Kultur der Glückwünsche

Ein Leben ohne Hindernisse

01.03.2022 - Daniela Ribitsch

Über die Notwendigkeit von Widerstand

Als ich während meines Rückflugs in die USA mein kleines blaues Notizbuch und einen Kuli in die Hand nahm und meinen eben beendeten Weihnachtsurlaub in den österreichischen Alpen in  einem ersten Entwurf niederschrieb, ahnte ich noch nicht, welche Probleme mir dieser Entwurf bereiten würde. Wie es mit ersten Entwürfen so ist, schrieb ich alles nieder, was mir in den Sinn kam, ohne wirklich zu wissen, wohin mich meine Gedanken führen würden. Tage später tippte ich mein niedergeschriebenes Chaos am Computer ab. Das war der einfache Teil. Nun begann die Schwerarbeit. Mehrere Tage des Umstrukturierens und -formulierens waren notwendig, um herauszufinden, wie ich meine Gedanken in einen für andere Personen lesenswerten Essay verwandeln könnte. Es dauerte lange, bis ich endlich zufrieden war. Ich bat meinen Mann Rick, den Essay zu lesen und mir Feedback zu geben. Er fand kaum Fehler und sagte, der Essay lese sich flüssig und sei voll schöner Erinnerungen. Hurra!

Doch noch bevor ich einen Freudenschrei ausstoßen konnte, fuhr er fort: „Allerdings bin ich mir nicht sicher, welchen Zweck dein Essay hat. An welches Publikum hast du beim Schreiben gedacht?“ Autsch. Das tat weh. Denn wenn LeserInnen seinen Zweck nicht erkennen können, dann ist auch der sprachlich schönste Essay wertlos.

Wie Sie sich vorstellen können, liebe LeserInnen, erfreute mich sein Feedback wenig, um es milde auszudrücken. Sein Feedback bedeutete nämlich noch mehr Schweiß und Kopfweh. Ich kehrte also zu meinem Computer zurück und verbrachte den Nachmittag damit, meinem Essay einen Zweck zu geben. Aber finden Sie mal einen, wenn Sie einen brauchen… Als ich schließlich mit dem Umschreiben fertig war, überarbeitete ich den Essay noch ein paar Mal, bis ich endlich glücklich damit war.

„Jetzt“, dachte ich. „Jetzt ist er gut. Ich mag ihn sogar mehr als die vorhergehende Fassung.“

Rick las ihn wieder.

„Der ist viel besser“, sagte er.

Noch einmal autsch.

„Viel besser“ bedeutete eine Verbesserung, aber sicher nicht gut genug, um ihn mit meinen LeserInnen zu teilen.

„Ich bin mir noch immer nicht sicher, welchen Zweck der Essay hat“, sagte er.

Jetzt stehe ich hier in meinem Büro und schlage das Wort „Zweck“ im Duden nach. Da steht: „etwas, was jemand mit einer Handlung beabsichtigt, zu bewirken, zu erreichen sucht; [Beweggrund und] Ziel einer Handlung“. Dann sehe ich meinen Essay an und muss zugeben, dass ihm eindeutig ein klarer „Beweggrund“ und ein klares „Ziel“ fehlen. Ich erzähle einfach nur munter von meinem Weihnachtsurlaub.

Das ist hart. Es ist hart mir selbst einzugestehen, dass mein Essay nicht weiß, warum er eigentlich existiert. Und es ist ebenso hart anzuerkennen, dass mir zwar der Kopf raucht, mir aber im Moment trotzdem keine Lösung einfallen will. Mir bleibt also nur, den Essay für einige Tage, Wochen, Monate oder gar länger beiseite zu legen. Bis sein Zweck mich findet.

