Gedicht

Die Stadt

01.06.2016 - Astrid Knauth

Menschen rauschen an dir vorbei,
Gerüche steigen in die Nase allerlei.
Auto an Auto fährt durch die Straßen,
einige langsam - andere rasen.
Häuserreihen verschränken dir den Blick,
siehst den Himmel mit dem Kopf im Genick,
triffst Freunde, Bekannte und Fremde,
ihre Geschäftigkeit spricht Bände.
Es scheint, als schwebe deine Seele über der Stadt –
Entfesselt dem Gewühl leuchtet sie ganz matt.

Du siehst dem Strom von Ferne zu –
Wann schläft sie? Wann kommt sie zur Ruh‘?
Wer sieht die Bettler, die sitzen an der Ecke?
Wer hilft der Frau, die umkippt auf halber Strecke?
Hast du das Kreischen aus jenem Fenster gehört?
Hat es deinen Gang nicht irgendwie gestört?
Siehst du die Tränen in den Augen von diesem Kind?
Oder bist du als Außenstehender dafür einfach nur blind?
Entdeckst du Freude, Trauer, Wut und Angst in den Gesichtern?
Weißt du um all die Geschichten hinter den Fassaden und Lichtern?

Die Enge der Straßenbahnen und Busse erdrückt dich –
Siehst du die Frau, den Mann, das Kind an sich?
Nimmst du sie noch einzeln wahr oder als Masse?
Erkennst du das wahre Ich oder nur eine Maske?
Vielleicht sitzt vor dir ein Betrüger, Kinderschänder oder gar Terrorist –
Vielleicht braucht derjenige deine Hilfe oder gilt als vermisst?
Wenn man dich später fragt, wer vor dir saß,
weißt du es noch oder warst du es, der vergaß?
Blickst du auf dein Handy ganz desinteressiert an der Umgebung?
Hast du Stöpsel im Ohr, damit du nichts empfindest als Störung?

Hast du den hilfesuchenden Blick der älteren Dame gesehen?
Vielleicht braucht sie deine Hilfe, um über die Straße zu gehen –
Vielleicht sollst du ihr etwas tragen nur ein Stück?
Wenn du in ihrer Situation wärst, was wär‘ dein Glück?
Wann hast du das letzte Mal innegehalten?
All die Menschen, Autos – deine Umgebung – wirklich gesehen?
Hast du jemals einen Gang zurück geschalten
Und in einer dieser Situationen einfach nicht weggesehen?
Warum glaubst du, über all dem zu stehen?
Willst du, dass es dir wird einmal so gehen?


Jeden Tag mindestens eine gute Tat –
Und zwar bevor man dich darum bat!
Warum nimmst du dich selbst so wichtig –
Erscheint dir das jetzt wirklich richtig?
Schau einmal von außen drauf -
bist ein so kleiner Teil im Verlauf.
Mag sein, dass deine Taten nur wenig nützen,
doch einige werden sie in ihrem Leben stützen.
Dinge, an denen du vorbeigegangen bist,
kannst du nicht rückgängig machen - nur bereuen,
statt daran festzuhalten, solltest du ein Licht streuen,
daraus zu lernen heißt, dass du nicht vergisst.
Wenn dieses Strahlen geht von innen aus,
dann bist du all diesen Menschen weit voraus!

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