Kommentar

Die Ungerechtigkeit des Klimas

15.04.2019 - Natalie Shiro Beck

Die Tatsache, dass die Ursachen und die Auswirkungen des Klimawandels sich auf unserem Erdball nicht proportional verteilen, ist keine Neuheit. Dennoch offenbart die Vielzahl an Negativreaktionen auf die “Fridays for future”-Proteste, die vorherrschende Ignoranz dafür, dass es schon längst nicht mehr um “future”, also die Zukunft geht, sondern schon heute eine Sache von Leben und Tod ist.

Seit Monaten gehen weltweit Kinder und Jugendliche freitags während der Unterrichtszeit für den Klimaschutz auf die Straße. Anfang März demonstrierten in Hamburg nach Angaben der Veranstalter fast 10.000 Schülerinnen und Schüler angeführt von der mittlerweile für den Nobelpreis nominierten Schwedin Greta Thunberg.
Nur wenige Tage später brach der zerstörerische Zyklon Idai über die mosambikanische Hafenstadt Beira ein. Ich weiß, der Klimawandel hat Idai nicht verursacht. Zyklone gehören seit jeher zu den Wetterphänomenen der Region und in den vergangenen Jahren haben sie nicht zugenommen. Aber der Klimawandel hat die Folgen der Katastrophe maßgeblich verschlimmert. Zyklone ziehen ihre Energie zum Teil aus der Temperatur der Wasseroberfläche der Meere. Steigende Temperaturen beeinflussen somit ihre Intensität, die Windhöchstgeschwindigkeit, die Stärke der Regenfälle sowie die Höhe der Flutwellen. Auf bis zu sechs Meter türmten sich diese, als Idai über Mosambik nach Malawi und Simbabwe landeinwärts zog. Hunderte, womöglich über tausend Menschen ertranken, Hunderttausende sind obdachlos, Tausende von der Außenwelt abgeschnitten und die zweite Welle der Katastrophe steht erst bevor: Große Teile der Ernte sind vernichtet und das nur langsam abebbende Flutwasser ist der ideale Herd für epidemische Krankheiten wie Cholera. Schon jetzt gilt Idai als eine der folgenschwersten Naturkatastrophen ihrer Art.


Zyklon Idai ist jedoch nur das jüngste Extremwetterereignis, das die Region in Mitleidenschaft zieht. 2016 war es der Wetterzyklus von El Niño, von dem angenommen wird, dass er der stärkste seit 50 Jahren war, der die Ernährungssicherheit im südlichen Afrika stark beeinträchtigte. Laut der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation führten die trockenen Wetterbedingungen in großen Gebieten Simbabwes, Malawis, Sambias, Südafrikas, Mosambiks, Botswanas, Lesothos, Swasilands und Madagaskars damals dazu, dass sich rund 32 Millionen Menschen die Ressourcen zur Beschaffung von Nahrungsmittel nicht leisten konnten. Vergangenes Jahr machte eine Dürre, durch Bevölkerungswachstum und Klimawandel, Kapstadt beinahe zur ersten Millionenmetropole der Welt, der das Wasser zur Neige ging.


Der Klimawandel ist damit auch eine Triebfeder der steigenden Migration. Einem Bericht der Weltbank zufolge könnten allein in Subsahara-Afrika, Lateinamerika und Südasien zusammen mehr als 140 Millionen Menschen bis 2050 durch Dürren, Missernten, Sturmfluten und steigende Meeresspiegel ihr Zuhause verlieren. Schon heute gilt der Klimawandel beispielsweise in Somalia, obgleich ein vom Bürgerkrieg zerrütteter Staat ohne funktionierende Zentralregierung, als Hauptfluchtursache. Seine Folgen zeigen sich dort darin, dass es keine verlässlichen Regenzeiten mehr gibt, in schweren Dürren und folglichen Hungersnöten.