In seinen Arbeiten spricht der Philosoph Byung-Chul Han viel über die Angst unserer Gesellschaft vor Schmerz. Besonders mit den „Likes“ von Facebook haben wir uns in eine Gesellschaft verwandelt, die sich ausschließlich auf positive Dinge konzentriert. Uns interessiert nur der Applaus. Und in der Tat sollte es uns zu denken geben, dass Facebook nur „Likes“, jedoch keine „Dislikes“ erlaubt. Wie Han schreibt auch die Essayistin und Gesellschaftskritkerin Barbara Ehrenreich in ihrem Buch Smile or Die, wie sehr sich unsere Gesellschaft darum bemüht, Gefühle wie Angst und Wut zu unterdrücken. Ein ganzer Industriezweig hat sich etabliert und motiviert uns, auf uns begegnende Hindernisse stets mit positivem Denken zu reagieren. Soziologieprofessor Joel Best bestätigt die zunehmende Verdrängung von Hindernissen in seinem Buch Everyone's a Winner, wenn er schreibt, dass wir in einer „congratulatory culture“, also einer Kultur der Glückwünsche, leben, in der die Menge an Preisen und Auszeichnungen für Kinder und Erwachsene jedes Jahr zunimmt. Immer mehr Kinder erhalten einen Preis einfach nur fürs Mitmachen. Ich habe das vor ein paar Jahren bei einem Buben in meiner amerikanischen Familie erlebt, der bei einem Jiu-Jitsu-Turnier verlor und trotzdem mit einem Preis belohnt wurde. Als ich noch ein Kind war und bei Judoturnieren teilnahm, bekam ich nur dann eine Medaille, wenn ich gewann. Unsere „congratulatory culture“ und das permanente Streben nach positivem Denken erreichen in unserem Smartphonezeitalter eine neue, höchst bedenkliche Dimension. Wie Han argumentiert, bringt das Smartphone unseren Kindern nämlich bei, dass es für jedes Problem eine schnelle App gibt, die das Problem schnell löst. Die Konsequenz daraus ist freilich, dass Kinder sich mit keinen Hindernissen mehr auseinandersetzen müssen und dadurch weder Widerstand noch Konflikt erfahren.

Die Verbannung negativer Erfahrungen aus unserem Leben birgt laut Han ein ernstzunehmendes Problem, weil wir Negativität unbedingt in unserem Leben brauchen. Heutzutage wollen wir immerzu nur Spaß haben und möglichst viele besondere Momente sammeln, die wir in Form von Selfies mit anderen teilen. Han nennt diesen besonderen Momente „Erlebnisse“ und unterscheidet sie von „Erfahrungen“. Während Erlebnisse nur kurzlebig und vergnügungsorientiert sind, gehen Erfahrungen tief und brennen sich bei uns ein. Erfahrungen zeichnen sich durch Schmerz, negative Gefühle und Widerstand aus. Indem wir Hindernisse überwinden müssen, lernen wir etwas Neues für die Zukunft. Wir können das ganz leicht in unserem Alltagsleben beobachten. Wenn Dinge gut funktionieren, denken wir normalerweise kaum über sie nach. Doch wenn wir einem Problem begegnen, müssen wir Lösungsstrategien entwickeln. Das braucht üblicherweise Zeit und Geduld, da wir auf Widerstand stoßen und Rückschläge erfahren. Es ist aber genau diese unangenehme Erfahrung, die unseren Wissensstand erweitert und uns als Person wachsen lässt.

Freilich wurde ich grantig, als Rick auf meinen Essay mit Kritik statt einer Lobeshymne reagierte. Doch die Wahrheit ist: Hätte Rick einfach nur „Like“ geklickt, so würden Sie jetzt einen Essay lesen, der für Sie wahrscheinlich vielmehr eine Zeitverschwendung als eine Bereicherung wäre. Ehrenreich sagt, wir sollen die Dinge so sehen, wie sie sind. Ich kann es drehen und wenden, wie ich will: Meinem Essay fehlt der Zweck. Ganz einfach. Und weil Rick den Mut hatte, mir das zu sagen, muss ich mich nun ernsthaft mit diesem Problem auseinandersetzen. Das braucht Zeit und wird mir wohl so manche Träne in die Augen treiben. Doch indem ich mich mit diesem Problem beschäftige, verbessere ich meine Schreibfertigkeiten. Und darüber hinaus inspirierte mich der schmerzliche Kampf mit meinem unbrauchbaren Essay zu diesem neuen Essay hier, den Sie eben gelesen haben. Also, danke dir, Rick!

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