Gegenliebe. Immer geht es darum, dass etwas zurückkommt. Das gilt auch für den Umgang mit uns selbst: Wenn wir eine Entscheidung treffen, soll sie sich stimmig anfühlen. Und für den Umgang mit der Natur: Wenn wir sie pfleglich behandeln, soll sie uns Früchte und Lebensraum bieten. Kurz: Der Mensch ist zutiefst auf Resonanz angewiesen. Sie ist auch der Schlüssel zur Nachhaltigkeit: Soziale Mitwelt, natürliche Umwelt und personale Innenwelt müssen als Resonanzräume erfahrbar sein, damit Leben und Zusammenleben auf Dauer gelingen können. Doch die Anziehungskraft des Geldes lässt Resonanzen immer mehr verstummen.“

Das neueste Buch von Fritz Reheis ist 2019 im oekom-Verlag erschienen, der sich mit seinen Veröffentlichungen dem Thema Nachhaltigkeit verpflichtet weiß. Bereits in der Einleitung wird unmissverständlich deutlich, dass der Autor nicht vor der Herrschaft der Sachzwänge zu kapitulieren bereit ist, obwohl wir modernen Menschen uns mit dem Mantra des homo oeconomicus „Zeit ist Geld“ geradewegs auf eine Höllenfahrt begeben.

Hartmut Rosa hatte bereits in seinem Buch „Resonanz - Eine Soziologie der Weltbeziehung“ (2016) die Resonanz als sozialwissenschaftliche Grundkategorie etabliert. An dessen phänomenologische Entfaltung schließt Reheis mit seiner Veröffentlichung an und weitet sie sachlich begründet aus. Dabei gelingt es dem Autor, seine drei Schlüsselbegriffe Resonanz, Zeit und Nachhaltigkeit wie in einer dreidimensionalen Matrix zu entfalten und miteinander in Beziehung zu setzen.  Dem Leser wird bei dieser Vorgehensweise der große Zusammenhang des Lebens vom Makrokosmos bis hin zum Mikrokosmos plausibel. Mit diesem weiten Horizont ermutigt Reheis seine Leserschaft, der Resonanzblockade durch die herrschende Wirtschaftsordnung zu widerstehen und die Eigenzeiten und Rhythmen von Natur, Gesellschaft und Mensch endlich wieder zu respektieren. So wird mit seinem Anliegen, die Klimakatastrophe generell zu verhindern, zugleich eine individuelle „Umkehr zum Leben“ angemahnt.

In seinem 1. Kapitel „Zeit und Resonanz“ diagnostiziert Reheis am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland aufschlussreich, wie die politische Verantwortung zur Verhinderung der Klimakatastrophe von den Akteuren zwischen den zuständigen Ressorts nur hin und hergeschoben wird, ohne zureichende Umsetzung des längst Gebotenen. Darum ersetzt Symbolpolitik in Form von Verlautbarungen mit zeitlicher Verschleppungstaktik das notwendige und aufeinander abgestimmte Handeln zwischen den Ministerien, um die lebensbedrohliche Klimaerwärmung zu stoppen. Die Finanzwirtschaft wiederum sucht – von der globalen Krise gänzlich unbeeindruckt – nur ihren kurzfristigen Gewinn. So steht inzwischen nicht nur das globale Klima auf der Kippe, auch der soziale Zusammenhalt in den Gesellschaften schwindet. Zugleich ist der Einzelne entfremdenden Zwängen in Produktion, Werbung und Konsum ausgesetzt, von denen er sich nur schwerlich freihalten kann.

Dieser bedrückenden Diagnose unserer kollektiven Selbstsabotage im Zeitalter des Anthropozän begegnet der Autor mit der Entfaltung zentraler Einsichten in die komplexen Voraussetzungen für nachhaltiges Leben und Wirtschaften auf unserer Erde, deren Ressourcen begrenzt sind.

Im Begriff Nachhaltigkeit ist bereits die Zeitdimension impliziert. Darum entfaltet Reheis konsequenterweise und sehr überzeugend den umfassenden Zusammenhang von Zeit und Resonanz. Mit seinem eindrücklichen Plädoyer für die Wiederentdeckung der Zeit erschließt er dem Leser in verständlicher Diktion die Tiefendimension für das Verstehen der Krise, in der sich Natur, Gesellschaft und Mensch befinden. Diesen drei Welten, in denen wir leben und von denen wir abhängig sind, sind unterschiedliche Zeitdimensionen mit ihren Rhythmen eigen. Doch wer sie ignoriert, schädigt nicht nur unseren natürlichen Lebensraum, sondern auch unser soziales Miteinander und die personale Innenwelt. Damit schwindet die Hoffnung auf ein gutes Leben in Resonanzverhältnissen, obschon es doch gerade die Resonanz ist, die „die Welt im Innersten zusammenhält.“ (S. 63) Politikern, Wirtschaftsführern, den Akteuren einer gewaltfreien Zivilgesellschaft und jedem Einzelnen (nach Maßgabe seiner Möglichkeiten) bietet Reheis eine sachlich gut begründete Vorgehensweise zur Umkehr an, ohne moralisches Pathos:

„Nutzen wir die Möglichkeiten und Spielräume, die uns bei all den zeitlichen Vorgaben, dem evolutionär und ökologisch bedingten Zusammenspiel der Zeiten bleiben. Schaffen wir durch die Sorge für Vielfalt und Gemächlichkeit jenes Milieu, in dem Fehler kreativ gewendet werden können. Und zwar überall und immer: bei der Entwicklung von Techniken und Technologien, Anreizsystemen und Haltungen, bei der Begründung von Normen und Werten, bei der Wahl von Lebensstilen.“ (S.70)

In den folgenden Kapiteln 2, 3 und 4 arbeitet Reheis seine Krisenbewältigungsstrategie konsequent ab, mit den Themenfeldern „Umwelt und Regenerativität“, „Mitwelt und Reziprozität“ und „Innenwelt und Reflexivität“.

