Evolutionspsychologe im Interview

Dr. Paul Ekman: "Mir bleibt so gut wie nichts verborgen"

15.04.2014 - Tahir Chaudhry

Er ist einer der bedeutendsten Psychologen unserer Zeit. 2009 zählte ihn das Time-Magazine zu den 100 einflussreichsten Menschen und eine ganze US-Serie basiert auf seiner Arbeit als Emotionsforscher. DAS MILIEU sprach mit Dr. Paul Ekman über emotionale Gesichtsausdrücke, die Verwerflichkeit von Lügen und sein Leben als menschlicher Lügendetektor.

DAS MILIEU: Was sehen Sie in den Gesichtern von Menschen, was andere nicht sehen?

Dr. Ekman: Das sind meist sehr subtile Gesichtsausdrücke, die sehr klein in ihrem Umfang sind. Ich kann auch Mikroausdrücke sehen, die von sehr kurzer Dauer sind und nur etwa 1/25 der Sekunde aufblitzen. In unseren Studien haben wir herausgefunden, dass 95 bis 99 % der Menschen einen Großteil der Emotionen beim Gegenüber verpassen. Daraufhin haben wir ein Online-Tool entwickelt, das Menschen diese Fähigkeit innerhalb von ein bis zwei Stunden antrainiert.  

DAS MILIEU: Seit den 1960ern studieren Sie emotionale Gesichtsausdrücke. Kann Sie überhaupt noch irgendein Gesichtsausdruck überraschen oder kennen Sie schon jeden Einzelnen?

Dr. Ekman: Ich würde sehr gerne auf einen Gesichtsausdruck stoßen, den ich noch nie zuvor gesehen habe. Auch würde ich sehr gerne den Ausdruck einer Emotion sehen, der für eine bestimmte Kultur spezifisch ist und entweder bedeutungslos für eine andere Kultur ist oder gar gegenteilig verstanden werden kann. Ich habe niemals so etwas gesehen, aber wenn es existieren sollte, dann wäre das sicherlich eine große Entdeckung.

DAS MILIEU: Gibt es denn Unterschiede zwischen den emotionalen Gesichtsausdrücken von Menschen unterschiedlicher Herkünfte und Kulturen?
 
Dr. Ekman: Nach meiner Definition von Emotion ist diese etwas, dass bei allen Menschen und anderen Primaten vorzufinden ist. Mit anderen Worten: es ist ein Teil unseres biologischen Erbes. Es ist ein evolutionäres Verhalten. Mehr als dies ist es eine ganze Reihe von evolutionären Aktivitäten, die durch das zentrale Nervensystem gesteuert werden. Sie beinhalten Erinnerungen, Erwartungen, bestimmte Auslöser (Trigger), Signale, Veränderungen im körperlichen Empfinden, assoziiertes Denken und vorraussichtliche Handlungen. Dabei steht jeder einzelne Emotionsbegriff wie zum Beispiel „Zorn“ für eine ganze Familie von verwandten Emotionen und nicht für eine einzige Emotion. Wut, Empörung, Groll, Verzweiflung oder Empörung sind auch Mitglieder der „Zorn“-Familie.

DAS MILIEU: Warum ist es für Sie so einfach Lügen aufzudecken?

Dr. Ekman: Einfach ist es für mich nicht. Ich kann Lügen aufdecken, die sich daraf beziehen, wie sich jemand gerade fühlt, aber eine Lüge, die sich auf einen Plan oder eine Handlung bezieht, die jemand begangen hat, ist nicht so einfach aufzudecken. Bei einer solchen Untersuchung muss nicht nur auf das Gesicht, sondern auch auf den Klang der Stimme, auf die Nutzung von Begriffen und auch auf die Gestik geachtet werden. Das alles muss miteinbezogen werden, um erfolgreich zu sein.

DAS MILIEU: Was verraten Ihnen speziell die vorher erwähnten Mikroausdrücke?

Dr. Ekman: Mikroausdrücke sagen mir, was mein Gegenüber vor mir verbirgt. Es sind nur sieben Basis-Emotionen des Menschen, die einen Mikroausdruck auslösen. Es sind: Freude, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung. Ein Mikroausdruck sagt mir aber nicht, ob das Gegenüber eine bestimmte Emotion vor sich selbst durch Verdrängung (repression) verbirgt oder sie diese durch Unterdrückung (suppression) mir gegenüber nicht offenbaren will.

Oft tauchen diese Mikroausdrücke auf, ohne dass wir uns darüber bewusst sind. Sie blitzen aber nicht auf, ohne dass besonders starke Empfindungen in uns aufkommen. Sie werden beispielsweise sehr deutlich, wenn etwas auf dem Spiel steht, wenn eine harte Strafe auf Sie wartet, wenn Sie die Wahrheit sagen. Also wenn das Leben, das Vermögen oder die Beziehung in Gefahr ist, dann können diese Mikroausdrücke auftauchen.  

