Erziehungsberater im Interview

Dr. Jan Uwe Rogge: "Es muss alles laufen, wie ich will - Das ist unser Problem"

15.05.2015 - Hosay Adina-Safi

Die Fehlersuche bei den heutigen Kindern und Jugendlichen, verweist uns letztlich zu den Eltern, ihren Ängsten und Unsicherheiten und auch ihren Hoffnungen. DAS MILIEU sprach mit einem der bekanntesten Erziehungsratgeber, Dr. Jan Uwe Rogge, über Lösungsansätze für die alltäglichen Konflikte zwischen Eltern und Kindern.

 

 

DAS MILIEU: Herr Rogge, worin sehen Sie in unserer heutigen Gesellschaft die größten Herausforderungen für das Konzept der Familie?


Dr. Jan Uwe Rogge: Das ist eine sehr allgemeine Frage. Wieviel Zeit haben wir denn? (lacht) Die größten Herausforderungen? Ich denke, eine große Herausforderung ist, alles richtig zu machen, alles perfekt zu machen, alles im Griff zu haben. Die meisten Fragen und Probleme in der Erziehung haben damit zu tun, dass man immer denkt: es muss alles laufen, wie ich will. Um es mal positiv zu formulieren: Ganz wichtig ist es, das Gefühl von Gelassenheit, von Zulassen, von Entstressung, auch von Entschleunigung zu vermitteln.

DAS MILIEU: Oft hört man Erwachsene, die vielleicht auch überfordert sind, sagen: „Kinder haben heutzutage keinen Respekt vor Erwachsenen“. Wie kommentieren Sie diese Äußerung?
 
Dr. Rogge: Ach ich halte diese Überlegungen, Kinder hätten keinen Respekt, für kompletten Unsinn. Kinder haben immer dann Respekt, wenn man Ihnen auch selber Respekt entgegenbringt. Kinder wollen gewürdigt, wertgeschätzt werden und wenn sie das erleben, dann wertschätzen und würdigen sie auch die Erwachsenen. Das bedeutet, dass das Kind zunächst in seiner Persönlichkeit angenommen werden muss. Das Kind anzunehmen so wie es ist, mit all seinen Stärken, aber auch in den Persönlichkeitsbereichen, die vielleicht noch nicht so entwickelt sind. Das heißt also, zunächst bei dem Kind auf Stärken zu achten, auf das zu achten, was das Kind kann, es in all seinen Emotionen ernst zu nehmen. Das heißt also nicht nur in den guten Emotionen, sondern auch, wenn das Kind Angst hat oder das Kind aggressiv ist.

DAS MILIEU: Sie meinen, dass in Familien, in denen der Umgang mit den Kindern als schwierig und problematisch erlebt wird, in erster Linie mit den Eltern gearbeitet werden muss?

Dr. Rogge: Mein Ansatzpunkt ist immer, dass ich mich zuerst über die Eltern in das System Familie begebe. Wenn Eltern an einer Stellschraube drehen, auch gemeinsam mit mir als Berater, dann kann man positive Veränderungen hervorrufen.

DAS MILIEU: Wenn wir Familie als einen wichtigen Teil der Gesellschaft betrachten, was würden Sie in der Gesellschaft verändern, um Familien und Erziehungsprozesse zu fördern?

Dr. Rogge: Ich bin jetzt schon so lange dabei, dass ich das Wort Veränderung gar nicht so gerne in den Mund nehme. Was die Eltern brauchen, ist dass die Eltern selber ernst genommen werden. Sie brauchen Begleitung, sie brauchen auch Verstärkung, sie brauchen Unterstützung. Das heißt auch, dass sie ein niedrigschwelliges Beratungsangebot haben sollten, dass man zu einer Beratungsstelle oder zu einem Berater gehen kann, der im Nahbereich ist und nicht immer erst so lange wartet, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist. Man sollte bereits mit den Eltern arbeiten, wenn die Eltern und das Kind auf dem Weg zum Brunnen sind.

DAS MILIEU: Steckt da auch die Annahme dahinter, dass viele Eltern nicht gerne bzw. freiwillig zu Beratung gehen?

Dr. Rogge: Das kommt immer sehr auf den Berater oder die Beraterin an. Wenn der Berater ein Besserwisser ist, dann kriegen Eltern das sehr schnell mit und gehen dann auch nicht mehr hin. Jede Mutter und jeder Vater hat ein Konzept, sie haben eine Vorstellung von ihrer Erziehung, und ein guter Berater arbeitet mit dem, was vorhanden ist, nicht mit dem, was nicht vorhanden ist. Die Hemmschwelle, überhaupt zu einer Beratung zu gehen, wird dadurch überwunden, dass es beispielsweise eine ganze Menge an niedrigschwelligen Angeboten gibt. Es gibt Eltern-Kind-Gruppen, Familienbildungsstätten, andere Einrichtungen, die sehr gute niedrigschwellige Angebote machen. Wenn Eltern das Gefühl haben, da bekomme ich was, das bringt mich weiter, das macht mich sicherer, da kann ich meine Unsicherheit abladen, dann kommen die Eltern auch. Das ist überhaupt kein Thema.

DAS MILIEU: Aktuell sind die Kindertagesstätten wieder in den Medien. Bezahlung und Anerkennung des Erzieherberufs werden diskutiert. Was müsste in Deutschland geschehen, damit unser Erziehungssystem mehr Aufmerksamkeit bekommt?

