Sprachkolumne

Die vielen Gesichter des Internets

01.11.2021 - Daniela Ribitsch

Wohl die meisten von uns können sich ein Leben ohne Internet nicht mehr vorstellen. Dabei gibt es das Internet für die breite Masse ja noch gar nicht so lange, noch nicht einmal dreißig Jahre. Da das Internet also noch so jung ist, gleicht es – im Gegensatz zu unser Offline-Welt – eher dem gesetzlosen Wilden Westen.

Freilich gibt es auch in der Online-Welt Gesetze, doch das Internet hat sich so rasant entwickelt – und entwickelt sich immer noch in solch einem hohen Tempo weiter –, dass die Politik merklich hinterherhinkt und der Großteil unserer virtuellen Welt nach wie vor ungeregelt ist. Durch fehlende Gesetze und Regelungen präsentiert sich uns das Internet mit einer unglaublichen Vielzahl an unterschiedlichen Gesichtern, die nicht nur freundlich und uns wohlgesinnt sind, sondern auch bösartig und zerstörerisch sein können. Im Folgenden sehen wir uns ein paar dieser Gesichter anhand einiger Beispiele an: die freie Meinungsäußerung, die online immer wieder für Hassreden missbraucht wird, das Dark Web, dem zu Unrecht ein schlechter Ruf vorauseilt, und die Online-Datenbank Inspirationbase, die mit inspirierenden Reden zur Gestaltung einer gesünderen und gerechteren Welt motivieren möchte.

 

Freie Meinungsäußerung

Die freie Meinungsäußerung ist unbestritten ein menschliches Grundrecht. Im Internet allerdings verwechseln einige Menschen „freie Meinungsäußerung“ mit diskriminierender und hasserfüllter Sprache. Solch eine Sprache beleidigt. Solch eine Sprache schüchtert ein. Solch eine Sprache verletzt. Solch eine Sprache ist NICHT Teil unserer freien Meinungsäußerung!

Wie die Journalistin Ingrid Brodnig in ihrem Buch Einspruch!1 schreibt, gibt es immer wieder Menschen, die diffamierende Kommentare oder Drohungen posten und behaupten, sie machten von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch und das Löschen ihrer Kommentare gleiche einer Zensur. Doch wenn TeenagerInnen Selbstmord begehen, weil sie online bloßgestellt werden, oder Frauen Nachrichten erhalten, dass sie wegen einer anderen Meinung brutal vergewaltigt werden sollten, so können wir das kaum als „freie Meinungsäußerung“ bezeichnen. Solche Kommentare sind zweifelsohne hasserfüllt und daher vollständig abzulehnen!

Im Internet ist die Benutzung einer solch feindseligen Sprache viel einfacher als von Angesicht zu Angesicht. Der Psychologe John Suler schreibt dies einem Empathieverlust zu, ausgelöst durch fehlende nonverbale Signale wie Augenkontakt, Stimme, Mimik und Gestik. Zudem erscheint das Internet vielen BenutzerInnen viel mehr wie ein Spiel als die reale Welt. Und da TäterInnen kein sofortiges Feedback auf ihre feindseligen Kommentare erhalten – wie dies im persönlichen Gespräch der Fall wäre –, sehen sie den durch ihre Kommentare verursachten Schmerz auch nicht.

Sogar online bedeutet „freie Meinungsäußerung“, anderen Menschen unsere eigenen Ansichten respektvoll und höflich mitzuteilen. Unterschiedliche Meinungen zu hören ist wichtig, damit wir unsere eigenen Argumente und Perspektiven überdenken. Da diskriminierende und beleidigende Kommentare aber konstruktive Diskussionen zerstören, sollten wir Facebook, Twitter etc. solche Kommentare melden. Weiters sollten wir während einer Online-Diskussion andere TeilnehmerInnen auf Hasskommentare hinweisen und eine gesittete Gesprächskultur einfordern. Und auch auf unserer eigenen Website sollten wir bei Hasskommentaren eingreifen. Denn Respekt und Höflichkeit sind die einzig akzeptablen Zutaten einer jeden Konversation – sogar wenn wir unser Recht der freien Meinungsäußerung online ausüben!

