Rezension

Die Unruhe der Welt

15.06.2015 - Dr. Burkhard Luber

„Was ist das für eine Kultur, die sich, ohne dies jemals beschlossen zu haben, der Unruhe verschrieben hat? Und wie ist sie zu diesen Vorentschiedenheiten, die in keinem Katechismus, keinem Verfassungstext oder sonstigem Verhaltenskodex festgeschrieben, gekommen?”

Dieses Zitat beschreibt eindrücklich das Thema des neuen Buches von Ralf Konersmann. Es setzt an einem merkwürdigen Widerspruch unserer Kultur an: Einerseits unterwerfen wir uns mehr oder weniger widerstandslos den Diktaten ständiger Flexibilität und Erreichbarkeit und nehmen es hin, dass im gesellschaftlichen Wertekatalog Stillstand bereits als Rückschritt diffamiert wird. Andererseits stapeln sich bei uns Ratgeber gegen Burnout und Bücher über Gelassenheit, Entschleunigung und Slow Food. Mit Hamlet gesprochen scheint die Zeit aus den Fugen geraten zu sein. Es fehlt eine konsequente, tiefschürfende Analyse der Monopolstellung der Unruhe in ihrer Eigenschaft als Handlungs-Leitprinzip und als Reflexions-Referenzpunkt.

Diese Lücke im Perspektiven-Spektrum aktueller Kulturkritik thematisiert Konersmann. Mit großer Akribie geht der Kieler Professor der philosophiegeschichtlichen Entwicklungen des Begriffspaars „Ruhe“ und „Unruhe“ nach, von seinen mythologischen Ursprüngen, über die Behandlungen in den Geschichtsepochen bis zum „Sieg” der Unruhe in unserer Zeit. Konersmann fragt wie es der Unruhe gelang zum allbeherrschenden, nicht mehr hinterfragten Postulat unserer Kultur zu werden, das uns rund um die Uhr zur ständigen Mobilität zwingt. Diese Frage bearbeitet er mit der Methode der „Philosophie-Genealogie”. Es geht dabei weniger um Kritik an der Unruhe und Rezepten gegen ein unruhiges Leben, als um die Analyse eines kulturellen Phänomens und seiner Wurzeln.

Am Anfang der Unruhe-Geschichte steht der biblische Mythos einer doppelten Vertreibung: Erst werden Adam und Eva aus dem Paradies der Ruhe vertrieben und mit dem Fluch der ewigen Mühe bestraft. Danach findet die Vertreibung des Brudermörders Kain statt, dem verheißen wird: “Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein”. Nicht zufällig flieht Kain in das Land Nod, das nach dem hebräischen Begriff für „Unruhe“ benannt ist. Der Mythos deutet die Vertreibung aus dem Reich der Ruhe als Konsequenz der menschlichen Sündhaftigkeit. Der Zustand der Unruhe wird als hinzunehmendes Schicksal begriffen. Im Zuge neuer „unruhiger” Kultur-Errungenschaften, wie z.B. dem Buch, dem Kompass und der Uhr wurde dieses Deutungsmuster unterminiert. Unruhe galt nun nicht mehr als Strafe, sondern als Notwendigkeit, um  aus dem Bereich der Sünde in ein Land ungeahnter Möglichkeiten zu gelangen. Nicht von ungefähr war das Wort „Revolution” zunächst ein astronomischer Begriff, bevor er als kulturelles und politisches Schlagwort Karriere machte. Spätestens seit der Neuzeit orientiert sich menschliche Sinnfindung, Arbeit und Politik nicht mehr am Mythos des menschlichen Sündenfalls, sondern an der Differenz zwischen Faktischem und Möglichem. Die Verheißung lautet: Wenn wir uns nur richtig anstrengen, wird alles schneller, besser und glücklicher. So wird die Unruhe vom Makel der Sündhaftigkeit befreit. Sie ist nicht länger ein Fluch, sondern wird als Chance zum Besseren verstanden, weil das Bessere nicht mehr durch einen Glauben an die Götter garantiert wird, sondern vom Menschen selbst erreicht werden muss. So generiert die schöpferische Unruhe das beruhigende (!) Bewusstsein, dass der einzelne Mensch und mit ihm die ganze Menschheit vorankommt.

