Buchautorin im Interview

Dr. Gisela Burckhardt: "Fair einkaufen ist eine Frage des Bewusstseins und nicht des Geldbeutels"

15.06.2015 - Alina Füllekrug

Wir wollen modische Kleidung am liebsten hochwertig und billig! Dabei sehen wir nicht, was wir den Menschen antun, die für uns diese Klamotten herstellen. Auf die Folgen unseres Konsumwunsches macht Dr. Gisela Burckhardt in ihrem Buch "Todschick Edle Labels, billige Mode – unmenschlich produziert" aufmerksam. DAS MILIEU sprach mit ihr über Verantwortung, die Probleme der NGO's, Vorbilder und die Rolle von Social Media.

DAS MILIEU: Wie strikt gestaltet eine Aktivistin wie Sie ihr Leben in Sachen Konsumbewusstsein?

Dr. Gisela Burckhardt: Da bin ich sehr stark sensibilisiert worden aufgrund der Arbeit die ich mache, und das führt natürlich dazu, dass, wenn mein Mann sagt: „Komm das ist so hübsch, ich möchte dir das kaufen“, ich ihm sage: „Nein, das kaufe ich nicht mehr, ich kaufe nur noch Fair oder Second Hand.“ Ich bin jetzt nicht 100%ig so weit, aber ich mache es doch schon wesentlich bewusster als früher. Und klar, der stete Tropfen höhlt den Stein – da muss man natürlich bei sich selber ansetzen.

DAS MILIEU: Weiten Sie das auch auf Ernährung oder andere Bereiche Ihres Lebens aus?

Dr. Burckhardt: Ja, das sowieso. Ich hab zum Beispiel ein Fairphone. Ich hatte mich informiert, was als Alternative möglich ist. Oder bei der Ernährung: Wir gehen im Bio-Markt einkaufen. (Lacht) Also, bei uns kocht der Mann, und der hat zum Beispiel von mir die klare Ansage, nicht bei den Discountern einzukaufen.

DAS MILIEU: Wie kam es zu Ihrem Engagement ausgerechnet in Bangladesch?

Dr. Burckhardt: Das hat mit vielen Umwegen zu tun. Ich habe viel im Ausland gelebt und gearbeitet und komme eigentlich aus der Entwicklungszusammenarbeit. Ich war länger in Nicaragua, in Äthiopien und Pakistan, merkwürdigerweise aber nicht in Bangladesch. Über die Kampagne Saubere Kleidung, bei der ich FEMNET vertrete, bin ich zur Textilindustrie gekommen, und habe mich mit Bangladesch als Produktionsland intensiver beschäftigt. Ich war auch in Kambodscha, in China, in der Türkei und habe mir verschiedene Fabriken angeschaut. Aber aus der Sicht von Deutschland bin ich für Bangladesch im Rahmen der Kampagne diejenige, die sich am besten dort auskennt und da war.

DAS MILIEU: Sind die Bemühungen nicht eher Symptom-Bekämpfung einer maroden Regierung und unausgeglichenen Wirtschaft vor Ort, als langfristige Prävention solcher Zustände?

Dr. Burckhardt: Meine Vorschläge setzen an verschiedenen Stellen an und an verschiedenen Stellen muss auch etwas getan werden: In der Regierung von Bangladesch wie auch in der unseren, in den Unternehmen und bei den Konsumenten. Aber die größte Verantwortung sehe ich bei den einkaufenden Unternehmen und der Regierung hier, weniger bei den Konsumenten. Weil ich glaube, dass der Konsument oder die Konsumentin etwas überfordert ist, für alle Waren Internetrecherchen zu machen. Die vielen verschiedenen Siegel, zu dessen Vielfalt die Unternehmen ja bewusst beitragen – H&M mit „Concsious“, C&A mit „Bio Cotton“ – macht es schwierig für den Einzelnen, durchzublicken. Dennoch: Wer sich damit sehr beschäftigt, weiß auch schon, worauf er oder sie eigentlich achten muss. Konsumenten haben schon eine gewisse Bedeutung, aber nicht diese Durchschlagskraft. Wichtig ist eben auch, dass z.B. die deutsche Regierung Gesetze erlässt, die die Unternehmen dazu zwingen, entsprechend ihrem Auftragsvolumen auch Vorsorge zu betreiben. Diese verpflichtenden Regulierungen vertrete ich sehr vehement im Textilbündnis, bei dem ich stellvertretend für FEMNET Mitglied geworden bin. Der Minister möchte ein freiwilliges Bündnis und die Unternehmen, die jetzt doch beigetreten sind, haben dies auf freiwilliger Basis getan. Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Notwendig ist aus meiner Sicht eine Verpflichtung mit bestimmten Regularien.

