Kurzgeschichte

Die Rote Linie

01.10.2013 - Tariq Chaudhry

„Es ist schon fast zu spät!“ sagt sich Georg, als er die Tür hereinkommt. Sein Sohn erwartet ihn schon sehnsüchtig auf den Treppen des mehrstöckigen Ein-Familien Hauses. Fast wäre der kleine wieder eingeschlafen, ohne eine Geschichte von Georg erzählt zu bekommen. Geschafft vom Job, aber überglücklich seinen „Kleinen“ noch zu sehen, gehen sie gemeinsam nach einer kurzen liebevollen Begrüßung ins Kinderzimmer. Dort angekommen möchte der Kleine seinem Vater noch ein paar Dinge zeigen, die er für Mama und Papa gebastelt hat. „…aber Mama ist schon lange eingeschlafen“, kommt sein Sohn seiner Frage schon zuvor.

Mit verschlafenen Augen und einer etwas heiseren Stimme versucht Georg eine frei erfundene Geschichte zu erzählen. Improvisation fällt ihm nicht schwer, denn er ist Schauspieler am Berliner Ensemble. Bevor jedoch irgendetwas kommt, fragt sein Sohn: „Du, Papa? Warum gehen wir nicht mehr zu Opa?“ Georg ist etwas verwirrt und antwortet: „Ich hab dir ja schon mal erzählt, dass wenn wir alt werden, dann…“. Ungeduldig, hakt sein Sohn ein: „Ich weiß, dass Opa nicht mehr lebt. Wieso gehen wir nicht mehr zu ihm nach Hause? Da ist doch Oma und Onkel Boris und…?“ Das ist ein Thema, womit Georg überhaupt nicht gerechnet hatte: Das verlorenere Landgut. Daher unterbricht er die lange Aufzählung seines Sohnes: „Du?  Wolltest du nicht eine Gute-Nacht-Geschichte hören? Ich hab dir dass schon mal erklärt, dass das nichts für Kinder ist!“ Sein Sohn bleibt stur, will nicht locker lassen. Das erinnert ihn sofort an seinen kleinen Bruder Boris, der auch nie locker ließ alles an  sich riss. Sie verlebten zusammen eine behütete, aber konfliktreiche Kindheit.

Nach langem hin und her ist Georg zu müde, um mit seinem Sohn weiter zu diskutieren und willigt schließlich ein. Er hält seinen Sohn mit unwichtigem Gerede etwas hin, denn er muss seine Gedanken erst einmal selbst ordnen. Zu viel ist passiert. Die Ereignisse überschlugen sich, seit dem der Vater alt und gebrechlich geworden war und die Kontrolle über sein Landgut in der Nähe von Potsdam verlor. Lange kann Georg seinen Sohn nicht mehr hinhalten. Der Kleine wird ungeduldig und sagt: „Papa, ich bin keine drei mehr! Warum gehen wir nicht mehr hin?“ Georg müht sich, denn seinen Sohn wollte er nie in den Konflikt einweihen. Die Müdigkeit und seine aufgestaute Wut lassen ihn zu einer unbeholfenen Antwort hinreißen: „Weil Onkel Boris… uns nicht mehr mag!“ „Aber Onkel Boris habe ich heute im Supermarkt gesehen. Der sagte, dass wir ihn besuchen sollen“, antwortet sein Sohn prompt. „Das war ja so was von klar! Boris verstand es schon immer, alle auf seine Seite zu schlagen.“, denkt sich Georg. So auch vor drei Jahren. Das Landgut sollte an Georg gehen. Boris und seine Schwester, Lisa sollten zu gleichen Teilen ausbezahlt werden. Alles war schon geklärt. Boris jedoch hatte über Jahre dort gearbeitet und wollte nicht unter Georg als Gutsherren arbeiten. Abgelenkt von seinen Gedanken entgegnet Georg seinem Sohn: „Ja, er bleibt auch dein Onkel, aber Papa und Onkel Boris verstehen sich nicht mehr. Deswegen!“ Beharrlich fragt sein Sohn nochmal nach: „Warum?“ Georg hat viele Antworten. Die meisten davon reichen in die frühe Kindheit zurück.

Wieder einmal fühlte sich Georg hintergangen, wie damals. Und wie immer hatte Boris seinen Willen durchgesetzt und geschickt die anderen Familienmitglieder hinter sich gebracht. „Ich hab dir ja schon mal gesagt, dass streiten nicht gut ist. Es kommt aber mal vor, dass man sich nicht mehr versteht. Papa und Onkel Boris verstehen sich halt nicht mehr!“ Aufgewühlt von den Gedanken ist jetzt Georg hellwach. „Warum versteht ihr euch nicht? Ihr seid doch Brüder, oder nicht?“ „Toller Bruder, der einen hintergeht. Sich nicht an Abmachungen hält.“, verteidigte Georg sich in Gedanken. Erst vor kurzem war der Rechtsstreit, aber der Streit ist nicht beigelegt worden. Es ging nicht mehr nur um das Nutzungsrecht des Landguts, nicht nur um die entstandenen Anwaltskosten. Es ging um viel mehr, würden beide Seiten beteuern. Aber wie bringt man das herüber, ohne als quengelndes, stures oder egoistisches Kind dazustehen? Georg wagt den Versuch: „Wenn man älter wird, wird vieles komplizierter. Manchmal muss man für sein Recht kämpfen. Auch wenn es nicht schön ist. Auch wenn man jemand anderes sauer ist. Du wirst es nicht verstehen, aber es geht ums Prinzip.“ Hastig greift Georg zu den Wachsmalstiften in die Wachsmaler seines Sohnes, zückt einen Zettel  aus der Hosentasche und macht einen willkürlichen, aber geraden Strich durch das Papier und sagt: „Schau, so wie diese rote Linie! Die eine Seite steht für Onkel Boris und die andere für mich. Und wenn einer diese überschreitet, dann… ja, dann…“ Plötzlich bemerkt er, dass sein Sohn eingeschlafen ist. So friedlich schaut er aus, fast so als ob erlöst wäre von den Konflikten dieser Welt. Zärtlich streichelt Georg dem Kleinen durch das Haar. Es ist so ruhig, dass er das leise laufende Radio aus der Küche hört. Er kann den Titel und die Interpretin nicht ausmachen, aber er hört noch:

 

“…But the more I grow, the less I know…”

“…And the more I see, the less I grow…”                       

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