Rezension

Die Schmetterlingsdompteurin

01.08.2015 - Dr. Burkhard Luber

„Mein Körper hat geschrien. Ich habe ihn lange ignoriert. Ich habe ihn lange nicht verstanden. Ich habe ihn lange nicht ernst genommen. Doch ist es nicht meine Seele, die durch diesen Körper zu mir ruft und mich darauf aufmerksam machen möchte, dass er von mir einfach nur geliebt werden will?”

Auf diese Botschaft hin ist das Buch von Eva Vos geschrieben. Die Botschaft kommt weit hinten, am Ende des Textes. Davor stehen rund 150 Seiten, die von einer Odyssee der Autorin durch Wartezimmer bei Ärzten und Krankenhäuser erzählen, von quälenden Fragen nach dem Warum ihrer Krankheit heimgesucht und in Selbstgesprächen gefangen. Ein in mehrfacher Weise tapferes Buch. Es beschreibt eindringlich den Leidensweg mit der Diagnose Multiple Sklerose und es scheut nicht davor zurück, die Härten dieser Krankheit zu schildern. Nicht nur die körperlichen Schmerzen, sondern auch die Schatten des Selbstzweifels, die sich dabei über die Seele breiten und die Resignation über das Bündnis von Pharmaindustrie und medikamentenfixierter Ärzteschaft.

Vos hat ein sehr persönliches Buch geschrieben. Sie redet den Leser mit „du” an, bezieht ihn in ihre Reflexionen mit ein, stellt Fragen an den Leser. Und scheut sich nicht, ehrlich zu sein – auch bei den Dingen im Krankheitsverlauf, die wenig schön waren. Die Geschichte der Krankheit ist ein Aspekt des Buches. Ein anderer ist die Geschichte, wie Vos mit ihr umgeht. Zunächst emanzipiert sie sich von der Schulmedizin und wendet sich der Homöopathie zu. Sie ist erstaunt und erfreut, einen welch großen Umfang die Anamnese bei der Homöopathie einnimmt (schön dargestellt im Gedicht „Darf es noch eine Frage mehr sein?”). Aber auch hier stellt sich nicht das große Wunder ein. Das Gefühl der Schwere, die Antriebslosigkeit, der Widerwillen von anderen Menschen berührt zu werden (welche Qual für eine liebevolle Mutter!) – all das schnürt Vos die Lebensqualität ab, lässt sie immer hoffnungsloser und depressiver werden. „Ich war ganz unten angekommen”, fasst Vos diese Situation zusammen und in einer ihrer Wort-Collagen liest man: „Meine Tage bestehen aus aufstehen, sitzen, warten, essen, sitzen, warten, aufstehen, essen usw.” Dann rutscht Eva Vos MS-bedingt eines Morgens auf der Treppe aus, fällt hin und bricht sich den Oberarm und die Schulter. Nun beginnt die Tortur des Krankenhausaufenthaltes, wo es zwar alle so „gut” mit der Patientin meinen, aber letztlich doch kein Gespür für den Menschen jenseits von OP und Medikamenten haben. „Hoffnung, wo krieg ich dich nur her?” fragt ein verzweifeltes Gedicht. Aber auf dieser untersten Stufe des Leidens schreibt Vos auch ein anderes, ein schönes Gedicht mit der dialektischen Überschrift „Selber schuld”. Es beginnt mit der Zeile „Wenn man merkt, dass man an allem selber schuld ist”, und der Leser ist vielleicht schon etwas gelangweilt, weil er nur ein neues Kapitel in diesem ganzen Schreckensszenario vermutet. Aber in der Mitte des Gedichtes steht: „Du bist die Lösung, du selbst kannst dich heilen.” Das ist für Vos der Durchbruch. Sie formuliert es humoristisch: „Der Virus heißt EVA.”
Dieser Erkenntnis widmet die Autorin die letzten dreißig Seiten ihres Buches. Da ist von Engeln die Rede, an die Vos zu glauben beginnt, weil sie sich von ihn geführt sieht – z.B. heraus aus der Macht der Männer in den weißen Kitteln (die – so Vos – gar nicht so mächtig sind). Aber auch heraus aus dem Allmächtigkeitswahn, mit dem unsere Kultur meint, alles managen zu können: Glück, Erfolg, Gesundheit. Ab Seite 125 wird der Stil des Buches noch dezenter und reflexiver als bei der vorausgegangenen Schilderung der Krankheitsgeschichte. Von „Loslassen” ist viel die Rede, von „Abgeben”, von „Sich Führen Lassen”. Die Autorin schreibt: „Ich begann meinen Verstand auszuschalten und überließ den Rest der Intuition.” Darin sieht Vos den Durchbruch ihres Lebens und lädt uns ein, sich von den herunterziehenden negativen Sätzen („das schaffst du nie, das war schon immer so, da kann man nichts machen”) zu verabschieden und den persönlichen Lebensentwurf konsequent in die eigene Hand zu nehmen: „Im Vertrauen darauf, dass unser Leben genau weiß, was gut für uns ist.” So verblassen abstrakte Buchweisheiten und das Ich mit seiner „inneren Weisheit” rückt in den Mittelpunkt des Lebens. Nicht von ungefähr steht gerade zwischen den Textseiten dieses Teils das schöne Gedicht mit dem wegweisenden Titel „Hier und Jetzt” mit seinen Schlusszeilen: „Glaube an dein Ich und lerne, wer du wirklich bist.”

Ein überzeugendes Buch, weil es überaus engagiert geschrieben ist. Keine langweiligen Bandwurmsätze, die uns eherne Grundsätze beibringen wollen, sondern eine charmante Einladung, die Autorin auf ihrem persönlichen Weg zu begleiten. Ein Weg, der das Leiden nicht negiert, aber nicht in selbstquälerischem Pessimismus stecken bleibt, sondern die bleierne Schwere der Schmerzen hinter sich lässt und Zug um Zug Vertrauen zum Ich gewinnt.

Eva Vos: Die Schmetterlingsdompteurin. bge-verlag München. 160 Seiten. 2015. Euro 18.90

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