Man darf dabei die Ebenen nicht vermischen. Die eine ist das Land Bangladesch, oder ein anderes Produktionsland, die andere ist Deutschland. Das ist alles sehr komplex und man muss sehr genau unterscheiden. Unsere Hauptaufgabe als FEMNET und als Kampagne für Saubere Kleidung ist die Stärkung der Zivilgesellschaft in den Ländern dort, damit sie selber Veränderungen und Verbesserungen erkennen und umsetzen können. Wir sagen auch, dass die Unternehmen aus diesen Ländern nicht ‚weg gehen‘ sollen und z.B. in Deutschland produzieren – das ist keine Alternative. Sondern wir wollen, dass die Arbeitsplätze dort erhalten bleiben, aber eben zu fairen Bedingungen und dass gute Arbeit fair entlohnt wird. Darauf kommt es an. Deswegen unterstützen wir z.B. die Gewerkschaften im Kampf um bessere Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen.

DAS MILIEU: Bei der Beschreibung des Konsumverhaltens zeichnen Sie ein eher gewissenloses Bild der Konsumenten, vor allem junger Menschen. Stoßen Sie damit nicht vielleicht der wichtigsten Zielgruppe vor den Kopf?

Dr. Burckhardt: Ich sage nicht, dass das bei allen so ist. Ich kenne genug junge Menschen, die genau anders denken. Es geht dabei um ein ganz bestimmtes Klientel und ich glaube, dass sich in der großen Masse das Prinzip Fast Food/Fast Fashion durchgesetzt hat. Die Klientel geht zu H&M oder Primark. Es gibt aber auch eine zunehmend kritischere Konsumentengruppe. Zum Beispiel führe ich auch auf, dass es parallel zur Fashion Week in Berlin die Ethical Fashion Week gibt, und immer mehr stellen ihre fairen Marken dort aus. Das zeigt, dass es auch einen Markt dafür gibt.

Ich glaube aber eben auch, dass es die große Masse noch nicht erreicht hat, der es nur um den Preis geht, egal unter welchen Bedingungen die Ware hergestellt wird – und das sehe ich kritisch. Mir wird immer gesagt: „Das können sich doch nur die Reichen leisten, Hartz 4-Empfänger können das eben nicht“, und da würde ich widersprechen. Denn es ist eine Frage des Bewusstseins und nicht des Geldbeutels. Es gibt die Möglichkeit, gute Mode second hand zu kaufen, oder Internetportale für gebrauchte Kleidung, sowie Upcycling und Recycling. Wer sein Konsumbewusstsein hinterfragt, der findet Wege und sowas brauchen wir.

Und noch ein ganz wichtiger Aspekt: Um die Jugend zu erreichen, möchte ich eigentlich nicht mit dem erhobenen Zeigefinger dastehen, sondern ich denke, dass gerade öko-faire Mode besonders schick sein muss. Sie muss „in“ werden und vom Design her ansprechen. Nur dann hat sie wirklich eine Chance. Und man muss vergleichen, was den Preis betrifft: Man kriegt ein öko-faires T-shirt heute für 15-20€, aber ein Puma oder addidas-Shirt kostet 50-60€. Ist also teurer, aber nicht fairer hergestellt.

DAS MILIEU: Welche Zielgruppe sprechen Sie mit Ihrem Buch an?

Kein Fachpublikum, sondern eher das allgemeinere Publikum. Wobei es natürlich sehr komprimierte Informationen sind, aber ich glaube, und hoffe zumindest, dass das Buch gut und leicht lesbar ist. Ich hab es auch nicht alleine geschrieben – Swantje Steinbrink war dabei. Ich tendiere ja mehr zur wissenschaftlichen Argumentation, und sie hat es populärwissenschaftlich umformuliert. Also: Für die allgemeine Öffentlichkeit.

DAS MILIEU: Aus vielen Ihrer Zeilen spricht Wut, Fassungslosigkeit, auch Vorwürfe. Ist dieser emotionale, eindringliche Stil bewusst so gewählt?