 

Das Dark Web

Um die Ausübung ihrer freien Meinungsäußerung, also um respektvolle und kritische Diskussionen, ohne dabei Angst vor Zensur oder gar politischer Verfolgung haben zu müssen, geht es vielen UserInnen des Dark Web. Waren Sie vielleicht auch schon einmal im Dark Web, liebe LeserInnen? Diesem angeblich so ruchlosen Ort im Internet, wo Kriminelle ihr Unwesen treiben? Nun, das Dark Web heißt nicht deshalb „dark“, weil dort illegale Dinge vor sich gehen. Es wurde deshalb „dark“ genannt, weil dieser Teil des Internets so gut versteckt ist, dass unser gewöhnlicher Browser keinen Zugriff darauf hat. In erster Linie dient das Dark Web – entgegen der allgemeinen Auffassung – als sicherer Ort für all jene, die anonym bleiben möchten, weshalb die Dark-Web-Experten Matthew Beckstrom und Brady Lund die Bezeichnung „anonymes Web“ bevorzugen.

„Anonym“ definiert der Duden mit „ungenannt, ohne Namensnennung, durch Fremdheit geprägt, unbekannt“. Tatsächlich ist diese Anonymität ein unschätzbar wertvolles Gut für EnthüllungsjournalistInnen und WhistleblowerInnen, aber auch für Menschen in Ländern, wo Überwachung und Zensur jegliche Meinungsfreiheit unterbinden. Und sogar in Ländern wie Deutschland, wo Google, Facebook, WhatsApp, Twitter & Co. jeden unserer Schritte verfolgen und mit diesen über uns gesammelten Informationen horrende Summen verdienen.

Wir alle dürfen das anonyme Web nutzen, sofern wir – logischerweise – nicht an irgendetwas Illegalem teilnehmen. Freilich passiert dort Illegales, aber das tut es auch im gewöhnlichen Internet. Um das anonyme Web zu betreten, brauchen wir einen speziellen Browser. Der beliebteste ist Tor; er wurde ursprünglich vom U.S. Naval Research Laboratory zur sicheren Kommunikation entwickelt. Andere Browser sind Freenet, wo BenutzerInnen Informationen, die in Ländern ohne Meinungsfreiheit zensiert werden würden, miteinander teilen, sowie das Invisible Internet Project, das die anonyme Kommunikation zwischen unterdrückten JournalistInnen und WhistleblowerInnen erlaubt.

Wenn Sie noch nie im anonymen Web waren, sollten Sie es einmal ausprobieren. Ich möchte Ihnen dafür Beckstromsund Lunds englischsprachigen LeitfadenCasting Light on the Dark Web: A Guide for Safe Exploration ans Herz legen. Das ist ein prima Begleiter für die ersten Schritte im anonymen Web.- Also, keine Angst und viel Spaß auf Ihrer Erkundungsreise durchs Dark Web!

 

Inspiration finden

Vielleicht treffen Sie ja auf Ihrer Entdeckungsreise im Dark Web – oder auch im gewöhnlichen Internet – auf die eine oder andere respektvolle und konstruktive Diskussion, die Sie zum Nachdenken anregt. Denn auch das kann das Internet: einen Raum für Inspiration bieten. Was bedeutet Inspiration für Sie eigentlich, liebe LeserInnen? Für mich bedeutet Inspiration, eine neue Perspektive auf unsere Welt zu erlangen und meinen momentanen Lebensstil freiwillig für eine gesündere und gerechtere Welt verändern zu wollen. Solch eine Inspiration kann durch die Taten oder Worte einer anderen Person ausgelöst werden. Und tatsächlich werden viele von uns durch die Worte anderer Menschen inspiriert, weil Wörter unglaublich vielseitig und mächtig sind. Ein gemeines Wort beispielsweise kann uns tief verletzen, wohingegen ein warmes Wort unsere Laune heben und ein inspirierendes Wort uns zum Verlassen unserer Komfortzone motivieren kann.

