Rezension

Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700.

01.07.2018 - Martin Renghart

Der volle Titel des Buches ist fast so lang wie für Bücher des 17. Jahrhunderts üblich, auf das er sich bezieht: Es geht um die sogenannte „kleine Eiszeit“, ein Thema, das angesichts der heutigen Klimadebatte durchaus aktuell ist. Blom, der sich zuletzt vor allem durch seine profunden Untersuchungen über das Europa des 20. Jahrhunderts einen Namen gemacht hat, ist sicher nicht der erste, der sich den Klimakapriolen der Frühen Neuzeit zuwendet. Aber er stellt sie für ein breiteres Publikum so anschaulich dar, wie das noch kein deutschsprachiger Autor vor ihm geschafft hat.

Denn vielen Lesern dürfte es immer noch kaum bekannt sein, dass damals die Themse (S.211) und sogar der Bodensee gelegentlich zufroren und  schon am Ende des 16. Jahrhunderts die Seine und der Hafen von Marseille zeitweise vereist waren (S.41). Die Folgen für die damals noch weitgehend auf Subsistenz beruhende europäische Landwirtschaft waren heftig: Die Erträge auf den Feldern brachen ein, viele Tiere gingen im Winter zugrunde, und auch der Getreidetransport auf den Flüssen wurde erheblich beeinträchtigt. Was auch heute massive wirtschaftliche Schäden zur Folge hätte, muss damals in manchen Ländern für die ländliche und auch die städtische Bevölkerung, die  von Getreidelieferungen abhängig war, geradezu lebensbedrohlich gewesen sein, sodass immer mehr Menschen an Unterernährung starben (S.42).
Aber die Menschheit, das ist Bloms zentrale These, überlebte, weil sie sich an die neue Lage anpasste: So wurden neue Feldfrüchte aus Übersee importiert, allen voran die Kartoffel (S.231f.); was für viele bisher erst mit dem „Alten Fritz“ begann, war also eine Folge der „kleine Eiszeit“! Länder wie England und Holland, die die Neuerungen zügig einführten und vom Überseehandel profitierten, stiegen in der Folge zu Weltmächten auf. In England machte sich gleichzeitig der Adel die zunehmend verarmten bäuerlichen Schichten von sich abhängig und rationalisierte die Landwirtschaft. Dessen zunehmender Einfluss habe dann aber das Bürgertum auf den Plan gerufen, das sich seine Rechte von der Krone verbriefen ließ: Die Idee der Bürgerrechte waren geboren! (S.221). In Wahrheit war es zwar etwas komplizierter (und das weiß Blom auch), aber dass die „kleine Eiszeit“ tatsächlich auch starke gesellschaftliche Wirkungen entfaltet hat, ist durchaus plausibel, wenn sie auch nicht immer so eindeutig zu belegen sind wie der Autor meint. So erscheint seine These, auch die Hexenverfolgungen seien als Folge der Missernten auf die Kälteperiode zurückzuführen (S.53f.) , doch relativ einseitig, da sie weder die damaligen Kriege – die selbst kaum Folgen der Kaltzeit waren – noch die lokalen Rechtsverhältnisse einbezieht und auch die verheerende Naturereignisse und Seuchen des 17. Jahrhunderts durchaus unterschiedliche Ursachen hatten.
Jedenfalls waren nach Blom, und diese Überlegung erscheint wieder sinnvoll, die zunehmend säkular geprägten Gebiete Europas, wie etwa Holland und England, gegenüber den katholisch-religiös geprägten Ländern zunehmend im Vorteil. Allein erklären lässt sich dadurch die  zunehmende weltpolitische Dominanz dieser Länder – immerhin war Nordeuropa wirtschaftlich wesentlich stärker von der Kaltzeit betroffen als der Süden – aber auch nicht. Auch die Tatsache, dass das erste deutschsprachige Kochbuch, in das der Kartoffel Eingang gefunden hat, aus dem österreichischen Kloster Seitenstetten stammt (S.100), scheint zunächst gegen Bloms These zu sprechen.

Blom scheut sich nicht, seine Gedankenexperimente auch auf die Gegenwart auszudehnen: Was bedeutet es für die Menschen- und Bürgerrechte, wenn sie nur eine Folge einer Schlechtwetterperiode waren? Auch seine Vorhersagen neuer Migrationsströme, Verteilungskämpfe und auch Kriege infolge unserer derzeitigen globalen Erwärmung (S.261) lesen sich ähnlich apokalyptisch wie die Reaktionen mancher Europäer des 17. Jahrhunderts auf die damalige „kleine Eiszeit“. Was er indes kaum anspricht, sind deren Ursachen, die auch heute noch nicht restlos geklärt sind. Zwar gab es mehrere Vulkanausbrüche, die den Himmel in den Worten damaliger Zeitgenossen regelrecht verdunkelten (S.44), aber ansonsten tappen wir hier immer noch etwas im Dunkeln, abgesehen von der Tatsache, dass es, anders bei der heutigen globalen Erwärmung (S.245), natürliche Ursachen gewesen sein müssen. So könnte mancher Leser, der sich von den extremen Folgen der damaligen Kaltzeit beeindrucken lässt, durchaus zu dem Schluss kommen, auch die heutige „Warmzeit“ sei zumindest teilweise natürlichen Ursprungs.


Philipp Blom: Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700 sowie der modernen Welt, verbunden mit einigen Überlegungen zum Klima der Gegenwart.  Hanser, München 2017. 24 €

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