Dr. Burckhardt: Das ist schon richtig, aber es muss noch sachlich sein. Manchmal wird es ein wenig flapsiger, das war dann meine Kollegin. Aber das ist mit mir in Abstimmung passiert und ganz bewusst so gewählt. Wir wollen ja auch anrühren.

DAS MILIEU: Es hört sich an einigen Stellen so an, als wäre es verwerflich, wie geschickt Marken ihre Exklusivität ausspielen, sich vermarkten und zum Konsum anregen. Könnte der Öko-Fashion-Sektor nicht auf den Zug aufspringen, und zeitgleich ethisches Konsumbewusstsein weitertragen?

Dr. Burckhardt: Das müssen Sie die Öko-fairen Marken fragen. So wie die Armed Angels zum Beispiel, die sind schon relativ bekannt. Zum einen wollen öko-faire Marken seriös sein, aber da ist auch immer die Gefahr des Greenwashing. Da muss man aufpassen. Von daher finde ich es schon richtig, wenn Marken nichts behaupten, was sie nicht richtig belegen können. Aber der andere Aspekt ist sicherlich, dass den meisten öko-fairen Marken einfach das Budget fehlt. Sie haben nicht die Mittel wie H&M, die da in die Vollen gehen können. Wenn sie könnten, würden sie wahrscheinlich stärker ins Marketing gehen. Vielleicht liegt es auch noch daran, dass Menschen, die sich mit öko-fairer Mode beschäftigen, an diesem Thema sehr interessiert sind, und nicht so sehr aus der Marketing-Ecke kommen. Und dann kümmert man sich um solche Fragen leider auch zu wenig.

DAS MILIEU: Lehrer, Eltern, Vorbilder – hier könnte früh angesetzt ein neues, verantwortungsbewussteres Denken geschaffen werden. Was ist also mit dem Bereich „Bildung“?

Dr. Burckhardt: Da wird schon viel gemacht. Ich weiß, dass es dazu sehr viel Unterrichtsmaterial gibt und wir als FEMNET selber haben ein Bildungsprojekt, womit wir uns an die Universitäten wenden: „Fairschnitt – Studieren für eine sozialgerechte Modeindustrie“, wo wir genau das machen. Wir wollen die zukünftigen Einkäufer von Kleidung für Themen wie Nachhaltigkeit und Sozialstandards sensibilisieren. Das ist uns eigentlich ein sehr wichtiges Anliegen. Ich kann im Buch ja nicht alles abdecken, aber wir tun da etwas.

DAS MILIEU: Schnelle, unterhaltende Information und Verbreitung im Web 2.0: Ich als Medienstudierende frage mich, welche Bedeutung und Rolle Sie im konkreten a) der Social Media Community bisher beimessen und b) im Generellen zutrauen.

Dr. Burckhardt: Ich finde die schon sehr wichtig und sie wird auch immer wichtiger. Zum Beispiel wird in den verschiedenen Blogs über dieses Thema gesprochen. Wir als FEMNET haben eine eigene Internetseite, wir haben Facebook, auch von Kampagne Saubere Kleidung, wir wollen für "Fairschnitt" einen Blog einrichten.

Sie müssen bedenken, wir als NGOs haben nur begrenzte Kapazitäten, sowohl personell als auch finanziell. Daran scheitert es dann oft. Nur eine Person für den Bereich Social Media ist gar nicht bezahlbar. Wir haben zwar eine Person, die das Abdecken soll, aber halt nicht ausschließlich. So kleinteilig können wir meist nicht vorgehen. Das ist nicht in den Budgets für NGOs drin.

DAS MILIEU: Welchen letzten Appell haben Sie für die Leser des MILIEUS?

Dr. Burckhardt: Konsumiert bewusster. Nicht einfach billig, und bei Fast Fashion mitmachen. Das kann man ja auf alle Bereiche beziehen. Ob das jetzt Mode ist, oder ob das Essen ist – man muss über die Konsequenzen nachdenken. Bewusster konsumieren, sich genau bewusst machen, dass für Billigware per se jemand bezahlt, und dass der Umkehrschluss nicht gilt: Dass man bei teurer Ware faire Arbeitsbedingungen hat. Sich informieren, wer fair herstellen lässt, oder eben in Second Hand Läden kaufen oder selber machen.

DAS MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Burckhardt.

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