In dieser Auffassung sind sich der Kapitalismus, als die am weitesten entwickelte Produktionsform in der Geschichte und sein schärfster Kritiker, Karl Marx, einig. Auf der einen Seite der Kapitalismus mit seinem Prinzip des immer größeren und schnelleren Umschlags von Produkten mit Hilfe neuer Technologien und auf der anderen Seite Marx mit seinem Aufruf, dass sich dies ändern sollte. Konersmann nennt philosophische Alternativen zur Herrschaft der Unruhe, darunter: Seneca und die Stoa, Brechts Herr Keuner und Walter Benjamin. Alle drei kommen jedoch bemerkenswert schüchtern daher. Keiner von ihnen kann sich ernsthaft gegen das Diktat der Unruhe behaupten.

Besonders eindrucksvoll ist Konermanns Schlußkapitel, in dem er nicht nur ein Resümee seines Buches zieht, sondern die eindrucksvolle Siegesgeschichte der Unruhe auch in den Kontext der Gegenwart einbettet. Der Autor konstatiert, dass nach dem Ende der christlichen Heilsgewissheit in der Moderne kein neues Projekt an deren Stelle getreten ist. „Die modernen westlichen Gesellschaften existieren ohne die Basis eines positiv bestimmten Konsenses”.

Dennoch sind die großen Erzählungen der Vergangenheit weiterhin präsent. Ihnen fehlt jedoch der dogmatische Unterbau und die Ideologie von Exklusivität. Außerdem ist ihre Präsenz eine andere als früher. Sie können weder auf selbstverständliche, nicht zu hinterfragende Akzeptanz pochen, noch wird es toleriert, wenn sie sich in gerader Linie auf ihre Herkunft berufen. Das Kulturprimat der Unruhe hat unser Bedürfnis nach Relevanz und Verlässlichkeit nicht abgeschafft, sondern nur die Erfüllung des Bedürfnisses verlagert.

Kategorien der modernen Gesellschaft wie Gleichheit, Transparenz, Kreativität und Bewegung sind letztlich Erbschaften des Mythos und widerlegen die verbreitete, aber vorschnelle Konstatierung, dass der Mythos vom Logos abgelöst sei. Zwar hat der Mythos in der Moderne nicht mehr den dogmatischen Anspruch unhinterfragt gültiges Orientierungsmedium zu sein; mythische Chiffren dringen aber paradoxerweise weiterhin in vielfältiger Weise in die Öffentlichkeit ein, sei es über Parteiprogramme, durch die Werbung oder mittels der medialen Traumwelt.

Ohne dass wir uns noch erinnern, schwingen bei diesen programmatischen Mythen-Resten Erwartungen mit, die weit über das lexikalische Wort hinausgehen. Freilich schöpfen sie ihre ungebrochene Macht in der Moderne nicht mehr aus dem archaischen Ursprung des Mythos, sondern aus ihrer Nicht-Mehr-Ableitbarkeit, durch die sie zu Konfliktkategorien geworden sind. Nicht von ungefähr hat der Begriff der „Deutungshoheit” in der politischen Rhetorik so große Prominenz gewonnen. Dazu bemerkt Konersmann treffend: „In der modernen Gesellschaft wird nicht gegen die Restbruchstücke des Mythos, sondern um sie gekämpft!“

Wie kam es dazu, dass sich die westliche Kultur als eine Kultur der Unruhe verstehen lernte und diese Unruhe zu einer Selbstverständlichkeit wurde. Konersmanns Antwort im Schlußkapitel: Aus dem Mythos der verlorenen (Paradies-)Ruhe und aus der Umdeutung der Arbeit von einem Fluch in eine Chance, hat sich die Unruhe zwischen die Pole Erwartung und Befürchtung geschoben. Die Herrschaft der Unruhe ist auf dem Widerspruch zwischen Sorge/Angst und Erwartung/Zuversicht aufgebaut. Weder kam die Unruhe wie ein abrupter Tempowechsel in unsere Kultur, noch ist sie eine Entfremdung. Im Gegenteil: Seitdem der Verlust der Ruhe nicht mehr als Bedrohung gefürchtet war, sondern Grundlage neuer Gestaltungsmöglichkeiten wurde (und das geschah schon sehr früh), ist die Unruhe ein konstitutives Element der europäischen Zivilisation.