Der Klimawandel wird oft als ein Problem beschrieben, das zukünftige Generationen betreffen wird. Doch viele stehen den verheerenden Folgen bereits jetzt gegenüber.
Die Vereinten Nationen schätzen*, dass 4,2 Milliarden Menschen in den letzten zwei Jahrzehnten von wetterbedingten Katastrophen betroffen waren, wobei Länder mit niedrigem Einkommen die größten Verluste erlitten. Viele der Ärmsten der Welt leben nahe des Äquators. Hier herrschen bereits hohe Durchschnittstemperaturen. Laut einer Studie aus Geophysical Research Letter aus dem Jahr 2018** bedeutet dies, dass ein winziger Temperaturanstieg dort umso spürbarer ist und zu härteren Auswirkungen führen kann.


Anhand von Klimamodellprojektionen stellten die Forscher der Universitäten Melbourne und Oxford fest, dass, selbst in dem Fall, dass die durch das Pariser Abkommen festgelegte Begrenzung des Temperaturanstiegs von 1,5 oder 2 Grad Celsius erreicht wird, Länder wie Indonesien oder die Demokratische Republik Kongo die Veränderungen durch die globale Erwärmung deutlich heftiger spüren würden als Länder in höheren Breitengraden, wie etwa Deutschland. Zur selben Zeit sind es die reichen Länder der Welt, die die meisten Emissionen erzeugen. Durch Verbrennung fossiler Brennstoffe und durch moderne landwirtschaftliche Praktiken verursachen die EU, die USA und China, also kaum ein siebtel aller Nationen und weniger als ein drittel der Weltbevölkerung, alleine rund 52% der klimawandelbedingenden Emissionen***.

Auch wenn zur Zeit verstärkt im Gespräch, ist der Klimawandel seit Jahrzehnten ein aktuelles Thema, Klimagerechtigkeit hingegen eine relativ neue Auffassung. Der Ausdruck “climate justice” fand in den 1980ern in den USA erstmalig Verwendung. Damals richtete sich der Fokus bei der Protestbewegung gegen Giftmüll und Verschmutzung in Armenvierteln zum ersten Mal auf die Forderung nach Gerechtigkeit für die marginalisierten Bevölkerungsgruppen, die unverhältnismäßig stark von Umweltzerstörung betroffen waren. Heute wird das Konzept der Klimagerechtigkeit hauptsächlich in einem globalen Kontext angewandt, wenn es um die Verteilung ethischer, wirtschaftlicher und politischer Verantwortung für das Weltklima geht.

Der Begriff Klimarassismus polarisiert. Keiner lässt sich gerne als Rassist bezeichnen. Sogar AfD-Wähler*innen äußern Sätze die beginnen mit: “Ich bin wirklich kein Rassist aber…”. Doch sobald man erkennt, dass Rassismus nicht alleine die fremdenfeindliche Ideologie ist, sondern auch die Basis, für das System von Abhängigkeiten, auf das unsere die globalisierte Wirtschaft aufgebaut ist, wird klar, dass Rassismus und Klassendiskriminierung untrennbar mit dem Klimawandel verbunden sind - und zwar nicht nur mit den Ursachen, sondern auch mit den Folgen. Der Klimawandel verstärkt den Wettstreit um die Ressourcen: Wasser, Nahrungsmittel, Weideland. Daraus entwickeln sich Konflikte und Konflikte werden durch Macht und Einfluss gewonnen.

Es ist Zeit, den Klimawandel als eine komplexe Frage der sozialen Gerechtigkeit zu betrachten und nicht nur als ein reines Umweltproblem. Umweltaktivismus wird nur Erfolg haben, wenn ein Teil seiner Aufmerksamkeit umgelenkt wird von Schuldzuweisungen gegen ungenügend regulierte Industrien, auf eine Wahrnehmung des Umweltschutzes als eine globale soziale Verantwortung die keiner ignorieren kann. Klimaschutz beginnt damit, einzugestehen, was die wahren Gründe dafür sind, dass wir tagtäglich ignorieren, dass woanders auf der Welt bereits Menschen sterben und Leben auf dem Spiel stehen.

 

*Vgl. https://www.un.org/sustainabledevelopment/blog/2016/10/report-inequalities-exacerbate-climate-impacts-on-poor/

** Vgl. https://agupubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1029/2018GL078430

*** Vgl. https://www.globalcarbonproject.org/carbonbudget/18/files/GCP_CarbonBudget_2018.pdf

 

 

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