Rezension

Die Zukunft wird anders

15.01.2016 - Dr. Burkhard Luber

“Das sind die Herausforderungen, denen sich dieses Buch stellt: den Blick zu öffnen für die neuen Realitäten, zu ermuntern, alte und gewohnte Nischen zu verlassen und zu ermutigen, die Zukunft gemeinsam neu in Angriff zu nehmen, indem zuerst das Bewahrenswerte bestimmt und gesichert wird, um sich dann dem Erneuernden ruhig und entschlossen widmen zu können.”

Soweit die Intention der Autorin, die sie auf der letzten Seite ihres Buches präsentiert. Leider kommt sie diesem Anspruch in den vorangegangenen 170 Seiten nicht nach. Immer öfters stellt sich bei der Lektüre die Frage: Was will uns Hermenau eigentlich sagen? Dass Ostdeutschland bei der Wiedervereinigung schlecht wegkam? Dass die Wessis nicht so arrogant sein sollen? Dass alles anders werden muss? Nun, immerhin trägt das Buch den Titel “Die Zukunft wird anders”. Wird! Davon scheint die Autorin überzeugt. Oder vielleicht auch wieder nicht, denn immer wieder kommt es einem so vor, als ob Hermenau ihrem Titel-Wortlaut selber doch nicht so recht glaubt. Deshalb muss sie nachhelfen und selber den richtigen Weg in die Zukunft weisen. Leider läuft das bei ihren Themen meistens schief. Da rackert sich Hermenau statistisch ab, um zu zeigen, wie die EU, träte sie als ein Staat auf, die USA und viele andere Länder im Olympischen Medaillen-Spiegel haushoch abhängen würde. Kein Wort jedoch über die Schattenseiten solches Sport-Neonationalismus wie Doping und Korruption.

Überhaupt Europa. Erstaunlich, wie jemand nach der nach wie vor anhaltenden Eurokrise, den immer stärker werdenden Anti-EU-Bewegungen in vielen Ländern Europas und dem Ausstieg Ungarns und Polens aus dem europäischen Wertekonsens noch so idealistisch am Projekt Europa festhalten kann. Anderes Stichwort: Mauern. Damit hat die Autorin zweifellos aufgrund ihrer Biografie allerhand Erfahrungen. Allerdings Deutschland angesichts der Ukraine-Krise des neuen Mauerbaus zu bezichtigen, ohne auch nur mit einem Wort die Mauern und Stacheldrahtzäune zu erwähnen, die nicht Deutschland, sondern Ungarn, Slowenien, Estland u.a. unbarmherzig gegen die Flüchtlinge errichten bzw. planen, das ist schon schlimmer Realitätsverlust.

Und so geht es in diesem Buch weiter. Da werden die deutschen Sparer, die systematisch durch die EZB enteignet werden, als “Spargroschen-Kopfkissen-Fraktion” diffamiert und Schröders Agenda 2010 als das “Minimum” erklärt, was Deutschland gefälligst als Tribut an die Globalisierung entrichten müsse. Minimum? Heißt das, dass Hermenau die Hartz IV-Sätze lieber reduziert sehen möchte?

Leider löst die Autorin ihr Titel-Versprechen, dass alles anders werde, nie richtig und überzeugend ein. Sie verteilt in bekannter Lehrerin-Manier mal eine gute Note Richtung Ostdeutschland, dann eine schlechte für Westdeutschland und ein paar Seiten später dann das Ganze als Retourkutsche in umgekehrter Richtung. Schlau wird man daraus nicht. Motiviert die Autorin für ihre Motivation, dass Ostdeutschland 1990 Federn lassen musste? Aber viel Hoffnung auf Westdeutschland hat sie anscheinend auch nicht. Also wie nun?

Da mag sich die/der LeserIn wenigstens an die Statements halten, wo Hermenau aus ihrer persönlichen Sichtweise heraus dankenswerterweise etwas subjektiven Klartext redet. Aber schon allein nur an dem einen Punkt “Friedenspolitik”, früher ja mal Paradepferd grüner Politik, zeigt sich klar und eindeutig, welche andere Zukunft Hermenau offenbar im Blick hat: Eine Zukunft, in der Deutschland, wenn es schon keine Supermacht sein kann, doch wenigstens kräftig mitmischt im globalen Kräftemessen. Und dieser Neo-Wilhelminismus nicht nur politisch, sondern - der Leser, wenn auch schon manches an grünen Volten gewohnt, reibt sich die Augen und kann es kaum glauben - militärisch! In ihrer Offenheit da schon wieder sympathisch wirkend plädiert Hermenau für die Aufrüstung von Deutschland und die Steigerung der deutschen Militärausgaben. Und das - auch da ist Hermenau für ihre Offenheit zu danken - zu Lasten von nicht-militärischen Aufgaben in Deutschland. Ja, stark muss Deutschland nach Meinung der Autorin werden. Und weil diese Stärke viel Geld kosten wird, kann auf andere zivile Projekte wie Umweltschutz oder Verbesserung von Infrastruktur natürlich keine Rücksicht genommen werden.

Wenn man sich von diesem argumentativen Schock erholt hat, ist man richtig erleichtert, wenn Hermenau auf den letzten Seiten nicht noch mehr Dreistigkeiten auftischt, sondern sich mit dem sattsam bekannten Allgemeinplatz verabschiedet, dass wir in Deutschland angeblich alle die gleichen Interessen hätten und alle Deutsche angeblich in einem Boot säßen. Diese Einsicht, wie auch ihre anderen, verkauft uns Hermenau dann zum Schluss als die notwendige “geistig-moralische Wende”, die nach ihrer Ansicht schon lange überfällig ist. Bleibt nur zu hoffen, dass die Zukunft wirklich anders wird als wie es sich die Autorin wünscht.

Antje Hermenau: Die Zukunft wird anders. Hille Druckerei und Verlag. Dresden 2015.171 Seiten. 14.90 Euro

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