Forensische Psychiaterin im Interview

Dr. Nahlah Saimeh: "Viele Täter sind psychopathisch und verachten Frauen"

01.07.2020 - Anna Stahl

Sie gaukeln jungen Frauen die große Liebe vor, erziehen sie zur Hörigkeit und zwingen sie in die Prostitution: sogenannte Loverboys. Katharina M. fiel einem von ihnen zum Opfer. Über ihr jahrelanges Martyrium hat sie zusammen mit der Spiegel-Redakteurin Barbara Schmid ein Buch geschrieben, das unter die Haut geht. Die forensische Psychiaterin und Gutachterin Dr. Nahlah Saimeh kennt das Phänomen der Loverboys aus ihrer Berufspraxis. Im Interview gibt sie Einblick in die Machtmechanismen, welche die Täter nutzen, um ihre Opfer emotional von sich abhängig zu machen.

DAS MILIEU: Frau Doktor Saimeh, Sie haben das Vorwort zum Buch „Schneewittchen und der böse König“ geschrieben, in dem Katharina M. erzählt, wie sie von einem sogenannten „Loverboy“ gefügig gemacht und zur Prostitution gezwungen wurde. Was hat sie dazu veranlasst, sich mit dem Phänomen zu beschäftigen?

Dr. Nahlah Saimeh: Als forensische Psychiaterin befasse ich mich intensiv mit sexueller und nicht-sexueller Gewalt. Ich begutachte natürlich auch Personen, die im Zusammenhang mit Zuhälterei unterschiedliche Formen von Gewalt ausgeübt haben und ich kenne aus meiner forensischen Tätigkeit konkrete Fälle sog. „Loverboys“.

MILIEU: Im Fall von Katharina M. wurde der Täter in einem gerichtlichen Gutachten als sadistisch beschrieben, ohne Empathievermögen, mit Merkmalen einer dissoziativen Störung. Gibt es pathologische Merkmale, die alle Täter aufweisen?

Dr. Saimeh: Es hat sehr viel mit antisozialen Einstellungen zu tun. Es handelt sich um ein hochgradig manipulatives Spiel mit einem emotional abhängigen und dann auch sozial komplett isolierten Menschen, der eigenen ökonomischen und machtstrategischen Zielen komplett geopfert wird. Viele Täter sind psychopathisch und hegen eine Verachtung für Frauen. Diese Frauenfeindlichkeit ist die Grundlage dafür, Frauen als ökonomisch ausbeutbare „Masse“ zu betrachten.

MILIEU: Gerade im Kontext feministischer Debatten erfährt männliche Gewalt wachsende gesellschaftliche Beachtung. Wieso ist die Täterrolle für Männer reserviert?

Dr. Saimeh: Männer-Gewalt ist nicht nur für Frauen ein Problem, sondern letztlich ja auch für die Männer selbst und eine Gesellschaft, die auf Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Geschlechter abzielt, schenkt dem Problem natürlich mehr Beachtung. Das ist gut und zwar für das Zusammenleben aller Geschlechter. Faktisch überwiegen bei Gewaltdelinquenz Männer. Nur 12 bis 15 % aller Tötungsdelikte werden von Frauen begangen. Bei den Sexualdelikten ist der Unterschied noch extremer. Gewalt im Rotlichtmilieu ist eine Männer-Domäne. Dass Männer beim Thema Gewalt allgemein überwiegen – im Übrigen sowohl als Täter als auch als Opfer –  hängt mit einer Kombination und Wechselwirkung vieler Faktoren zusammen: das genetische Erbe unserer Frühzeit, Testosteron, soziale Bedingungen, Erziehung, die mehr oder weniger gestörte Entwicklung einer männlichen Identität und das Rollenverständnis vom Mann-Sein und Frau-Sein.

MILIEU: Gibt es Frauen, die besonders gefährdet sind, einem Loverboy zum Opfer zu fallen?

Dr. Saimeh: Vor allem sind junge Frauen gefährdet, die in einer Entwicklungsphase sind, in der sie ihren erotischen Status als Frau festigen wollen und die durch eine gewisse Naivität leicht zu beeinflussen sind. Zum anderen geht es um die Sehnsucht nach einer romantischen großen Liebe. Dieses Bedürfnis ist ja allgemein menschlich und wird von Loverboys strategisch schamlos ausgenutzt. Sehr junge Frauen werden durch die männliche Umwerbung besonders in ihrem Frau-Sein und ihrer erotischen Maturität geschmeichelt. Wenn man jemanden kennenlernt, muss man sich aber trotzdem die Person genau ansehen. Junge Frauen entsprechen sicher mehr dem Geschäftsmodell des Täters.