Heute ist die Unruhe die unangefochtene Siegerin. Sie muss sich nicht mehr rechtfertigen. Ihr Versprechen ist allgemeingültig: Die Dinge bleiben nicht so wie sie sind, sie müssen und werden sich ändern. So infiziert die Unruhe über die Rhetorik die gesamte Gesellschaft. Flexibilität, Bewegung und Verfügbarkeit sind heute Chiffren, die nicht nur auf den Führungsetagen der Konzerne  benutzt werden, sondern auch in gesellschaftskritischen Widerstandsbewegungen.

Dennoch stecken für Konersmann hinter der Allmacht des Veränderungswahns immer noch Reststücke der Ruhe. In der normalen Welt wird das Verlangen nach Ruhe allenfalls im kulturellen Monument eingelöst, das dem „absoluten Fluss” Bruchstücke von Bedeutsamkeit, Verbindlichkeit und Verlässlichkeit abringt. So ist es nur logisch, wenn Konersmann am Schluß Hölderlin zitiert, der einst ausrief: „So eile denn zufrieden”. Die Unruhe wird von uns weder verklärt noch verdammt. Wir lassen uns auf sie ein. Dies geschieht nicht aus Ärger oder Verzweiflung, sondern aus dem Wunsch nach Zufriedenheit. So entsteht eine Ruhe zweiten Grades und mit ihr eine neue Form der Unruhe, die ihr Maß kennt und dadurch ihre Bedrohlichkeit verloren hat.

Konersmann hat ein großartiges Buch geschrieben. Mit bestechender Logik entschlüsselt er an Hand einer einzigen Kategorie die Menschheitsgeschichte. Und er tut dies nicht indem er die Geschichtsepochen mühsam an sein Konzept angleicht, sondern indem er die Geschichte der Unruhe von ihren mythologischen Ursprüngen bis zu ihrer gegenwärtigen Weltherrschaft entfaltet. Konersmann arbeitet dabei behutsam, nie besserwisserisch und mit ungemeiner Stringenz. Dass dabei die Spannung beim Lesen nicht erkaltet, beruht auf seinem abwechslungsreichen Stil: Oft mit großer analytischer Strenge und Pädagogik, dann aber auch mit Leichtigkeit und Ironie.

Konersmann gibt offen zu, dass sich die Monographie auf die europäische bzw. westliche Kultur konzentriert. Interessant wäre es sicher, das Thema auch in einem außereuropäischen Kontext zu analysieren, z.B. in dem Spannungsbogen zwischen buddhistischer Philosophie (die der Erleuchtungsruhe eine zentrale Bedeutung zumisst) und dem High-Tech-Land Japan. Hier könnte der Topos des Flusses noch einmal dialektisch werden. Nicht nur im Sinne des „Alles fließt”, sondern auch als Zeichen für die ewige Wiederkehr. (Zum Vergleich sei auf das Bild des Fährmanns in Hermann Hesses Siddhartha verwiesen.)  

Irritiert hat den Rezensenten, dass es Niklas Luhmann in diesem Buch nur zu einer einzigen Fußnote gebracht hat, obwohl sich der Philosoph mehrfach intensiv mit dem Schnelligkeits-Wahn auseinandergesetzt hat. Dieser kleine Kritikpunkt mindert aber keinesfalls die sprachliche Sensibilität und argumentative Wucht des Werks.

Das Buch von Konersmann mutet dem Leser mit seinem Materialreichtum und seiner detaillierten Beweisführung allerhand zu, belohnt ihn aber auch mit einer innovativen und überzeugend dargelegten Perspektive auf über zweitausend Jahre Menschheitsgeschichte.

Ralf Konersmann: Die Unruhe der Welt. 461 Seiten. S. Fischer Verlag 2015. 24.99 Euro

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen