Fußball-Weltmeisterschaft

Ein Blick nach Brasilien zwei Monate vor der WM

15.04.2014 - Anas Malik

Fußballbegeisterte Brasilianer gehen zu Hunderttausenden gegen die WM auf die Straße. Bei den Massenprotesten, die seit mehreren Monaten immer wieder über das Land rollen, geht es weniger um Fußball. Die Demonstranten werfen der Regierung vor, Milliarden für die prestigeträchtige WM zu verschleudern und dabei Bedeutendes, wie die Korruption in der öffentlichen Verwaltung oder die wirtschaftliche Ungleichheit zu übersehen.

Es sind weniger als zwei Monate bis zur Fußball Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. 32 Mannschaften kämpfen um den Titel. Wieder wird es in den deutschen Innenstädten große Fan- Feste, Public- Viewings und eine gute Stimmung geben. Die Welt erwartet spannende Spiele und wird diese mit Sicherheit bekommen. Die Kinder sind schon heute fleißig dabei „Panini“ Sticker ihrer Lieblinge zu tauschen und in die Hefte zu kleben, obwohl noch nicht einmal fest steht, wer zur Weltmeisterschaft nach Südamerika fährt und wer nicht. Während ein Rene Adler um sein WM Ticket bangt, geht zwei Monate vor der WM die Stadtregierung mit immer mehr Gewalt gegen die Bewohner der Favelas in Rio de Janeiro vor. Bereits Anfang April hatten nahezu 2.500 Armeesoldaten und Polizisten das Armenviertel Maré besetzt. Zuvor war es tagelang zu Schießereien gekommen. Offenbar ging es um eine Machtdemonstration der Polizei nach einer Provokation der Drogengangs.


Seit über fünf Jahren versucht die sozialdemokratische Provinzregierung der Partido dos Trabalhadores, die vom Staat jahrzehntelang vernachlässigten Armenviertel unter ihre Kontrolle zu bringen, und installiert dort Einheiten der Befriedungspolizei UPP (Unidade de Polícia Pacificadora). Doch das anfangs viel gelobte Konzept „Probleme im Keim zu ersticken“ zeigt inzwischen seine Schwächen. Denn mit der ständigen Polizeipräsenz geht keine soziale Verbesserung, wie zum Beispiel  Abwasser- oder Gesundheitsversorgung einher. Zudem klagen die Bewohner über ständige Übergriffe seitens der Uniformierten.

Nach dem ersten Todesfall im besetzten Favela Maré beginnen nun wieder die Proteste. Ähnlich wie beim Konföderationspokal im letzten Jahr sind viele Brasilianer enttäuscht, dass milliardenschwere Investitionen und Steuergelder nicht die Infrastruktur des Landes verbessern, keine Krankenhäuser, Schulen oder günstiger Wohnraum gebaut werden, sondern eher in üppige Stadien, mindererschwingliche mittlere Hotels oder teure Mautautobahnen investiert wird. Die damaligen Proteste entzündeten sich wegen einer Fahrpreiserhöhung und gerieten dann für einen Moment außer Kontrolle. So demonstrieren auch diesmal immer mehr arme und mittelständische Brasilianer und blockieren die nahegelegene Rio de Janeiro Stadtautobahn. Wütende Jugendliche werfen Steine und Flaschen auf die Polizisten, diese reagiere wiederum mit Tränengas und Gummigeschossen. Wieder gehen mehrere Busse in Flammen auf. Viele Kritiker werfen der Regierung wegen den Aktionen des Militärs und der Polizei vor, die Besetzungen der Favelas ohne rechtliche Grundlage durchzuführen. Zudem gab es zahlreiche Fälle, in denen korrupte UPP-Polizisten die kriminellen Geschäfte der Drogen- und Waffenbanden übernehmen.