Da wir Menschen weiterhin unsere Erde aufheizen, das Zuhause von menschlichen und nichtmenschlichen Tieren zerstören, für das weltweite Massensterben verantwortlich sind und einige Menschen besser als andere behandeln, braucht die heutige Welt wahrlich Inspiration für einen dringend notwendigen Richtungswechsel. In der Hoffnung, viele Menschen inspirieren zu können, hat die International Ecolinguistics Association (IEA)2 eine kostenlose Online-Datenbank mit dem Namen Inspirationbase ins Leben gerufen. Inspirationbase ist eine Sammlung jüngster Reden von Persönlichkeiten wie Oprah Winfrey, John Lewis, Papst Franziskus, dem Dalai Lama und Peter Singer, die sich für die Gesundheit unserer Erde und das Wohlbefinden aller menschlichen und nichtmenschlichen BewohnerInnen einsetzen.

Diese Reden haben mich einige meiner Perspektiven überdenken und andere wiederum vertiefen lassen. Ich bin zweifelsohne als Person gewachsen und fühle mich nun noch motivierter, meinen Teil für eine bessere Welt zu leisten. Worte allein haben dieses persönliche Wachstum und diese Motivation in mir ausgelöst. Worte, die mich davon überzeugten, dass Veränderung nicht nur notwendig, sondern auch möglich ist.

Ich lade Sie ein, liebe LeserInnen, die Inspirationbase einmal zu besuchen: www.ecoling.net/inspirationbase. Mögen die gesammelten Reden Sie inspirieren und dazu motivieren, diese Inspiration an Ihre Kinder, FreundInnen oder KollegInnen weiterzugeben, damit wir unsere Erde in ein gesundes und freundliches Zuhause für alle verwandeln können!

Die hier diskutierten Beispiele – Hassreden, das anonyme Web und die Inspirationbase – haben Ihnen hoffentlich gezeigt, wie vielschichtig das Internet ist und wie wichtig es ist, verantwortungsvoll mit diesem Medium umzugehen. Da das Internet wie eingangs erwähnt mangels Gesetzen und Regelungen dem Wilden Westen gleicht, liegt es nämlich an uns UserInnen, ob das Internet uns mit einem freundlichen oder einem bösartigen Gesicht begegnet. Wir, die UserInnen, sind diejenigen, die entscheiden, ob wir Hassreden ins Netz stellen bzw. tolerieren oder ob wir stattdessen lieber konstruktive Diskussionen und Quellen der Inspiration fördern wollen. Wir sind auch diejenigen, die entscheiden, ob wir weiterhin Google, Facebook oder WhatsApp verwenden und damit bereitwillig diese Unternehmen mit unseren wertvollen Daten versorgen oder ob wir stattdessen lieber die Anonymität des anonymen Web nutzen und auf Dienste wie die Suchmaschinen Qwant oder DuckDuckGo oder die WhatsApp-Alternative Threema, die keine persönlichen Informationen über uns sammeln, zurückgreifen. Und natürlich kann es auch nicht schaden, das Smartphone oder den Laptop mal beiseite zu legen und stattdessen eine echte Bibliothek zur Informationsbeschaffung aufzusuchen, in einem Café kritisch mit FreundInnen oder Bekannten zu diskutieren, einer Podiumsdiskussion beizuwohnen oder E-Mails durch den guten alten handgeschriebenen Brief zu ersetzen.

 

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1 Einspruch! Verschwörungsmythen und Fake News kontern – in der Familie, im Freundeskreis und online ist ein verständlich geschriebener Ratgeber mit allerlei Tipps und Tricks, wie wir mit Hasskommentaren umgehen können und auf Falschmeldungen am besten reagieren.

2 bedeutet Ökolinguistik und meint die Wissenschaft, die sich mit dem faszinierenden Verhältnis zwischen Sprache und Ökologie sowie der Bedeutung von Minderheitssprachen beschäftigt.

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