MILIEU: Welche Anzeichen gibt es für Außenstehende, die auf ein Abhängigkeitsverhältnis zu einem Loverboy hinweisen?

Dr. Saimeh: Ein Alarmzeichen ist, wenn der neue „Freund“ die Frau aus ihren bisherigen sozialen Bezügen völlig herauslöst und isoliert und wenn viele bislang gut funktionierende soziale Beziehungen plötzlich konflikthaft werden und Kontakte abgebrochen werden. Kritisch ist auch, wenn in einer Beziehung wirklich alles nur noch zu Zweit gemacht wird und jemand gar keinen privaten Freiraum mehr für sich haben darf.

MILIEU: Der Täter separiert Katharina M. systematisch von ihrer Familie. Wie können Mädchen und junge Frauen von ihrem Umfeld davor geschützt werden, zu Opfern zu werden?

Dr. Saimeh: Aufklärung über das Phänomen und die Manipulationsstrategien ist wichtig. Daher gehört das Thema unbedingt in die Schulen und Berufsschulen.  Das Thema muss Unterrichtsstoff werden. Eltern müssen aufgeklärt werden. Es gehört aber auch an die Universitäten und Fachhochschulen in den Bereich der sozialen Beratung für Studierende.

MILIEU: An mehreren Stellen im Buch wird beschrieben, wie die Polizei nach einem Gewaltausbruch des Täters versucht, Katharina zu einer Aussage gegen den Täter zu bewegen. Wieso müssen diese Versuche scheitern?

Dr. Saimeh: Wenn Sie als Loverboy Ihr Handwerk perfekt beherrschen, gelingt Ihnen die komplette Kontrolle über die Person: Sie arbeiten zunächst an der wundervollen Erinnerung an eine romantische Liebeserfahrung, die Sie vorgegaukelt haben. Dann arbeiten Sie mit dem Einfordern von Loyalität und erzeugen materielle Abhängigkeit. Die nächste Stufe ist, dass Sie dem Opfer einreden, dass es selbst die Schuld an den Gewaltausbrüchen des Täters trägt. Das Opfer muss sich selbst als Verursacher der eigenen Misshandlungen ansehen. Und die letzte Stufe ist schlichtweg, dass Sie mit massiver Gewalt das Opfer so ängstigen, dass es aus lauter Angst um das eigene Überleben den Mund hält. Es gibt also am Anfang viel Zuckerbrot, dann eine Mischung mit der Peitsche und nachher nur noch Peitsche.

MILIEU: Nachfrage: Hätten die Beamten etwas unternehmen können, um Katharina zu befreien?

Dr. Saimeh: Für Prostituierte ist die Polizei bislang keine hinreichende Vertrauens-Instanz, zumal illegale Prostitution eben illegal ist. Man muss zunächst mal klar unterscheiden, wer hier Täter und wer hier Opfer ist. Täter sind aber nicht die Dienstleisterinnen. Es muss sehr niederschwellige Beratungsangebote geben, die sehr leicht zugänglich sind.

MILIEU: Im Buch wird auch die Diskrepanz zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung thematisiert. Katharina fordert ihre Kollegin Fatima auf, deren gewalttätigen Ehemann zu verlassen, nimmt die Gewalt des Täters ihr selbst gegenüber aber hin. Wieso legt das Opfer hier unterschiedliche Maßstäbe an?

Dr. Saimeh: Man kann ja jemandem etwas raten, weil man der anderen Person mehr Kraft für einen solchen Schritt zutraut, die man selbst nicht mehr aufzubringen vermag. Hinter einem solchen Ratschlag kann ja sehr wohl das Realisieren der eigenen Situation stehen, aber die Aushöhlung der eigenen Persönlichkeit und dann auch noch die Mischung aus Scham-und Schuldgefühl verhindern den eigenen Ausstieg. Aber man gibt den Rat an Leidensgenossinnen weiter.

MILIEU: Welche Möglichkeiten gibt es, Opfer aus der Gewalt eines Loverboys zu befreien?

Dr. Saimeh: Zunächst mal ist das die Arbeit von Kriminalisten im Bereich Menschenhandel. Wenn Prostituierte krank oder völlig erschöpft aussehen, verwahrlost oder sogar Spuren körperlicher Gewalt haben, muss man zur Polizei gehen. Aber wie muss eine Gesellschaft funktionieren, dass man als Freier wirklich zur Polizei geht? Und wie zivilisiert muss das Verhältnis zwischen den Geschlechtern sein, damit das Realität wird? Kriminalität ist immer ein Nutznießer von Doppelbödigkeit.

MILIEU: Wir danken Ihnen für das Interview, Frau Dr. Saimeh!

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