DAS MILIEU: Gibt es Menschen, die diese Mikroausdrücke so kontrollieren können, dass Sie nicht mehr in der Lage sind, diese aufzudecken?

Dr. Ekman: Ich denke schon. Meine Schätzung ist, dass etwa fünf Prozent der normalen Bevölkerung so gute Lügner sind, dass wir sie nie entlarven könnten. Ich weiß nicht, warum das so ist. Außerdem unterhalte ich keine Schule für Lügner, deshalb weiß ich nicht genug über solche Menschen.

DAS MILIEU: Hier würde ich gerne generell auf Lügen eingehen... Zwar würden die meisten Menschen das Lügen als etwas Schlechtes ansehen, aber würden dabei „Notlügen“ als harmlos einstufen. Alle großen Weltreligionen verbieten das Lügen. Auch Philosophen wie Immanuel Kant sprach vom kategorischen Lügenverbot. Sie als ein Experte in diesem Bereich, wie stehen Sie zur Lüge?

Dr. Ekman: Man sollte immer versuchen, sich in die Position des Gegenübers hineinzuversetzen. Wie wäre es für einen selbst, angelogen zu werden? Und wie wäre es für jemanden, das herauszufinden? Würde sich das Gegenüber nicht ungerecht behandelt oder ausgenutzt fühlen? Oder würde das Gegenüber die Lüge als einen großen Gefallen ansehen und dankbar dafür sein?

Auf der anderen Seite gibt es äußerst seltene Extremsituationen: Zum Beispiel ist es schwierig, von einem Menschen zu verlangen, die Wahrheit zu sagen, wenn jemand mit einem Messer vor der Haustür steht und nach dem Bruder verlangt, da er ihn töten möchte. Würde man nicht lügen, um dessen Leben zu retten? Generell muss man aber sehr vorsichtig sein, denn die Lüge kann ein sehr glitschiger Abhang sein.

DAS MILIEU: Politiker sind ja bekannt für ihre Lügen. Wenn diese also reden, dann können Sie wahrscheinlich viel mehr sehen, als der durchschnittliche Wähler oder? Und wer unter den amerikanischen Präsidenten war der beste Lügner?

Dr. Ekman: Ja, bei Politikern sehe ich tatsächlich viel mehr. Aber ich spreche niemals über einen Präsidenten, der im Amt ist oder sich für das Amt bewirbt, denn meine Forschung wurde schon immer durch die Regierung unterstützt und ich möchte meine Fähigkeiten nicht für parteipolitische Zwecke ausnutzen. Doch wenn sie nicht mehr im Amt sind, dann sind sie natürlich zum Abschuss freigegeben.

Bill Clinton war beispielsweise ein sehr schlechter Lügner. Ein beeindruckender Mensch, aber kein guter Lügner. Nixon war kein schlechter Lügner, aber er wurde ja aufgrund einer Sprachaufzeichnung der Lügen überführt. John F. Kennedy war ein ausgezeichneter Lügner und ich weiß, wann er gelogen hat. Und diese Lügen bezogen sich nicht auf seine sexuellen Eskapaden, sondern auf sein Wissen über militärische Fähigkeiten der Sowjets. Aber er zeigte keinerlei Signale für eine Lüge: ein großartiger Lügner!

DAS MILIEU: Dr. Cal Lightman, die Hauptfigur der Serie “Lie to me” (2009-2011), basiert auf auf Ihrer Person. Arbeiten Sie auch wie Lightman mit Geheimdiensten und der Polizei zusammen?

Dr. Ekman: Ja, ich habe schon mit Geheimdiensten zusammengearbeitet und arbeite aktuell auch mit der Polizei in den USA und in Großbritannien zusammen.

DAS MILIEU: Zu wissen, dass jemand lügt muss doch ein Fluch und ein Segen zugleich sein oder? Sie können ihre Fähigkeiten in Ihren Beziehungen zu anderen Menschen sicher nicht abstellen…

Dr. Ekman: Natürlich kann ich meine Fähigkeit, Mikroausdrücke zu sehen und damit Lügen aufzudecken, nicht abstellen. In meiner Familie halte ich mich damit zurück, nehme vieles zur Kenntnis, aber kommentiere es oftmals nicht. Als einen Fluch würde ich es nicht bezeichnen, weil es auch sehr unterhaltend ist, wenn ich in einem Warteraum sitze und meine Zeit damit verbringe.

DAS MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Ekman!

 

 

 

 

Paul Ekman: "Gefühle lesen", Spektrum Akademischer Verlag, 369 Seiten. ISBN: 978-3827425683

 

 

Das Interview führte Tahir Chaudhry am 8. April 2014.

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