Kurzgeschichte

Diesmal schaffst du es!

01.11.2013 - Arbaz Malik

"Dieses mal schaffst du es!" schallt die Stimme in meinem Kopf. Ich greife erneut zu meiner Brieftasche und werfe eine Münze in den Einwurfschlitz des Automaten. Die bunten Farben des Bildschirms spielen verrückt. Und dann plötzlich leuchtet etwas auf, ein Blitz. Der Blitz erscheint mir als Hoffnungsschimmer, auf den ich jetzt schon seit längerem gewartet habe. Aber nein, das Aufleuchten der Lichter war wieder einmal nur der Trommelwirbel für den Höhepunkt meines Scheiterns. Völlig zerschlagen durch meine Erfolgslosigkeit verlasse ich den lauten Laden. Beim Verlassen höre ich das Gekreische der Versagenden hallen. Und dann bemerke ich, dass ich noch etwas Geld in der Jackentache habe. Ich überlege kurz und stürme wie ein hungriger Piranha in den nächsten Betrieb um die Ecke.

Ein rot leuchtendes Gerüst in einer Aura von Hoffnung und Entäuschung zugleich habe ich nun vor Augen. Jetzt stehe ich vor dem Automaten und werfe die erste Münze ein. Voller Hoffnung umklammere ich den kalten Rahmen des Automaten und bitte um Erbarmen. Das Zittern soll sich gelohnt haben, denn nun leuchtet es blau. Die Farbe blau verbinde ich seltsamerweise immer mit einem schönen Nachthimmel.

Nun wird mir die Chance angeboten, meinen Gewinn zu verdoppeln. Ich zögere kurz, aber ich höre eine Stimme in mir Reden, die mir versichert "Dein Geld wird verdoppelt!“ und jetzt kommt der mir vernünftig erscheinende Gedanke hinzu: „Wer nichts riskiert, der hat schon verloren!" Ich lasse mich überreden und werfe die nächste Münze ein, um meinen Gewinn zu verdoppeln. Das Rad dreht und dreht sich. Der Teufel zu meiner Rechten belächelt, das was meine Augen wiederspiegeln. Eine eisige Niederlage, ein roter Dämon, der wohl eine Karikatur des Satans selbst sein soll, verspottet mich aus dem Bildschirm heraus. Voller Trauer und gesteuert von Wut trete ich gegen den Apparat. Ich höre ein leise Stimme, die ich fast als Rauschen warnehme: "Raus mit diesem Kick-Boxer!" Ich werde von einem zwei Meter hohen Mann aus dem Geschäft geschubst.

Nun sitz ich auf dem Bordstein. Leere Straßen, leere Taschen. Meine Familie hat sich schon vor wenigen Tagen von mir abgewandt. Wo soll ich hin? Mein ganzes Geld ist dahin. Was soll ich tun? Der Druck zerfrisst mich innnerlich und ich versuche den Dämonen, die meine Seele umklammern zu entfliehen. Doch wegrennen bringt nichts. Ich renne doch schon schon seit Jahren und das auch noch im Kreis. Dieser Kreis ist klein und er öffnete sich an dem Tag, als ich mein erstes Gehalt von meiner ersten Arbeitsstelle bekam. Ich spielte. Dann starb Mama. Ich spielte. Ich wurde zum ersten Mal Vater. Ich spielte. Irgendwann rief mich mein Boss aus meinem Büro und reichte mir die Kündigung. Ich spielte.

Und doch begann alles mit einem harmlosen Mausklick. Meine Frau und ich wollten einen Film schauen. Ich legte dir DVD ein und dort erschien dieses Fenster. Dort stand die Frage in Großbuchstaben: „BIST DU EIN GEWINNER?“ Daneben lag ein Haufen gebundener Geldscheine. Dann kam dieser Mausklick. Ein Klick, der mein gesamtes Leben verändern sollte. Ich fing erst langsam an einige Male vor dem Schlafen gehen ein bisschen Geld zu „investieren“. Und ich gewann sogar des Öfteren. Als dann irgendwann mein Sohn mir weinend zu erklären versuchte, dass er den PC ausversehen „puttemacht“ hätte, konnte ich meine Wut nicht mehr kontrollieren. Ich schrie ihn so laut an, dass ich mich selber schon gar nicht mehr hören konnte. Dann sackte ich auf den Boden. Wie ein Taubstummer saß ich dort und starrte auf das Bild vor meinen Augen: ein weinender Achtjähriger, der um Gnade flehte. Ich wusste, dass es ein Fehler war, aber verdrängte diese Szene schnell, bis ich sie vergaß.

Nun, nachdem der PC und damit auch die Möglichkeit online Geld zu verdienen verschwunden war, fing ich an die Spielautomaten eines kleinen Imbiss‘ um die Ecke zu nutzen. Ich warf gelegentlich ein bis zwei Münzen ein, und ich gewann eines Tages mit gerade mal 2 Euro, 200 Euro. Es war ein Sieg, der alle Niederlagen vergessen machte. Wahrscheinlich warte ich eben deshalb nach den Niederlagen der letzten Jahre auf den entscheidenden Sieg. Ja, aber worüber wird er entscheiden? Wofür entscheide ich mich und worin liegt der Sieg?

Jetzt sitze ich immer noch auf dem Bordstein. Ein Junge hält in Gesellschaft seiner Clique sein Handy aus dem laute Musik ertönt. Während einer von ihnen vor mir herumkaspert höre ich den Musiker laut und deutlich Caspers Worte singen: "Vielleicht liegt der Sieg darin einfach aufzugeben".

 

 

 

Foto: © davidz

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