Radikal analysiert Reheis im 5. Kapitel den Zusammenhang zwischen dominierender Geldwirtschaft, Arbeitsverhältnissen und gesellschaftlicher Macht, hierbei die Marxschen Begriffe nutzend. Und was schlussendlich politisch, ökologisch, ökonomisch, sozial und persönlich konkret zu tun sei, um vom „Lärm des Geldes zur Symphonie des Lebens“ umzukehren. Es gelte, Nachhaltigkeit und Resonanz wiederzugewinnen mit einem zeitbewussten Lebensstil, zeitbewusster Politik und einer zeitbewussten Kreislaufwirtschaft zugunsten eines „enkeltauglichen Lebens.“

Dass sich gegenwärtig diese Enkel öffentlich in Form von Schulstreiks weltweit medienwirksam zu Wort melden, die politisch Verantwortlichen zum ökologisch sinnvollen Handeln drängen, unterstützt von den „Profis“ (Scientists for Future - 23000 Wissenschaftler allein im deutschsprachigen Raum), kann man auch als einen Teil der Resonanzstrategie von Fritz Reheis deuten. Die Schülerinnen und Schüler haben die drängende Zeitdimension begriffen, darum ergreifen sie nun ihren „Kairos“: Es geht um ihre Zukunft!

Reheis selbst sieht sich mit seinem wissenschaftlich begründeten, ethischen Engagement – wie er offen bekennt – ausgespannt zwischen Pessimismus und Optimismus. Wie kann es sein, dass wir nun um alle relevanten Zusammenhänge der Klimakatastrophe wissen und dennoch mit der „Sintflut neben uns“ geruhsam business as usual betreiben?

Als ersten Schritt aus diesem Dilemma des homo sapiens schlägt Reheis eine Revolutionäre Pause vor: Individuell als willentliche Entscheidung zur Ruhe und Entspannung, eine Selbstbesinnung zur Stärkung des Einzelnen, seines personalen Kerns. „Tagträume, Mußestunden und längere Auszeiten können zu Keimen des Widerstands gegen das ziellose „Schneller, höher, weiter“ werden.“ (S. 355) Revolutionäre Pausen bilden für Reheis den Einstieg in die persönliche Resonanzstrategie: Sie sind Inseln der Entschleunigung, potentiell kreativ und das Fundament des persönlichen Beitrags für das Umlegen der Weiche zugunsten der Idee der Nachhaltigkeit. So kann die individuelle Selbstbesinnung die Suche nach einem Zeitbewussten Lebensstil befördern, und damit der erste Schritt zur Umkehr werden.

Die Revolutionäre Pause kann für Reheis auch kollektiv sinnvoll sein: So zeichnet er im Schlusskapitel die Vision einer sozialen und politischen Entschleunigungsbewegung: Wir können und sollen uns gewaltfrei, aber mit guten Argumenten in den politischen und zivilgesellschaftlichen Diskurs einmischen. Es gelte ganz konkrete, praktische Erfahrungen zu machen und sie miteinander zu teilen, „Geschichten des Gelingens“ (Harald Welzer) zu erzählen, weil „seit dem Urknall immer mal wieder ein kleiner Anstoß genügt hat, um aus der Kette der Wiederkehr auszubrechen und etwas Neues hervorzubringen.“ (S. 360)

In dieser Veröffentlichung werden tiefe Bretter gebohrt. Reheis erschließt uns einen geradezu enzyklopädischen Horizont, immer stringent anknüpfend an die Forschungsergebnisse relevanter Wissenschaften. Das erfordert beim Leser konzentrierte Ausdauer oder – wie der Autor vorsichtshalber selbstironisch anmerkt – „ein paar geistige Dehnübungen.“ (S. 29). Das faktenreiche Buch ist durchgängig lesefreundlich geschrieben. Außerdem wird es dem Leser ermöglicht, mit einem Fazit am Ende eines jeden Kapitels die komplexen Zusammenhänge für sich selbst noch einmal zu vergegenwärtigen, was eine sinnvolle Hilfe zur Vertiefung des gesamten Themenbereichs ist. Im Schlussteil informieren Anmerkungen auf 50 Seiten über die wissenschaflichen Quellen und bieten dem Autor Raum zu inhaltlichen Differenzierungen, die in den Kapiteln selbst zu weit führen würden.

Angesichts der globalen Klimakatastrophe hat Fritz Reheis ein beeindruckendes Buch veröffentlicht. Seine informative und zur Umkehr motivierende Botschaft überzeugt und kann der interessierten Leserschaft nur wärmstens empfohlen werden.

 

 

Fritz Reheis: Die Resonanzstrategie. Warum wir Nachhaltigkeit neu denken müssen. oekom verlag. 416 Seiten. 2019. 26 Euro

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