Dr. Rogge: Ich denke, dass gerade diejenigen, die mit Familie und mit Kindern zu tun haben, auch Wertschätzung erfahren müssen. Wertschätzung sowohl im emotionalen als auch im materiellen Bereich. Ich halte das für ausgesprochen wichtig und notwendig. Eine Erzieherin kann die Kinder nur dann wertschätzen, wenn sie sich selbst wertgeschätzt fühlt. Das ist, glaube ich, das Entscheidende. Wertschätzung heißt auch Anerkennung der Arbeit, in der psychischen und physischen, aber natürlich auch in der materiellen Dimension. Insgesamt hat das zur Folge, dass man im gesamten Bildungsbereich, Elternbildungsbereich, Familienbildungsbereich, im gesamten Kindergarten- und Schulbereich, nicht spart, sondern dass man dort wirklich investiert! Generell ist der Bildungsbereich immer noch unterversorgt ist, materiell vor allem – gucken Sie sich mal die Haushaltspolitik an. Und da muss sich grundlegend was verändern!

DAS MILIEU: Gehen wir über zu der Schulbildung: Kinder und Jugendliche verbringen sehr viel Lebenszeit in der Schule. Gleichzeitig gibt es viele Lehramtsstudierende und Lehrkräfte, die den sehr geringen Anteil an der pädagogischen Ausbildung im Studium bemängeln. Wir verschenken doch ein riesiges Potenzial, denn Lehrer könnten eine bedeutungsvollere Rolle einnehmen, oder?

Dr. Rogge: Ich denke, dass die Lehrerausbildung viel zu technisch ist, dass sie zu wenig Wissen über Kinder und Heranwachsende vermittelt. Ich glaube, entscheidend ist, dass der Bildungsbereich – Bildung verstanden im Herausbilden einer Persönlichkeit – im Studium eine zu geringe Rolle spielt, gerade was die Schule anbetrifft. Im Kindergartenbereich ist da schon eine ganze Menge im Positiven am Laufen.

DAS MILIEU: Bleiben wir bei der Schule: „Leistung um jeden Preis“ – so könnte das Motto der heranwachsenden Gesellschaft lauten. Wie betrachten Sie die Entwicklungen, in denen das Leistungs- und Konkurrenzdenken immer mehr Einzug in das Leben noch sehr junger Menschen nimmt?

Dr. Rogge: Da bin ich einer, der die Meinung vertritt: „Kinder wollen doch was leisten!“. Sie wollen sich auch in Ergebnissen wiederfinden, sie wollen sich in Projekten einbringen, sie wollen sich im Tun wiederfinden. Kinder sind stolz auf eine selbst erbrachte Leistung, man muss sie daher motivieren. Man muss sie intrinsisch motivieren, das heißt an dem ansetzen, was das Kind kann. Der Leistungsbegriff ist immer dann ein Problem, wenn er von außen an das Kind herangetragen wird, wenn er sich in Noten bemisst oder in Statistiken. Den Leistungsbegriff generell zu verteufeln, davon halte ich überhaupt nichts:

DAS MILIEU: Das wertvollste Gut unserer Lebenswelt ist Zeit. Welche Rolle spielt Zeit bei der Erziehung von Kindern und Jugendlichen?

Dr. Rogge: Zeit spielt eine zentrale Rolle. Das erste ist, dass ich auf die Zeit der Kinder eingehen muss. Kinder wollen eine Mischung aus vorbestimmter und selbstbestimmter Zeit, das heißt Kinder wollen klare Strukturen, aber sie wollen auch freie Zeit, die man ihnen zur Verfügung stellt. In ihrer freien Zeit können sie auch einfach abhängen und rumhängen, das gehört mit zu ihrer Zeit dazu und es ist wichtig, ihnen diese Zeit auch zu geben.

DAS MILIEU: Wie zeitlos sind Erziehungskonzepte?

Dr. Rogge: Wenn man sich einmal anguckt, was Maria Montessori geschrieben hat, was Pestalozzi geschrieben hat, was Froebel geschrieben hat, wenn man sich die Humboldtschen Bildungskonzepte anguckt, die sind sehr lange her und immer noch gültig. Sie haben ihren Wert auch für heute und sind in dem Sinne zeitlos, vor allem aber deshalb, weil sie versuchen, das Kind in seiner Persönlichkeit ernst zu nehmen, weil sie ganz viel Wert darauf legen, Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten. Wenn man sich die Erziehungsziele ansieht, dann sieht man, dass sie alle eigenständige Persönlichkeiten wollten, die zu sich selber stehen, ihr Leben auf ihre Art und Weise meistern. Der Satz von Maria Montessori,…

DAS MILIEU: „Hilf mir, es selbst zu tun.“

Dr. Rogge: Ja, genau. „Hilf mir, es selbst zu tun“ ist ein zentraler Satz, also eigentlich steckt da alles drin: Das Kind zu unterstützen, das Kind zu begleiten, das Kind dazu anzuregen, bestimmte Potenziale auszubilden. Mir ist daher auch der Begriff der Erziehung zu sehr auf das „Ziehen“ begrenzt. Der Begriff Bildung oder Ausbildung passt meiner Meinung nach besser zu dem, was gebraucht wird.

DAS MILIEU: Worin sehen sie neue Herausforderungen, mit denen zukünftige Eltern konfrontiert werden?

Dr. Rogge: Ich halte es für wichtig, dass man einen Aspekt immer berücksichtigt, nämlich dass man auch bereit ist, von Kindern zu lernen. Eltern können viel von den Kompetenzen und Fähigkeiten ihrer Kinder lernen. Erziehung oder Bildung ist nicht nur ein Geben, sondern auch ein Bekommen. Diesen Aspekt müssen wir wieder stärker in den Vordergrund rücken, so wie es auch Pestalozzi oder Montessori gemacht haben. Das denke ich ist eine zentrale Herausforderung oder wird auch immer mehr zu einer Herausforderung.

DAS MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch!

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