 

Zwei Monate vor der Fußball- Weltmeisterschaft in Brasilien haben Polizisten in der Nähe des legendären Maracaná- Stadions nicht nur gewaltsam eine Armensiedlung geräumt, sondern klar gemacht, dass Brasilien immer noch eine Zweiklassengesellschaft hat. Fußball mag vielen Brasilianern eine Freude machen, jedoch nicht, wenn die Kinder wenig zum Essen haben, die Familie kein Hab und Gut hat, geschweige denn eine geregelte Arbeit und manche noch nicht einmal einen Platz zum Schlafen.

 

Die Folge ist, dass von Januar 2013 bis Januar 2014 in der sechseinhalb Millionen Einwohner Stadt Rio de Janeiro im Durchschnitt 85,4 Raubüberfälle auf Fußgänger registriert werden. Da viele Opfer eine Anzeige für sinn-, weil folgenlos halten, dürfte die Zahl der Überfälle deutlich höher sein. Im Januar dieses Jahres waren es 6911 Überfälle, 54 Prozent mehr als im Vorjahres-Januar. Die Zahl der registrierten Diebstähle pro Tag betrug 288 am Tag, einer Ziffer, die unter dem gleichen Vorbehalt steht.

 

Zweifelsohne ist es deshalb wichtig Drogen und Kriminalität zu bekämpfen, aber den Brasilianern geht es mehr denn je um reine Verschwendung. Zum Beispiel in Brasília, dessen Stadion-Baukosten offiziell mit 500 Millionen Dollar angegeben werden, was eine Unverschämtheit ist gegenüber den Menschen, die dafür am Ende die Rechnung bezahlen. Für den Preis werden in Europa zwei Stadien gebaut. So ist es nur logisch, dass die Brasilianer auf Missstände im Bildungs- und Gesundheitssystem hinweisen.

So stellt man sich die Frage, ob die Regierung von Dilma Rousseff nicht will oder nicht kann? Nachdem sich Brasiliens Wirtschaft schnell von der Finanzkrise erholt hatte, schrumpfte das Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) 2012 auf 0,9 Prozent. Im Jahr 2013 reichte die Wirtschaftsleistung für ein Wachstum von 2,5 Prozent. Die Zentralbank senkte jüngst ihre Prognose für das laufende Jahr 2014 und rechnet noch mit einer Zunahme des BIP von 2 Prozent. Für ein Schwellenland wie Brasilien mit einer WM im Rücken ist das zu wenig, und steht in keinem Verhältnis angesichts der enormen staatlichen Investitionen.

Die Oberschicht in Brasilien die neben der Fußball WM auch die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro fest im Visier hat, sollte besonders den WM- Monat nutzen, um die Touristen(finanz)ströme zu kanalisieren. Ganz in der Nähe des Maracaná-  Stadions, wo bei der Weltmeisterschaft sieben Partien stattfinden, darunter am 13. Juli das Finale und Wettbewerbe der Olympischen Spiele, befinden sich beispielsweise ärmere gemütliche Pensionen und kleinere Essensstände. Zu hoffen bleibt, dass die Fans aus aller Welt auch hierher kommen, anstatt nur in teuren Luxushotels abzusteigen.


Die Brasilianer sind als fünfmaliger Weltmeister nicht gegen die WM, fordern aber ihre Rechte ein. Der Weltverband FIFA versagt dabei, ähnlich wie bei der Ausbeutung der Arbeitskräfte für den WM 2022 Stadionbau in Katar, auch in Brasilien. Die Korruptionsvorwürfe aus den vergangenen Monaten wundern nicht, denn vergeblich wartet man bis heute auf Richtlinien und Sanktionen gegenüber dem WM Gastgeberland.

In diesen Tagen decken sich hier in Deutschland viele mit Trikots und den Spielplänen ein, Freunde und Fremde werden sich in den Armen liegen, und werden die Spiele in gestochen-scharfer HD Qualität in den Öffentlich- rechtlichen Sendern verfolgen. Auch die Brasilianer bereiten sich auf ihre WM vor, nur anders.

 

 

 

Foto: © Gustavo Minas

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