Hirnforscher im Interview

Dr. Gerald Hüther: "Durch materielle Geschenke wecken wir bei unseren Kindern falsche Vorstellungen"

01.12.2019 - Patricia Bartos

Gerald Hüther ist Biologe, Hirnforscher und Autor. Mit seinen idealistischen Thesen kritisiert er die bestehende Gesellschaftsordnung und setzt sich für eine Umgebung ein, in der sich alle entfalten können. Aufgewachsen in der DDR, floh er mit Hilfe selbst gefälschter Visastempel über mehrere osteuropäische Staaten in die Bundesrepublik Deutschland. In seinem neuen Buch "Was schenken wir unseren Kindern?" beschäftigt er sich zusammen mit André Stern mit dem Schenken. DAS MILIEU sprach mit dem Hirnforscher über die Konsumgesellschaft, unsere Kinder, Leistungsdruck und die Frage, warum die meisten Geschenke an unsere Kinder, wie Hüther betont, nur "fragwürdige Vorführungen" sind.

DAS MILIEU: Herr Hüther, Sie sind ein Rundum-Experte des menschlichen Denkens. Inwiefern ist das menschliche Gehirn auch für Sie noch ein Mysterium?

Dr. Gerald Hüther: Eigentlich bin ich Biologe, ich habe mich aber sehr intensiv mit der Funktionsweise des Gehirns beschäftigt. Vor allem in den letzten drei Jahrzehnten haben die Hirnforscher mit ihren Erkenntnissen dazu beigetragen, dass wir heute recht gut erklären können, wie unser Gehirn funktioniert. Was das Denken, Fühlen und Handeln einer Person bestimmt, ist deshalb längst nicht mehr so unerklärbar, wie es noch im letzten Jahrhundert schien. Aber nach wie vor bleibt es auch für mich ein Mysterium, wie sich ein derartig komplexes Organ wie unser menschliches Gehirn herausbilden konnte.

MILIEU: Sie beschäftigen sich, so auch in Ihrem neuen Buch, sehr viel mit dem Thema Kinder und Erziehung. Ist das kindliche Denken einfacher oder schwieriger zu verstehen als das von Erwachsenen?

Dr. Hüther: Zu den neuen Erkenntnissen zählt auch der Umstand, dass unser Gehirn nicht von genetischen Programmen "zusammengebaut" wird. Es strukturiert sich anhand der Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens machen: Das nennen die Hirnforscher "Selbstorganisation". Und wenn sich etwas selbst organisiert, dann werden am Anfang die entscheidenden Weichen für das gestellt, was dann später daraus wird. Das ist in jeder Familie so. Sogar in einer Gemeinschaft wie der Europäischen Union kommt es auf einen möglichst günstigen Anfang an. Das gilt eben auch für die Hirnentwicklung. Die Lernfreude, die Beziehungsfähigkeit, die Offenheit und Gestaltungslust ist bei kleinen Kindern viel stärker ausgeprägt als bei Erwachsenen. Da ist noch nichts unterdrückt, verdrängt, abgespalten oder verwickelt. Das passiert alles später beim Hineinwachsen in die jeweilige Lebenswelt, und dann wird es eben auch immer schwieriger zu erkennen, was jemand wirklich denkt und fühlt.

MILIEU: In Ihrem neuen Buch vertreten Sie die These, dass materielle Geschenke für unsere Kinder kontraproduktiv sind; um Begabungen und Talente zu entfalten, brauchen Kinder vielmehr uns, als Geschenke. Wo sehen Sie im Materiellen konkret die Gefahr?

Dr. Hüther: Neben unseren körperlichen Grundbedürfnissen haben wir Menschen auch seelische Grundbedürfnisse, die gestillt werden müssen, damit es uns gut geht und wir uns frei entfalten können. Das ist einerseits das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Verbundenheit und andererseits das nach Autonomie und Freiheit. Das Streben nach materiellen Besitztümern erwacht erst dann, wenn diese beiden Bedürfnisse nicht ausreichend gestillt werden können. Also immer dann, wenn man schon als Kind oder später im Leben nicht das bekommt, was man wirklich braucht. Dann besorgt man sich eben das, was man haben kann. Einkaufen, um sich etwas zu gönnen, ist eine Ersatzbefriedigung. Indem wir unseren Kindern materielle Geschenke machen, öffnen wir in ihrer Vorstellungswelt die Tür für solche Ersatzbefriedigungen.

MILIEU: Geschenke stellen für Kinder jedoch meist etwas sehr Schönes dar. Sie beschreiben die meisten Geschenke als "fragwürdige Vorführungen". Übertragen wir unser Konsumverhalten durch zahlreiches Schenken auf unsere Kinder?

Dr. Hüther: Die meisten Erwachsenen haben oft ein ganzes Leben lang die Erfahrung gemacht, dass es sie vorübergehend glücklich macht, wenn sie sich etwas gönnen, also etwas einkaufen. Sie halten es für selbstverständlich, dass das auch allen anderen genauso geht. Und deshalb besorgen sie auch gerne materielle Geschenke für ihre Kinder. So wird dieses Konsumverhalten von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Tief im Inneren wissen wir aber alle, dass es auch Menschen gibt, die sich nicht ständig etwas kaufen müssen; die in sich und mit sich zufrieden und glücklich sind. So kommen alle Kinder auf die Welt und manche haben Gelegenheit, die Erfahrung zu machen, dass das Glück nicht zu kaufen oder durch Geschenke zu erreichen ist. Pippi Langstrumpf, Huckleberry Finn oder Ronja Räubertochter sind solche Kinder. Die würden die Menschen auslachen, wenn sie mit irgendeinem Plastikspielzeug daherkämen.

MILIEU: Viele Ihrer Thesen münden schließlich in die Frage, wie wir unsere Kinder erziehen und welche Werte wir Ihnen mitgeben. Was ist Ihrer Meinung nach dabei das Wichtigste?

Dr. Hüther: Am wichtigsten wäre es wohl, wenn wir endlich aufhören würden, unsere Kinder nach unseren Vorstellungen "erziehen" und ihnen unsere Werte "mitgeben" zu wollen. Wenn wir ihnen vorleben, was uns wichtig ist und ihnen zeigen, worauf es uns ankommt, übernehmen das die Kinder von ganz allein. Vorausgesetzt wir haben ihr Vertrauen nicht bereits vorher untergraben und ihre Grundbedürfnisse nach Verbundenheit und Selbstgestaltung verletzt. Das passiert leider schneller, als sich das viele Eltern vorstellen können. Und zwar dadurch, dass sie ihrem Kind das Gefühl vermitteln, dass es von ihnen wie ein Objekt behandelt wird. Wenn das Kind zum Objekt elterlicher Erwartungen und Vorstellungen, Belehrungen und Bewertungen, Anordnungen und Maßnahmen gemacht wird. Kinder, die das erleben, müssen dann ihre beiden Grundbedürfnisse unterdrücken und sich an die Erwartungen der Eltern anpassen. Dann sind sie so, wie die Eltern sich das wünschen, aber sie sind nicht mehr bei sich - die Psychologen nennen das "fremdbestimmt". Solche Kinder wollen dann auch nichts mehr selbst entdecken und gestalten.

MILIEU: Laut UNICEF leben derzeit ca. 385 Millionen Kinder weltweit in extremer Armut. Auch in Ländern wie Deutschland oder Österreich ist Kinderarmut ein großes Thema, wenn auch nicht unter den gleichen Umständen wie in anderen Regionen der Welt. Hält man sich diese Zahlen vor Augen, erscheinen Ihre Thesen auf den ersten Blick als aus einer sehr privilegierten Sicht entwickelt. Was sagen Sie dazu?

Dr. Hüther: Ich komme gerade von einem längeren Aufenthalt aus Indien zurück und bin noch immer erschüttert über das Elend, das wir Europäer dort mit unserer Kolonialherrschaft angerichtet haben, auch mit unseren dorthin transportieren Vorstellungen über Glück, Macht und Reichtum, die viele Menschen in Indien übernommen haben. Wie sollen die Menschen dort andere Vorstellungen davon entwickeln, worauf es im Leben ankommt, was Glück bedeutet und wofür es sich zu leben lohnt, wenn es hier in unseren hochentwickelten Industriestaaten nicht gelingt, uns von diesen alten Vorstellungen und dem damit verbundenen Konsumzwang zu befreien? Nicht sie, sondern wir sind aufgerufen, unser Leben und unser Zusammenleben so zu gestalten, dass das gemeinsame Gestalten unserer Zukunft und die Begleitung unserer Kinder auf ihrem Weg ins Leben wieder Freude macht.

MILIEU: Was können wir als erwachsene Menschen von Kindern lernen?

Dr. Hüther: Von unseren Kindern können wir all das lernen, was wir auf dem Weg zum Erwachsenwerden selbst und ohne es zu bemerken verloren haben. Wobei "verloren" eigentlich der falsche Begriff ist: Besser: Was wir in uns selbst unterdrücken, verdrängen, abspalten, verwickeln mussten, um in die Welt der Erwachsenen hineinzupassen. Ich meine damit: Unsere Offenheit, unsere Entdeckerfreude und Gestaltungslust, unser Einfühlungsvermögen, manchmal sogar unsere ganze Lebenslust. All das tritt bei unseren Kindern noch ganz ungehemmt zutage - bis wir dann anfangen, sie nach unseren Vorstellungen zu erziehen und zu bilden.

MILIEU: Wir bewegen uns in einer Gesellschaft, die von Schnelllebigkeit und Effizienz geprägt ist, das betrifft auch die ganz Jungen unter uns. Was strengt unser Gehirn heutzutage am meisten an?

Dr. Hüther: Am anstrengendsten ist es, mit dem Gefühl leben zu müssen, dass man so wie man ist nicht gut genug ist.

MILIEU: Sehr viele Menschen, darunter auch immer mehr Kinder, sind heute von psychischen Erkrankungen aller Art betroffen, oft verursacht durch Leistungsdruck und einem permanent hohen Stresslevel. Wie bewerten Sie dies aus der Sicht der Hirnforschung?

Dr. Hüther: Je rascher sich alles verändert und je stärker es darauf ankommt, in jeder Hinsicht optimal zu funktionieren, desto wahrscheinlicher wird es, dass sich dieses Gefühl eigener Insuffizienz ausbreitet. Dann geht es den Erwachsenen nicht gut, und wenn die sich nicht mehr wohl fühlen, hat das mangelnde Aufmerksamkeit, Zugewandtheit und Zärtlichkeit für die Kinder zur Folge. Dass dann bei den Kindern alle möglichen Arten von Störungen entstehen, ist unter diesen Umständen kein Wunder, sondern eine zwangsläufige Folge dieser Hektik und dieses Leistungsdrucks.

MILIEU: Sie sind ein starker Kritiker des derzeitigen Bildungssystems und betonen, dass Schulen "das Leitbild des egoistischen Einzelgängers" aufrechterhalten. Wie müsste man das Bildungssystem Ihrer Ansicht nach verbessern?

Dr. Hüther: Ich bin kein genereller Kritiker unseres Bildungssystems, aber es bringt leider immer noch genügend viele junge Erwachsene hervor, die nicht wissen, was sie wollen, die manipulierbar und verführbar sind und damit unser Konsumsystem aufrechterhalten. Damit leistet es ja genau das, was die Aufgabe der Bildungseinrichtungen in jedem Kulturkreis seit jeher war: Aufrechterhaltung und Stabilisierung dessen, was die betreffende Gesellschaft braucht, um das Erreichte zu erhalten und die jeweiligen Verhältnisse zu stabilisieren.

MILIEU: Sie erwähnen, dass das Fühlen und Begreifen von Phänomenen bei Kindern wichtig sind. Momentan erleben wir mit "Fridays For Future" eine der größten Protestbewegungen seit langer Zeit, die von Jugendlichen geführt wird. Dafür werden Schüler*innen rund um Greta Thunberg oder Luisa Neubauer jedoch massiv kritisiert. Was sagen Sie zu diesem Phänomen?

Dr. Hüther: Ich hätte es selbst nicht für möglich gehalten, aber was wir gegenwärtig erleben und was mit dieser "Fridays For Future"-Bewegung besonders eindrucksvoll zutage tritt, ist eine bisher noch nie dagewesene Veränderung der Beziehungen zwischen den Generationen. Erstmals in der Menschheitsgeschichte sind es nicht mehr die Erwachsenen, die ihren Kindern den Weg weisen und ihnen bei ihrer Entwicklung helfen. Jetzt sind es immer häufiger die eigenen Kinder, die uns Erwachsenen zeigen, worauf es im Leben und für unser Überleben auf diesem Planeten ankommt. Mit ihren Demonstrationen, aber viel häufiger und noch eindringlicher zu Hause. Wenn die 13-jährige Tochter erklärt, dass sie kein Fleisch mehr isst oder der 14-jährige Sohn nicht mehr mit dem Flugzeug in ein feines Urlaubsressort reisen will.

MILIEU: Sie sind damals aus der DDR geflohen, weil es Ihnen, wie Sie selbst beschreiben, "viel zu eng wurde". Heute leben wir in Deutschland in einer sehr freien Gesellschaft. Sehen Sie heute in Deutschland auch "Enge"?

Dr. Hüther: Früher, auch damals in der DDR, haben die jeweiligen Machthaber ihre Herrschaft gesichert, indem die Bürger bevormundet und unterdrückt wurden. Heute erleben wir in vielen Bereichen der Gesellschaft, auch hier bei uns, dass diejenigen, die mächtiger und einflussreicher sind, ihre Macht dadurch sichern, dass sie die Menschen verführen.

MILIEU: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der jüngeren Generationen?

Dr. Hüther: Unterdrückte können aufbegehren, sich wehren oder abhauen. Verführte Menschen aber sind verloren. Sie sind sogar bereit, ihre Verführer zu beschützen, weil sie von ihnen abhängig sind. Deshalb wünsche ich den Heranwachsenden, dass sie häufiger Gelegenheit haben, sich ihres eigenen Wertes, ihrer eigenen Würde bewusst zu werden. Wer eine Vorstellung davon hat, was seine Würde ausmacht wird auch darauf achten, dass er sie nicht selbst verletzt. Solch eine Person ist auch nicht mehr verführbar.

MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Hüther!

 

 

 

Foto: Josef Fischnaller

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