Quantenphysiker im Interview

Dr. Florian Aigner: "Wir müssen es schaffen, mit negativen Dingen auf gesunde Weise umzugehen"

01.01.2021 - Olivia Haese

Im Internet mangelt es nicht an floskelhaften Lebensratschlägen, die spiritueller Natur sein sollen. Die Macht des positiven Denkens erfreut sich in unserem Zeitalter größerer Beliebtheit, das sogenannte "Gesetz der Anziehung" ist spätestens seit der weitflächigen Vermarktung von Rhonda Byrnes "The Secret" aus dem Jahr 2006 vielen Menschen ein Begriff. Das Grundkonzept soll sein: Denk positiv und du wirst Positives in dein Leben bringen.

Dabei werden vorgebliche spirituelle Weisheiten teilweise mit Erfolgsdenken und oberflächlicher Psychologie vermischt. Nicht selten kommen dabei auch vermeintlich wissenschaftliche Erkenntnisse zur Untermauerung von Ratschlägen zu nutze. Insbesondere das Studienfeld der Quantenphysik wird dabei oft zitiert, ohne wirklich erklärt zu werden.

Hängt Quantenphysik denn tatsächlich mit Gesundheit, Erfolg und persönlichem Glück zusammen? Mit dieser Frage setzt sich Physiker Florian Aigner in seinem Buch "Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl" auseinander. Er kritisiert die Verbreitung von pseudowissenschaftlichen Informationen und erklärt, welcher Irrglauben besonders gefährlich sein kann. DAS MILIEU hat Florian Aigner nach seinen Beweggründen gefragt. Außerdem wollten wir wissen: Ab wann ist positives Denken schädlich?

DAS MILIEU: Herr Dr. Aigner, "Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl" – warum ist das der Titel Ihres Buches?

Dr. Florian Aigner: Ich wollte in meinem Buch erklären, wie man die Grenze zwischen eindeutigen Wahrheiten und bloßen Bauchgefühlen erkennen kann. In der Wissenschaft gibt es Erkenntnisse, die eindeutig richtig sind, die nicht bloß Ansichtssache oder eine Frage der Meinung sind. Die Schwerkraft ist ein gutes Beispiel dafür: Egal ob wir sie mögen, ob wir an sie glauben oder ob wir sie verstehen: Sie ist einfach da. Wenn ich aus dem Fenster springe, bewege ich mich nach unten. Da gibt es keinen Diskussionsspielraum.

DAS MILIEU: Was hat Ihr Interesse an Quantentheorie geweckt?

Aigner: Gerade die Quantentheorie ist für mich ein sehr faszinierendes Feld, weil sie mit unserem Bauchgefühl so schwer vereinbar ist. In der Welt der Quanten gelten Gesetze, die sich völlig anders anfühlen als die Naturgesetze, mit denen wir normalerweise im Alltag konfrontiert sind. Trotzdem kann man die Gesetze der Quantentheorie exakt erforschen, sie verstehen und mit ihnen das Ergebnis von Experimenten vorherberechnen. Die Quantentheorie beweist uns also: Wir Menschen sind in der Lage, mit Dingen umzugehen, für die uns die Natur eigentlich nicht mit irgendeiner Form von Intuition ausgestattet hat. Wir können über unser Bauchgefühl hinauswachsen – durch Wissenschaft.

DAS MILIEU: Inwiefern wird Quantenphysik im allgemeinen Volksdenken missverstanden?

Aigner: Leider wurde die Quantentheorie immer wieder von der Esoterik-Fraktion gekapert: Man tut gerne so, als wären Quanten etwas Mystisches, man versucht, übersinnliche Phänomene bis hin zu Gedankenübertragung, Astrologie oder Kommunikation mit Engelswesen durch „Quantenphysik“ zu erklären. Einem Quantenphysiker wie mir tut das natürlich weh. Nichts davon ist wahr. Quantentheorie hat nichts mit Mystik zu tun. Sie ist eine naturwissenschaftliche Theorie wie andere auch: Man rechnet, und am Ende kommt eine Zahl heraus.

DAS MILIEU: Das sogenannte "Gesetz der Anziehung" vermittelt Glaubenssätze wie "Das Universum registriert unsere Energien und schickt uns das, was wir aussenden, zurück." Warum sind viele Menschen überzeugt von solchen Interpretationen?

Aigner: Es gibt jede Menge Ratgeberliteratur, die in diese Richtung geht: Arbeite an deiner inneren Einstellung, und das Universum wird dich belohnen! Du musst nur „Bestellungen beim Universum“ abgeben und das passende Mindset entwickeln, und alles wird gut! Das ist natürlich Unsinn, so etwas kann nur jemand sagen, der im Leben richtig viel Glück hatte. Anderen Leuten, die vielleicht aus schwierigen sozialen Milieus kommen, die krank sind, die arbeitslos geworden sind oder sonst irgendwie benachteiligt werden, kann man dann einfach entgegenhalten: Ihr seid selbst schuld, ihr seid spirituell einfach nicht auf dem richtigen Weg! Das wird oft als warmherzig-kuschelige Esoterik-Theorie verkauft, ist aber eigentlich der Gipfel kaltherziger Arroganz. Solche Theorien sind Entsolidarisierungspropaganda.

DAS MILIEU: Reflektieren derartige Glaubenssätze Ihrer Meinung nach auch das konsumorientierte Denken unserer Gesellschaft, in der Glück mit Erwerb und Erfolg gleichgesetzt wird? Nach dem Motto "durch das Gesetz der Anziehung kann ich alles haben und alles erreichen, was ich will"?

Aigner: Genau das ist die Gefahr. Und wenn man das dann sogar noch als „Gesetz“ bezeichnet, als wäre es ein Naturgesetz, dann suggeriert man noch dazu, dass es eine fundamentale Wahrheit sei. In Wahrheit ist Erfolg natürlich immer mit Zufall und Glück verbunden: Mit dem Glück, in die passende Familie hineingeboren worden zu sein, mit dem Glück, auf nützliche Weggefährten zu stoßen, mit dem Glück, von Krankheiten und anderen schweren Schicksalsschlägen verschont geblieben zu sein. Wer das ausklammert, übersieht etwas sehr Wichtiges.

DAS MILIEU: Gibt es noch andere Weisen, durch die uns "toxische Positivität" zum Verhängnis werden kann?

Aigner: Ich glaube, toxische Positivität schadet uns nicht nur gesellschaftlich, im Sinn einer Entsolidarisierung, sondern auch uns persönlich. Optimismus ist etwas Wunderbares. Aber wenn ich mir selbst einrede, ich sei es mir eigentlich schuldig, permanent gut gelaunt zu sein und die Welt positiv zu sehen, dann setze ich mir ein Ziel, das grundsätzlich unerreichbar ist. Daran kann ich nur scheitern – und das deprimiert mich dann möglicherweise erst recht.

DAS MILIEU: Wo sehen Sie die Grenze zwischen gesundem, ermutigendem Denken und unproduktiver toxischer Positivität?

Aigner: Die Grenze ist wohl nicht scharf zu ziehen. Positiv zu denken ist natürlich immer erstrebenswert. Wir können nichts Bedeutendes erschaffen, wenn wir nicht mit Mut und Zuversicht darauf zugehen. Aber wir müssen es gleichzeitig auch schaffen, mit negativen Dingen auf gesunde Weise umzugehen. Wenn man Ziele nicht erreicht, heißt das nicht, dass man als Person gescheitert ist. Es heißt nicht, dass die innere Einstellung falsch war. Manchmal liegt es einfach nur daran, dass man kein Glück hatte. Das müssen wir uns erlauben dürfen – und anderen Leuten auch.

DAS MILIEU: Ein anderes Beispiel für eine inkorrekte wissenschaftliche Behauptung wäre der Mythos, dass Menschen nur 10% ihrer Gehirnkapazitäten ausnutzen würden. Warum sehen Sie diese Behauptung als gefährlich?

Aigner: Zunächst: Es stimmt einfach nicht. Die Aussage ist biologisch einfach nicht haltbar – und wissenschaftlich falsche Dinge zu behaupten, ist immer gefährlich. Dazu kommt in diesem Fall aber noch ein merkwürdiger Übermensch-Mythos, der darauf beruht: Die Vorstellung, man könnte ungeahnte geistige Fähigkeiten entfesseln, man könnte zum Hypergenie werden, mit bestimmten Geist-Befreiungs-Tricks. Das ist falsch, aber ein großartiges Werbeinstrument für zweifelhafte Gurus, Sekten oder Selbstverbesserungsberater. Damit habe ich ein großes Unbehagen. Jeder von uns kann besser werden. Wir sollten immer danach streben. Aber es gibt keinen simplen Trick, mit dem wir uns plötzlich in Genies verwandeln können.

DAS MILIEU: Angeblich wissenschaftlich-fundierte Erkenntnisse werden im Internet auch häufig als Fundamente für Verschwörungstheorien genutzt.  Warum glauben so viele Menschen auf den ersten Blick an sehr unrealistische Verschwörungstheorien wie QAnon?

Aigner: Wir leben in einer Zeit, in der sich die Medienlandschaft radikal verändert. Die vielzitierte „Gatekeeper“-Funktion klassischer Medien ist viel schwächer geworden. Man kann sich heute von Mainstream-Medien völlig fernhalten und all seine Information aus zwielichtigen Youtube-Kanälen oder Social Media-Accounts beziehen. Und da gerät man möglicherweise in einen Strudel des Unsinns, in den man immer tiefer hineingezogen wird. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Wandel: Wir müssen einfach gemeinsam lernen, mit diesen neuen Medien umzugehen. Sie zu konsumieren und als genauso verlässlich zu betrachten wie man früher (begründeterweise oder nicht) die klassischen Medien betrachtet hat, ist jedenfalls keine gute Idee – das sehen wir heute.

DAS MILIEU: Sie sprechen in Ihren Artikeln auch von einem Trugschluss der "versunkenen Kosten." Was schuldet dieser Trugschluss den Menschen im Allgemeinen?

Aigner: Das ist genau der Mechanismus, wie man in solche Verschwörungstheorien hineinkippt: Man glaubt etwas, man verbringt viel Zeit mit dieser Theorie, man versucht, Freunde davon zu überzeugen. Man hat also für diese Theorie schon richtig viel Energie aufgewendet. Dann fällt es schwer, diese Theorie aufzugeben. Man kann kaum mehr zurück, denn man hat schon so viel investiert. Das ist das Problem der versunkenen Kosten: Rational wäre es zu sagen: Ok, die Zeit, die ich dafür vergeudet habe, ist ohnehin weg, daran kann ich jetzt nichts mehr ändern – das bezeichnet man in der Ökonomie als versunkene Kosten. Aber wenn ich jetzt einsehe, dass die Theorie doch falsch ist, sollte ich mich von ihr abwenden. Das gelingt vielen Leuten aber nicht. Sie verstricken sich stattdessen immer tiefer in einem Geflecht aus Verschwörungstheorien.

DAS MILIEU: Sehen Sie auch eine Gefahr in einer "Verwissenschaftlichung" der Welt?

Aigner: Nein, diese Gefahr sehe ich nicht. Klar ist: Nicht alles kann man naturwissenschaftlich beschreiben. Unser Alltag wird von vielen Dingen bestimmt, die sich nicht in Formeln festhalten lassen. Vielleicht sind es sogar gerade die wichtigsten Dinge im Leben, über die uns die Naturwissenschaft wenig sagen kann: Persönliche Beziehungen, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Rituale und Traditionen. Als Naturwissenschaftler muss man das anerkennen. Ich würde eine Gefahr darin sehen, wenn das geleugnet würde – das wäre vielleicht als „Verwissenschaftlichung“ zu betrachten. Aber ich denke, das will niemand. Im Gegenteil: Ich sehe viel eher die Gefahr, dass wir Dinge, die wissenschaftlich zu klären wären, nicht wissenschaftlich genug betrachten. Wissenschaft und Bauchgefühl – beides hat seine Berechtigung, in unterschiedlichen Situationen. Wenn wir uns darauf einigen, dann haben wir schon viel gewonnen.

DAS MILIEU: Vielen Dank für das Gepräch, Herr Dr. Aigner!

 

Mehr zu dem Thema können Sie lesen in:
Florian Aigner, Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl. Eine Liebeserklärung an die Wissenschaft.


Dr. Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftspublizist. Er promovierte über theoretische Quantenphysik und schreibt heute über Wissenschaft und Technik, unter anderem auf futurezone.at und in seiner Kolumne “Wissenschaft und Blödsinn” in der Tageszeitung Kurier. Mit aktuellen Forschungsfragen setzt er sich ebenso auseinander wie mit esoterischen Behauptungen, die immer wieder mit echter Wissenschaft verwechselt werden.

Foto: © Gregor Hofbauer

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